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Nazis zur Rechenschaft ziehen

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Von: Steven Micksch

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Fritz Bauer (2. v. l.) und die vom Spieler oder der Spielerin gesteuerte Esther Katz sind wichtige Figuren in der Geschichte.
Fritz Bauer (2. v. l.) und die vom Spieler oder der Spielerin gesteuerte Esther Katz sind wichtige Figuren in der Geschichte. © Paintbucket Games

Im Computerspiel „The Darkest Files“ von Paintbucket Games übernimmt man die Rolle einer jungen Staatsanwältin in Frankfurt Mitte der 1950er-Jahre. Im Ermittlungsteam rund um Fritz Bauer versucht man, Verbrechen aus der NS-Zeit aufzuklären.

Die junge Staatsanwältin Esther Katz wirkt aufgewühlt, als sie nach der Befragung von Ludmilla Neumann den Konferenzraum verlässt. Die Schilderungen der Witwe, deren Mann Hans kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis verschleppt und später tot im Wald gefunden wurde, waren eindrücklich. Die Gefühle der fiktiven Staatsanwältin spiegeln sich auch im Spieler oder der Spielerin wider, der oder die im Spiel „The Darkest Files“ in die Rolle von Katz schlüpft. Die junge Frau ist Teil des Ermittlungsteams des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer und versucht, NS-Verbrechen zu verfolgen und aufzuklären.

Lange war es still um das Berliner Entwicklungsstudio „Paintbucket Games“. Das ein weiteres Spiel in Planung war, war bekannt, doch Details fehlten. Auf der Spielemesse Gamescom in Köln gab es schließlich für alle Interessierten erstmals die Gelegenheit, den Anfang des neuen Spiel des Studios auszuprobieren. Auf den ersten Blick scheint „The Darkest Files“ eine logische Fortsetzung des ersten Spiels des Studios – „Through the Darkest of Times (TtDoT)“ – zu sein.

Diesmal in der Ego-Perspektive

Darin übernahmen die Spieler:innen die Geschicke einer Widerstandsgruppe im Dritten Reich und versuchten, nicht nur zu überleben, sondern auch Aufklärung zu betreiben und andere zu retten. Inhaltlich war TtDoT harter Tobak und nicht minder aufwühlend wie nun „The Darkest Files“ werden könnte, auch wenn das Vorgängerspiel einige Mängeln hatte.

Aber das neue Spiel unterscheidet sich auf den zweiten Blick dann eben doch erheblich von TtDoT und kann genau damit punkten. Während das erste Spiel noch auf einer Stadtkarte stattfand, auf der man seine Figuren einzelnen Aktionen zuweisen konnte und dann schaute, was herauskam, werden wir in „The Darkest Files“ zu Esther Katz und bewegen uns in der Ich-Perspektive durch die Kanzlei. „Das alte Genre hätte nicht mehr zu ,The Darkest Files‘ gepasst“, sagt Jörg Friedrich, Geschäftsführer des Studios, im Gespräch mit der FR. Die Fälle, die Esther Katz in Frankfurt ab 1956 erlebe, seien so berührend, dass man sie ausführlich erzählen müsse.

Sechs reale Fälle werden nacherzählt

Apropos erzählen: Auch da geht das neue Spiel andere und zwar bessere Wege. Es gibt nämlich eine Sprachausgabe, die zumindest in der Demo sehr gelungen ist. Die deutschen Sprecher:innen übernehmen dabei auch die englische Vertonung. Authentischer geht es kaum. Die Sprachausgabe sei ein großer zusätzlicher Aufwand, der es aber wert sei, so Friedrich.

Insgesamt sechs Fälle soll es im Spiel geben. Fertig ist bisher nur der über Hans Neumann samt abschließender Gerichtsverhandlung. Eine solche Verhandlung wird es für alle Fälle geben und sie soll zeigen, ob Esther Katz auch keinen Hinweis verpasst beziehungsweise die richtigen Schlüsse gezogen hat. „Man kann niemand Unschuldigen vor Gericht bringen“, gibt Friedrich zumindest in dieser Hinsicht Entwarnung. Mit zwei Stunden Spielzeit pro Fall rechnet das Entwicklerteam.

Das team

Das Entwicklerstudio Paintbucket Games ist ein Indie-Studio aus Berlin. Indie steht dabei für independent, also unabhängig. Es entwickelt Spiele unabhängig von der Finanzierung durch große Verleger.

Paintbucket wurde 2018 von den beiden ehemaligen AAA-Entwicklern Jörg Friedrich und Sebastian St. Schulz gegründet. Das Dreifach-A ist ein Synonym für kommerziell erfolgreiche Spiele, also Blockbuster.

Die beiden wollten fortan Spiele entwickeln, die relevante Themen fesselnd behandeln und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Das erste Spiel des Studios war „Through the Darkest of Times“, das 2020 zahlreiche Preise einheimste. „The Darkest Files“ ist der Nachfolger dieses Spiels. Darüber hinaus wurden noch die Titel „Beholder 3“ und „Forced Abroad“ veröffentlicht. mic

Alle Fälle seien authentisch und beruhten auf wahren Begebenheiten, die man aus den Archiven recherchiert habe. Nicht alle seien in Wahrheit von Bauer und seinem Team behandelt worden, zudem seien Aspekte verdichtet worden, um ein besseres „Storytelling“ zu erreichen, und es wurden auch Namen und Orte verändert, doch die Verbrechen seien real. Das Team wird auch von einem Historiker beraten.

Die Auschwitz-Prozesse werden nicht verhandelt

Auch jenseits der Fälle gibt es eine zusammenhängende Geschichte über Esther Katz. Es wird entwickelt, was eigentlich mit ihrem Vater in einem Land voller Täter:innen war. Nach einigen Zeitsprüngen endet das Spiel schlussendlich 1962 kurz vor den Auschwitz-Prozessen. Diese werden zwar erwähnt, aber nicht Teil des Spiels sein.

Der besondere Grafikstil des Spiels orientiere sich an den Darstellung vieler Graphic Novels, sei aber auch inspiriert vom Erscheinungsbild klassischer Noir-Filme. Grundsätzlich könne man das Ganze aber durchaus als Comicstil beschreiben. „Die Farbschemas, die wir wählen, passen in die Zeit der Handlung“, sagt Friedrich. Knallige Neonfarben werde man vergeblich suchen.

Eine Demo soll es im Februar geben

Das Entwicklerteam hat mittlerweile zwei Fälle fertiggestellt. Ein dritter werde demnächst begonnen. Anfang Februar soll es eine spielbare Demo geben. Die erste richtige Episode ist für das Frühjahr 2023 geplant. Dass das Spiel nicht komplett fertig am Stück erscheine wie sein Vorgänger, liege auch daran, dass das Studio bisher keinen Publisher gefunden habe. Die Finanzierung des Projekts müsse dadurch auch durch die Verkäufe der Episoden gewährleistet werden.

Zweifel am ambitionierten Projekt hat Friedrich trotz fehlenden Verlegers und anderer Unwägbarkeiten aber nicht gehabt. „Die Message des Spiels ist in diesen Zeiten wieder extrem wichtig geworden. Nämlich das Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit.“ So wie es Bauer verkörperte.

Die Büros sind mit allem Notwendigen ausgestattet.
Die Büros sind mit allem Notwendigen ausgestattet. © Paintbucketgames
Ist die Indizienkette schlüssig? Esther Katz präsentiert Fritz Bauer ihre Schlussfolgerungen.
Ist die Indizienkette schlüssig? Esther Katz präsentiert Fritz Bauer ihre Schlussfolgerungen. © Painbucket games
Jeder Fall im Spiel wird auch vor Gericht verhandelt, sobald man Anklage erhebt.
Jeder Fall im Spiel wird auch vor Gericht verhandelt, sobald man Anklage erhebt. © Paintbucket games
Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkriegs treiben die Geschichten voran.
Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkriegs treiben die Geschichten voran. © Paintbucketgames
Auch frühere hochrangige SS-Offiziere werden zur Rechenschaft gezogen.
Auch frühere hochrangige SS-Offiziere werden zur Rechenschaft gezogen. © Paintbucket Games

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