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Navid Kermani: „Vergesst Mohammad Hosseini nicht“

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Von: Florian Leclerc

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FOTO TAGESSATZ © Rolf Oeser

Navid Kermani erinnert beim Neujahrsempfang im Frankfurter Römer an die Proteste und Hinrichtungen im Iran.

Es war eine Geschichte aus seinem Leben, die Navid Kermani beim Neujahrsempfang im Kaisersaal des Römers zu erzählen hatte. Er war, sagte er, am Wochenende mit seiner Tochter Skifahren, im Lift hatte er Empfang, da brach diese Nachricht über ihn herein: Zwei Menschen, die im Iran protestiert hatten, wurden hingerichtet. Einer von ihnen ist Mohammad Hosseini, der 39 Jahre alt wurde, ein Waise war und Arbeiter in einer Geflügelfabrik.

Die Rede im Wortlaut

Die komplette Rede können Sie in einer autorisierten Fassung von Navid Kermani nachlesen:

Navid Kermani: „Eigentlich sind wir im Herzen pausenlos im Iran“

Mohammad Hosseini hinterließ einen Abschiedsbrief, in der er sich eine Gesellschaft wünschte, in der Kinder in Frieden leben könnten, in der Liebe zwischen den Menschen herrsche, in der Frauen echte Rechte hätten: „Frau, Leben, Freiheit“, beschwor er den Slogan der politischen Emanzipation im Iran. Ob er den Text selbst geschrieben habe, ob ihm jemand seine Stimme verlieh? „Das ist egal. Es spricht die Wahrheit“, sagte Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Intellektueller. „Vergesst Mohammad Hosseini nicht.“

Frankfurt und seine Bezüge zum Iran

Auch Frankfurt habe Bezüge zum Iran, führte Navid Kermani aus, Goethe etwa mit dem West-östlicher Divan, und Nargess Eskandari-Grünberg, die in der ersten Reihe saß. „Frau Grünberg-Eskandari“, wie er sie gleich zweimal nannte, was die Sympathien aber nicht schmälerte, habe als junge Frau im Iran im berüchtigten Evin-Gefängnis als politische Gefangene eingesessen. Sie habe als politische Geflüchtete in Deutschland Deutsch gelernt und in Frankfurt Karriere gemacht. Es gehe ihr sicher ebenso wie ihm, wenn Meldungen über Hinrichtungen im Iran auf dem Handybildschirm auftauchten: Die Welt breche in die Realität herein.

Mehr als 100 Menschen stünden im Iran auf der Todesliste, sagte er. Mehr als 500 Menschen seien bereits getötet worden, vier davon hingerichtet. Mehr als 19 000 Menschen säßen in den überfüllten Gefängnissen.

Deutschland habe, als die Proteste im September begannen, vier Wochen gezögert. Dann habe die Bundesaußenministerin eine 180-Grad-Wende in ihrer Iran-Politik gemacht. „Der Druck von innen und der Druck von außen werden etwas bewirken“, ist sich Kermani gewiss.

Es gehe im Iran nicht nur um den Kopftuchzwang. Auch wenn der Tod von Mahsa Amini, der eine Haarlocke unter dem Kopftuch hervorgelugt haben soll, den Auftakt der Proteste bildete. Es gehe um Frauenrechte, Menschenrechte, den Alltag, Korruption, Armut, Umweltverschmutzung. Im Iran trockneten Flüsse aus, in den Städten wabere Smog durch die Luft. Das Regime versuche die Proteste mit einer äußersten Gewaltbereitschaft, einem Meer von Blut, zu unterdrücken. Doch der Wandel lasse sich nicht aufhalten. 85 Prozent der Menschen im Iran solidarisierten sich mit dem Protest - auch wenn nur noch wenige todesmutig auf die Straße gingen. „Der Iran hat eine Stimme“, sagte Kermani. Gleiches wünsche er sich für Afghanistan.

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