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Die Skyline mal im Hellen: Produzent Semir und Starrapper Kalifa auf der Dachterrasse des Labels.

„Skylines“

Netflix-Serie „Skylines“: Immer die gleichen Klischees über Frankfurt

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In der Netflix-Serie „Skylines“ geht es um Rapper, Drogendealer und Immobiliengeschäfte – und um viel Krankfurt satt Frankfurt.

So ein Frankfurt-Tatort in der ARD ist ja schon immer eine aufregende Sache: Acht Millionen Zuschauer schalten durchschnittlich ein – und Frankfurter und Frankfurterinnen schlagen dann manchmal ob des in Deutschland verbreiteten Bildes ihrer Stadt die Hände über dem Kopf zusammen. So eine Netflix-Serie hat da noch ganz andere Dimensionen. Seit Freitag ist bei dem Streamingdienst die in Frankfurt gedrehte Serie „Skylines“ abrufbar. In 190 Ländern. Bei 150 Millionen Abonnenten. Doch was bekommt die Welt von Frankfurt zu sehen? Nehmen im nächsten Urlaub Brasilianer, Italiener, Thailänder angstvoll Reißaus, wenn man erwähnt, dass man aus Frankfurt kommt?

Möglich. Denn das Bild von Frankfurt in der Serie ist düster. Das fängt schon damit an, dass es gefühlte 90 Prozent der Zeit dunkel ist. Der Welt sei also gesagt: Wir haben übrigens Licht. Wirklich. Die Häuser sind tatsächlich mit Lichtschaltern ausgestattet und auch hier geht die Sonne auf. In den Sommern ist es so sonnig und heiß und trocken, dass im Stadtwald 97 Prozent der Bäume geschädigt sind. Da ergeben sich zwar auch finstere Aussichten, aber das würde nun eben alles nicht in eine Serie passen, in der es um Rapper, ein Plattenlabel und um Drogendealer geht, ums Finanzwesen, Immobiliengeschäfte und verdeckte Polizeiermittlungen. Dunkel-düster passt da viel besser. Und dunkel-düster passt ja auch viel besser zu all den Frankfurt-Klischees, die es eben so gibt und die in der Serie auch bedient werden. Stadt der Banken und des Geldes, Hauptstadt des Verbrechens, Rotlichtmilieu, Drogenszene, Krankfurt.

„Skylines“ zeigt nur einen kleinen Teil Frankfurts

Worum es geht: Jinn möchte Hip-Hop-Produzent werden und unterschreibt einen Vertrag beim Plattenlabel „Skyline Records“ in Frankfurt. Die Firma gehört Starrapper Kalifa. Doch dann taucht dessen Bruder Ardan nach vielen Jahren wieder auf. Er hatte beim Aufbau des Labels in Offenbach mit Geld aus Drogengeschäften geholfen. Kalifa will mit Drogen, Gewalt und Geldwäsche aber nichts mehr zu tun haben und war nach Frankfurt gezogen. Seinen Bruder kümmert das aber alles nicht. Das Label wird von Gangstern übernommen und die Polizei ermittelt.

Sicher, das mag ein Teil der Stadt sein. Und ja, im Bahnhofsviertel treffen Welten aufeinander. Doch die Stadt hat 248 Quadratkilometer, 0,52 gehören zum Bahnhofsviertel – zu dem ja auch ein Teil der Bankentürme zählt. Dass das Leben auf den 0,52 Quadratkilometern also Frankfurt sei, kann nun keiner behaupten. In der Serie gibt es aber nichts anderes. Moselstraße, Elbestraße, Niddastraße, Mainzer Landstraße, Leuchtschriften von Bordellen, verglaste Fassaden, nächtliche Straßenschluchten. Aus viel mehr besteht die Stadt dort nicht.

Dabei hätten wir doch da auch so eine neue, schnuckelige Altstadt zu bieten. Gut, ist nicht so heruntergekommen, weil sie gerade erst vor einem Jahr eröffnet wurde. Als Drogenumschlagsplatz ist sie bisher auch nicht bekannt, aber es soll dort massenweise Wildpinkler geben. Deren Urin zersetzt die Fassaden. Nicht schön. Wenn also Netflix mal eine Serie im Wildpinklermilieu drehen möchte, könnte die neue Altstadt als wunderbare Kulisse dienen. Falls die Stadt nicht bis dahin eine Toilettenlösung gefunden hat. Was unwahrscheinlich ist.

Und Netflix hat den Bereich der Altstadt ja durchaus schon entdeckt. Nicht in der Serie, aber auf dem ganzen Paulsplatz ist Werbung für „Skylines“ auf den Boden gesprüht. Nicht gut für den Tourismus. Wenn das die derzeitigen Besucher sehen und dann zurück daheim die Serie anschauen, werden sie wohl kaum wiederkommen. Sie werden erleichtert sein, dass sie heil aus dieser Stadt herausgekommen sind.

Mieten sind auch in „Skylines“ Thema

Denn da explodiert ja auch schon einmal eine Handgranate in einer Tabledance-Bar im Bahnhofsviertel. Vor vier Jahren ist auf dem Riedberg mal eine Handgranate explodiert. Auf einem Acker. Sie war wohl mit einer großen Menge Erde auf einer Baustelle angeliefert worden und das Landeskriminalamt zündete sie kontrolliert – mit mehr explodierenden Handgranaten in den vergangenen Jahren kann Frankfurt nicht aufwarten.

Doch weil diese Handgranate im Bahnhofsviertel explodiert, macht man sich die „Skylines“-Polizeiwelt Gedanken, dass der Stadt schlechte Presse schade, wenn sie beim Brexit mitmischen wolle. Das mag vielleicht vor drei Jahren so gewesen sein. Da gingen die Frankfurter Politiker noch auf Werbetour, damit sich Unternehmen nach dem Austritt der Briten aus der EU in Frankfurt ansiedeln. Doch die Rufe nach den Brexit-Bankern sind leiser geworden. Denn es ist auch klar: Sie würden mit ihren hohen Gehältern weitere Mittelstandsfamilien aus der Stadt vertreiben.

An 45 Tagen wurde zwischen November 2018 und März 2019 in Frankfurt gedreht. Szenen spielen im Bahnhofsviertel und im Westend, am Osthafen und an der Konstablerwache. Gedreht wurde auch in größeren Hotels, im Tanzhaus West, im Velvet Club, in den Wallanlagen und im FSV-Stadion. Dazu kommen Aufnahmen im Offenbacher Einkaufszentrum. 21 Tage wurde in Berlin gedreht, allerdings wurden nur Innenaufnahmen gemacht.

Mieten sind auch in „Skylines“ Thema. Dass die Quadratmeterpreise unbezahlbar geworden seien, klagt der Hotelmitarbeiter. Bis zu 20 Euro zahle man im Westend. Und da hat er ja nicht unrecht. Aber vielleicht sollte die Welt besser nicht wissen, dass das eine eher unrealistische Obergrenze ist.

Bis zu 40 Euro pro Quadratmeter kommt der Wahrheit näher. Und das Westend ist tatsächlich immer noch der teuerste Stadtteil Frankfurts. Auch wenn man für einzelne Wohnungen in anderen Stadtteilen noch viel mehr hinlegen kann.

Mit Fußball ist das in der Serie so eine Sache. Treffen der Polizistin mit ihrem Informanten im FSV-Stadion beim Spiel gegen Steinbach: „PSD Bank Arena“ prangt über dem Stadion. Als würden die Frankfurter ihren Stadien Bankennamen geben, Commerzbank-Arena am Ende noch. Wo kämen wir da hin, das wäre ja … Na gut, das tun die Frankfurter wirklich. Und das Spiel gegen Steinbach gab es auch. 1:0 führt der FSV in der „Skylines“-Szene. Nett von Netflix*, gerade die nur 14 Minuten andauernde Führung der Frankfurter zu erwähnen. Am Ende ging das Spiel dann doch 1:4 verloren. Aber dem FSV wird auch ein wenig unrecht getan. Realistisch ist das Gespräch zwischen zwei FSV-Fans im Wettcafé eher nicht. Von einer Prügelei auf einem Acker gegen Dresden-Fans erzählen die beiden. Immerhin so schlimm, dass die Nase krumm und das Jochbein kaputt waren. Eine solche Schlägerei ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Sind doch die FSV-Fans nicht gerade als gewaltbereit bekannt.

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Aber nicht nur der Frankfurter und die Frankfurterin müssen manchmal angesichts der Crime-City-Darstellung der eigenen Stadt schlucken. Als der Bruder des Starrappers zurückkehrt und Drogengeschäfte aus dem Keller des Plattenlabels an der Mainzer Landstraße tätigt, da besteht die Geschäftsführerin auf Legalität. „Sonst hätten wir ja gleich in Offenbach bleiben können.“

Damit sollen sich aber nun die Offenbacher auseinandersetzen. Die haben es auch nicht immer leicht mit dem Bild, das über ihre Stadt in die Welt hinausgetragen wird.

*Die Frankfurter Rundschau ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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