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Nur zu Besuch auf dem Trockenen: Dieser kleine Barsch darf weiterleben.

Angeln in Frankfurt

Die natürlichen Feinde der Großstadtangler

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Angeln ist beileibe kein Altherrensport mehr. Immer mehr junge Leute drängt es ans Wasser - und das auch mitten in der Stadt. Zu Besuch bei einem Großstadtangler in Frankfurt.

Der Angler hat seinen Platz gefunden. Das ist schon mal die halbe Miete. Es ist ein steiniges, kleines Fleckchen Ufer, ein kleines Stück flussabwärts vom Rudererdorf, nicht unbedingt gemütlich, dafür mit Blick auf die Skyline. Viel beliebter, weil noch fischreicher, seien die Jagdgründe weiter drunten, zwischen Alter Brücke und Eisernem Steg. „Aber das ist im Sommer die Hölle“, sagt der Angler, während er seinen Angelkasten durchkramt und sich schließlich für einen Gummifisch als Köder entscheidet.

Eigentlich sucht der Angler gar keine Fische. Eigentlich sucht er seine Ruhe. Eigentlich ist der Angler auch gar kein Stadt-, sondern ein Landangler. Normalerweise wirft er seine Route an einem kleinen Angelteich in der Region aus. An einem Weiher, der einem Mann von altem Landadel gehört, einem umzäumten Gebiet, an dem es wunderschön sei und wo man auch übernachten könne. Es gibt da einen Deal mit dem Teichbesitzer: die Fische, die die Angler angeln, werden nicht verspeist, sondern sofort wieder zurück in den Tümpel geschmissen. Kein Thema, sagt der Angler, weil die Fische dort sowieso nicht allzu lecker seien.

Auch hier und heute am Main habe er nicht vor, einen Fisch mit nach Hause zu nehmen. Es sei denn, es bequeme sich endlich einmal ein Zander anzubeißen. Da würde er schon mal eine leckere Ausnahme machen.

Die Ruhe, die er eigentlich sucht, wird der Angler an diesem Samstagabend kaum finden. „Von Erholung zu reden, wäre wohl übertrieben“, brüllt der Angler gegen den Lärm eines Hubschraubers an und wirft abermals mit stoischer Gelassenheit die Angel aus, um sie wieder einzuziehen. Denn der ruhesuchende Angler am Main hat viele natürliche Feinde. Da wären zum einen quasselnde Journalisten. Die sind zwar nervig, aber extrem selten, beinahe ausgestorben. So ausgestorben wie der Stör, sagt der Angler, der noch vor hundert Jahren sein Wesen im Main getrieben habe. Um den Stör sei es schade, sagt der Angler.

Der zweite natürliche Feind des ruhesuchenden Anglers sind die Partyboote, aber die sind ohnehin Feinde der kompletten menschlichen Zivilisation. Der dritte sind die Stehpaddler. Die verscheuchen zwar keine Fische, paddeln aber bevorzugt in Ufernähe, und der Angler muss stets aufpassen, dass sie nicht Leine ziehen.

Der größte Feind des ruhesuchenden Anglers aber bleibt nach wie vor der Fisch an sich. Denn spätestens, wenn einer beißt, ist es mit der Ruhe vorbei. Das ist aber kein Problem, denn der Angler sucht nicht nur Ruhe. Er liebt auch den Kampf. Den Moment, „wenn der Fisch an der Leine ist und sich wehrt“. Immerhin, dieses Glücksmoment ist auch am Main zu bekommen.

Wobei nicht alle Fische als reines Glück empfunden werden. Der Wels etwa, sagt der Angler, habe sich in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Flussplage entwickelt. Aber einer zumindest wohlschmeckenden. Im Gegensatz zur durch den Rhein-Main-Donau-Kanal vom Schwarzmeer eingeschwommenen Grundel, die andere Fische wegfrisst und eher als Köderfisch taugt.

Einen Zander, ja, den würde er nicht von der Bettkante schubsen, wenn er einen finge, aber er gehe nun schon seit etwa fünf Jahren mehr oder weniger regelmäßig am Mainufer angeln und … in diesem Moment strafft sich die Leine. Ein kurzer Blick auf den vorbeiziehenden Stehpaddler macht klar, dass sich der Haken nicht in dessen Badehose verfangen hat. Es ist tatsächlich ein echter Fisch, der sich nach kurzem, ungleichen Kampf auf dem Trockenen befindet.

Welches er aber gleich wieder mit dem Nass vertauschen darf. Denn der Barsch, den er an Land zieht, macht das Herz des Anglers nicht hüpfen. Zum einen ist er recht klein geraten. Zum anderen ist er als Raubfisch ein Indiz dafür, dass Beutefische die Gegend heute eher meiden könnten. Denn in einem sind sich Fische und Angler relativ ähnlich: Sie sind beide dann am glücklichsten, wenn man sie in Ruhe lässt.

Mit Sicherheit aber haben die Angler die flotteren Sprüche. „Ist dein erster Fisch ein Barsch, ist der ganze Tag im …“, sagt der Angler, bevor er den Fisch wieder dem Main übergibt. Der Fisch sagt dazu nichts, macht aber ansonsten den Eindruck, als würde er den Worten des Anglers vollinhaltlich zustimmen.

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