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Anette Günther nennt sich selbst „IGS-Tusse“.

Anette Günther

Frankfurt: Was will die designierte Leiterin der IGS Nordend?

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Anette Günther ist designierte Leiterin der integrierten Gesamtschule im Frankfurter Norden. Sie setzt auf die Teamfähigkeit aller Protagonisten. 

„Dann sehen wir uns also in der Sophienschule.“ Es gibt wohl keinen schlechteren Satz, wenn man sich mit Anette Günther verabreden will. Doch weil die Pädagogin ein freundlicher Mensch ist, ärgert sie sich über die Flapsigkeit des Journalisten nicht oder zeigt es zumindest nicht, sondern weist nur dezent darauf hin, dass es die Sophienschule doch gar nicht mehr gibt. In Wahrheit ist das Gebäude in der Bockenheimer Falkstraße, in dem 130 Jahre lang die Hauptschule untergebracht war, jetzt ihre Schule.

Ihre Schule? Anette Günther würde diese Aussage in doppelter Hinsicht zurückweisen. Denn zum einen ist sie eben noch nicht Schulleiterin der integrierten Gesamtschule (IGS) im Frankfurter Norden. Sie hat in den vergangenen Jahren aber die Planungsgruppe geleitet, die das pädagogische Konzept für die Schule entwickelt hat. Und nun hat sie sich auf die Stelle als Schulleiterin beworben und sagt Sätze wie: „Ich will diesen Posten unbedingt.“ Es wäre sehr, sehr verwunderlich, würde sie ihren Willen nicht bekommen.

Trotzdem: ihre Schule? Nein. Anette Günther, nennt sich selbst „IGS-Tusse“, was irgendwie komisch klingt, aber letztlich aussagen soll, dass sie vom Konzept der integrierten Gesamtschule vollkommen überzeugt ist. Und an einer solchen Schule setzt man auf Teamfähigkeit aller Protagonisten, auf gemeinschaftliche Arbeit von Schülern, Lehrern und Schulleitung. Da spricht niemand von seiner Schule.

Eröffnung der IGS am Montag

Am Montag, 12. August, werden Oberbürgermeister Peter Feldmann und Bildungsdezernentin Sylvia Weber diese Schule also eröffnen. Es ist eine merkwürdige Schule, und das ist nicht despektierlich gemeint. Aber diese IGS im Frankfurter Norden liegt ganz bestimmt nicht im Norden, sondern eben relativ innenstadtnah in Bockenheim. In drei Jahren soll sie aber in die nördlichen Stadtteile ziehen, vermutlich in Räume am Ben-Gurion-Ring, von denen Anette Günther ganz offen sagt, dass sie noch ziemlich umgestaltet werden müssten, bevor eine Schule dort einziehen kann. Der Wechsel des Standorts werde die Arbeit in den kommenden drei Jahren bestimmt prägen, sagt die designierte Schulleiterin.

Was aber heißt es konkret, wenn eine Schule, die eigentlich in Bonames angesiedelt werden soll, in Bockenheim eröffnet? Viele der etwa 140 Schülerinnen und Schüler kommen aus dem Frankfurter Norden. Sie freuen sich auf einen kurzen Schulweg, müssen zunächst aber einen Pendelbus nehmen, den die Stadt Frankfurt eigens eingerichtet hat. Andere Kinder kommen aus Bockenheim und genießen jetzt den kurzen Weg. Für sie wird der Bus in drei Jahren dann in umgekehrter Richtung verkehren.

Und dann gibt es noch die Kinder, die weder im Frankfurter Norden noch in Bockenheim wohnen und die eigentlich auch nicht auf diese Schule gehen wollten, aber vom Staatlichen Schulamt auf die IGS geschickt wurden, damit die Plätze in den sechs Klassen zumindest ansatzweise gefüllt sind. Wie viele das sind? „Das würde ich Ihnen ungern sagen“, sagt Günther.

Anette Günther unterrichtet Deutsch, Mathematik und Physik. Sie arbeitete zunächst an der Ernst-Reuter-Schule und der IGS Herder. Für das Kultusministerium und das Staatliche Schulamt leistete sie Schulentwicklungsarbeit, bevor sie die Leitung der Planungsgruppe für die IGS im Frankfurter Norden übernahm. geo

Auch die Behörden sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, derartige Statistiken zu veröffentlichen. Zu groß erscheint den Verantwortlichen die Gefahr der Stigmatisierung von bestimmten Schulen. Doch einfach schweigen oder dem Journalisten gar Mumpitz erzählen, will Anette Günther auch nicht. „Es ist eine beträchtliche Zahl von Schülerinnen und Schülern, die uns zugewiesen wurden“, sagt sie.

Aber: Die Kinder und ihre Eltern hätten Lust auf die IGS. Auch jene, die die Schule nicht als Erst- oder Zweitwahl angegeben hatten. Das habe sie bei den Info-Abenden in den vergangenen Wochen festgestellt. Die Schülerinnen und Schüler seien gespannt auf das, was sie in dem altehrwürdigen Gebäude an der Falkstraße erwarte, sie sähen sich als Pioniere, als junge Leute, die vor einer Herausforderung stünden.

Anette Günther wertet das durchaus als Bestätigung für ihre Arbeit. Die Pädagogin, die schon an mehreren Gesamtschulen in Frankfurt gearbeitet hat, könnte einen langen Vortrag über das pädagogische Konzept halten. Sie kann es aber auch mit einem Wort zusammenfassen: Vielfalt.

In der Planungsgruppe gab es auch einen Workshop, in dem vor allem junge Leute mitgearbeitet haben. Sie sollten offen erzählen, was sie an ihrer Schule begeistert hat und was sie langweilig fanden. „Dabei kam heraus, dass die Jugendlichen Abwechslung wollen“, sagt Anette Günther. Und so vermeidet die IGS ganz bewusst, sich festzulegen: nicht auf eine bestimmte Fachrichtung wie Naturwissenschaften, Musik oder Sport. Und auch nicht auf ein Unterrichtsmodell. Den klassischen Unterricht wird es genauso geben wie fächerübergreifende Projekte und individualisierten Unterricht, bei dem die Schülerinnen und Schüler an Aufgaben arbeiten, die auf sie zugeschnitten sind.

Hausaufgaben in Tagesablauf  integriert

Wichtig ist Anette Günther, dass die Hausaufgaben in den Tagesablauf der Ganztagsschule integriert sind. Bei manchen Kindern seien die Bedingungen daheim so, dass sie nur schwer Aufgaben erledigen könnten. Und es gibt Freizeit an der IGS. Nein, nicht Arbeitsgemeinschaften, in die sich die Kinder für ein halbes Jahr einwählen müssen. Sondern täglich wechselnde Angebote, für die sich die Schülerinnen und Schüler immer wieder aufs Neue entscheiden könnten.

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Das alles zeichne die Schulform aus, sagt Anette Günther. Und dann spricht sie über Bildungsgerechtigkeit und die unterschiedlichen Modelle der integrierten Gesamtschulen in Frankfurt, bei denen stets die Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt stünden, die sich weitgehend ohne Stress nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entwickeln könnten.

Annette Günther spricht aber auch über ihre eigenen Kinder, 17 und 19 Jahre alt. Gerne hätte sie die beiden Mädchen auf eine IGS geschickt, doch da war nichts zu machen. Sie wollten auf ein Gymnasium. Unbedingt. So wie ihren eigenen Kindern gehe es auch vielen Eltern. „Aber wissen Sie“, sagt Annette Günther, „in der Regel sind das Menschen, die das System der integrierten Gesamtschulen einfach nicht kennen.“

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