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Blühende Aloen in der Wüste – hinein darf jetzt leider niemand.
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Blühende Aloen in der Wüste – hinein darf jetzt leider niemand.

Perspektiven

Neue Blicke auf Kakteen und Orchideen in Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Solange niemand hineindurfte, ist hinter den Kulissen des Frankfurter Palmengartens viel gearbeitet worden. Das bringt ganz veränderte Perspektiven, solange die Häuser zu sind.

Für seine 150 Jahre sieht er eigentlich ganz frisch aus. Besonders im Frühling. Aber ein paar Schönheitsreparaturen kann selbst der Palmengarten gebrauchen. Wir schauen mal, was sich so getan hat in der Zwischenzeit. Konnte ja lange Zeit niemand ’rein. Danke, Corona.

Draußen waren schon wieder Bagger am Werk, besonders im Februar. Die haben ganz ordentlich den Sukkulentengarten umgegraben. Sukkulenten? Das sind saftspeichernde Pflanzen. Bekannteste Vertreterinnen: Kakteen, Agaven, Amaryllis. Problem bisher: Dieser Garten war steil. Sehr steil. „Steigung bis zu sechs Prozent“, sagt Gärtnermeister Roland Rudolph, „das ging überhaupt nicht.“ Nach Starkregen musste das Team immer „alles wieder hochschaffen“. Markus Lölkes, der Leiter der botanischen Sammlung, hat es häufig erlebt: „Nicht jeder unserer Besucher ist diesen Hügel hinaufgekommen. Das war selbst mit Stock eine Herausforderung.“

Aber das soll sich ändern. Der Berg ist abgetragen, und rechtzeitig zum Jubiläum sollen auch Betagte und Gehbehinderte den Ort genießen können, zwar noch ohne Pflanzen (die stammen ja aus der Halbwüste und mögen keine kalten Nächte), aber mit befestigten Wegen, Aufenthaltsfläche, Sitzgelegenheiten und Infotafeln. Der Umbau wird ein wenig Grünfläche kosten, aber alle sollen davon profitieren. Lölkes: „Ein inklusiver Palmengarten ist unser Anspruch.“ Drüben im Botanischen Garten ist die Barrierefreiheit schon weiter fortgeschritten, mit einem Bodenleitsystem für Menschen mit Sehbehinderung und einem interaktiven Audioguide. Das gute Vorbild soll von dort bald herüberwachsen auf die andere Seite der Siesmayerstraße. Dort ist übrigens das Kassenhäuschen weg. Zack – prangt eine Freifläche inmitten des 1905 eröffneten Eingangsschauhauses. Die neue Kasse kommt an den Rand. Dann gibt es mehr Ausstellungsfläche.

Wir schauen mal ins Tropicarium. Da werden gerade Madagaskar-Palmen von einem Ventilator angepustet. Nanu? „Die Palmen sind frisch beschnitten – die Schnittstellen sollen abtrocknen“, erklärt Mitarbeiter Christian Wehlmann.

Ganzjährig Saison

Drinnen will die Jacke sofort möglichst weit vom Körper weg, den sie draußen noch wärmte. Es heißt nicht zum Spaß Tropicarium. „Im Sommer sind es 40 Grad. Dann kann man hier gar nicht so lang arbeiten“, sagt Rudolph. Apropos arbeiten. Genau wie draußen mit der Ringwasserleitung sind die Arbeiter drinnen im Tropicarium mit den anstehenden Aufgaben rasant vorwärtsgekommen – als der Palmengarten wegen Corona schließen musste. „Wir lieben unsere Besucher“, sagt Lölkes, „aber die Arbeit geht natürlich einfacher, wenn der Weg frei ist.“ Und es gibt das ganze Jahr über genug zu tun. „Wir haben nie Nicht-Saison.“

Bei den Pflanzen dürfen wir sicher auch davon ausgehen, dass sie das Publikum lieben. Wenigstens ein bisschen. Aber: „Man spürt auch, wie alles aufgeatmet hat.“ Im Shutdown. „Die Pflanzen entspannen in der Pandemie“, sagt Lölkes. Es sei natürlich kein böser Wille, aber Besucher könnten auch zur Belastung werden. Vor allem dann, wenn es manchmal doch böser Wille ist. „Es gibt mutwillige Zerstörung, es gibt Pflanzendiebstahl.“ Aber wie gesagt: Das sind Ausnahmen. Der Pilosocereus wirkt jedenfalls total relaxt. Und fünf Meter hoch. Und haarig. Heißt ja auch auf Deutsch: Haarige Kerze.

Aber so weit waren wir noch gar nicht. 20 Tonnen Granit hat das Team für einen neuen Canyon in der Halbwüste des Tropicariums verbaut, grauen Fels. Die Pflanzen brauchen noch eine Weile, um etwa Mexiko authentisch wiederzugeben mit Agaven, Kakteen, Palmen, unter anderem mit dem Heidelbeerkaktus. Auf der anderen Seite des Wegs sind wir in Arizona: Brauner Quarz wartet auf frisches Substrat und Pflanzen. Die Stecklinge dafür sind schon vor gut einem Jahr angesetzt worden. Hier ist auch die Wahlheimat des Saguaro-Kaktus.

Alle 20 Jahre muss so ein Pflanzgebiet grundsätzlich neu aufbereitet werden, sagt Rudolph. „Das ist hier nicht wie mit der Mona Lisa, die man einfach an die Wand hängen und genießen kann. Das sind Pflanzen, das sind alles Lebewesen.“

Blickachsen sind es inzwischen, auf die die Palmengarten-Macher Wert legen. Ruhig öfter mal Weite und Tiefe zeigen. Früher dagegen habe der Zeitgeist nach Masse verlangt. „Da wurden die Besucher oft erschlagen vom Grün.“

Davon kann seit Pandemiebeginn ohnehin keine Rede mehr sein. Wenn Besucher hereindurften, dann unter Sicherheitsvorkehrungen. Beliebte Ausstellungen wurden abgesagt. „Dass wir keine Frühlingsausstellung hatten, war hart. Das trifft mich schon“, sagt Lölkes.

Dafür gibt es jetzt ganz neue Einblicke. Im Mangrovenhaus sind viele Scheiben ausgetauscht, die blind waren, ebenso an den Häusern der botanischen Sammlung. Häuser der botanischen Sammlung? Wo sind die denn? Am Rand des Palmengartens, entlang der Siesmayerstraße. Plötzlich sind da Orchideenfenster. Ganzjährig gucken blühende Raritäten aus dem Fenster. „Was wir hier haben, kann man nur von außen sehen“, sagt Markus Lölkes. Zurzeit sogar von der Straße aus. Unter anderem eine ganze Reihe Vanillepflanzen – und mehrere Titanwurze (Amorphophallus). Das sind die Riesenpflanzen mit den größten Blüten der Welt.

Praktisch, dass die jetzt ins Freie hinaus winken, da eh niemand irgendwo ’rein darf. Und neue Wegweisertafeln gibt es dort auch. Nicht mehr nötig, die Gärtner in ihrer Pause anquatschen: Wo geht’s bitte zu den Toiletten?

Die Wege sind breiter geworden, die Blicke freier.
Es blüht, von unten und von oben.
Haus Rosenbrunn – wie alle Gebäude nur von außen zu bewundern.

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