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Schau mir in die Augen, Yango. Ersatzmama Andrea Knott mit dem fünf Wochen alten Bonobo-Baby.

Zoo Frankfurt

So ein Bonobo ist ja auch nur ein Menschenaffe

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Die Zwergschimpansen haben mitunter Schwächen in der Kindererziehung. Was man da machen kann, zeigt der Frankfurter Zoo.

Vorsicht: Diese Bonobo-Geschichte könnte Fakten enthalten, die den härtesten Typen ein paar Tränchen in die Augen treiben. Es ist eine Bonobo-Geschichte, die das Leben schrieb. Nein – zwei Geschichten. Das Leben ist ja manchmal recht fleißig.

Geschichte Nummer 1 beginnt am 21. Dezember 2017 mit der Geburt des kleinen Xhosa im Frankfurter Zoo. Interessanter Name, Xhosa, aber das X als Anfangsbuchstabe war nun mal dran bei den Bonobos, den lebenslustigen Menschenaffen, im vorigen Jahr. Seine Mama Kamiti, erfahren in dem Job, stillt den Kleinen zunächst – dann wird er immer schwächer. „Warum, wissen wir nicht“, sagt Reviertierpfleger Carsten Knott. „Nach ein paar Tagen war er mehr tot als lebendig.“

Die Veterinärinnen müssen Kamiti in Narkose legen, um das Baby aus der Anlage im Menschenaffenhaus Borgori-Wald zu retten. Als die Mutter wieder erwacht, sucht sie ihren Sohn eine halbe Stunde lang. Das Verhalten legt nahe, dass sie ihn vermisst und zurückhaben möchte. Aber als der zu Kräften gekommene Xhosa 14 Tage später wieder in die Anlage gebracht wird, nimmt sie ihn nicht an. Das hilflose Bündel wird also mit der Flasche aufgezogen. Erst wenn es die Nacht durchschläft, kann der nächste Versuch folgen, das Äffchen in die Gruppe zu integrieren, denn wenn es nachts die Flasche braucht, muss sonst jedes Mal die ganze Sippe geweckt werden. „Das machen die drei Tage mit, dann nicht mehr“, sagt Knott.

Dazu muss man wissen: Der Frankfurter Zoo mit seinen 17 Bonobos, seinen Gorillas und Orang-Utans ist erfahren wie kein anderer, wenn es darum geht, junge Menschenaffen in eine Gruppe zu integrieren. Die erste Handaufzucht, Kelebe, kam 2004 mit nur drei Monaten zu den Bonobos, so jung wie keiner vor ihm auf der Welt. Seitdem wurden fünf junge Kerlchen integriert, darunter der kleine Bili, der gar nicht in Frankfurt, sondern in England geboren worden war. „Unsere Erfahrung ist wirklich einmalig“, sagt Zoodirektor Miguel Casares. „Das kann kein anderer Zoo vorweisen.“

Gegen böse Überraschungen ist er aber nicht gefeit. Am 13. April schläft Xhosa durch. Kehrt zurück in die Anlage. Wird von der Mutter abgelegt, von einer anderen Bonobo-Frau attackiert und verletzt. „Damit konnten wir nicht rechnen“, sagt Casares. „Das sind Wildtiere, da liegt nicht alles in unserer Hand.“ Wieder muss Xhosa raus.

Hier beginnt Bonobo-Geschichte Nummer 2, denn in der folgenden Woche, am 17. April, kommt Yango auf die Welt. Wir sind ja im nächsten Jahr, jetzt also Anfangsbuchstabe Y. Seine Mama lässt ihn nicht trinken. Nach zwei Tagen ist er schwach und unterkühlt, auch er wird aus der Anlage genommen – und da sind wir bei Andrea Knott. Die Ehefrau des Revierleiters ist nämlich so etwas wie die Ersatzmutter der kleinen Frankfurter Äffchen.

Gerade sitzt sie in einem Nebenraum des Borgori-Walds auf einer Matratze, im Arm einen verschlafen dreinblickenden Strubbel: Yango. Das winzige Äffchen klammert sich an seine Ersatzmama und macht piepsige Äffchenlaute, wie sie Kinder machen, wenn sie Äffchen spielen. Kann aber auch zwischendurch mal kurz KREISCHEN, dass 25 Journalisten zusammenfahren, die bis dahin entrückt hinabgrinsten auf Yango und Andrea Knott. Als sich Carsten Knott dazusetzt, macht Yango erst mal ganz entspannt Pipi. Das kann er gut. „Mama“ sagen kann er noch nicht.

Wo wird genächtigt? Etwa im Zoo? „Nein, ich nehme ihn nachts mit nach Hause, aufs Sofa“, berichtet die 52-Jährige, die praktischerweise Erzieherin von Beruf ist. Yango ist auch nicht ihr erstes Affenbaby, sondern bereits das siebte. „Und er hat ganz viel von seinem Bruder Panisco“, sagt Andrea Knott, „er mag keine Feuchttücher, braucht die Milch ganz genau temperiert ...“ Obwohl er den Bruder ja quasi nicht kennt.

Die Pflegemutter hat auch zwei Menschenkinder, die sich immer freuten, wenn wieder ein Affengeschwister mit nach Hause kam. „Die Affen haben wie kleine Menschen auch eine Fremdel-Phase“, sagt sie, „in ein paar Wochen lässt er erst mal nur noch mich an sich ran.“ Yango turnt auf ihrer Schulter. Schwarze Augen. Riesenohren für so ein kleines Wesen. „Mit der Grobmotorik sind sie schneller als die Menschenbabys“, sagt Carsten Knott. „Sie können auch schon ganz gut zupetzen, sogar mit den Füßen.“ Nachts schläft Yango auf Andrea Knotts Brust. „Damit er den Herzschlag hört“, erklärt sie.

Später, wenn diese Phase vorbei ist, wenn die Integration in die Gruppe gelingt, wird Yango nicht mehr zu ihr wollen. Das war bisher immer so, sagt die Übergangsmama, und es war in Ordnung, es sind und bleiben ja Menschenaffen, keine Menschen. Ob Yango wieder zurück soll oder in einen anderen Zoo, wird demnächst entschieden, gemeinsam mit dem Zuchtbuchführer. Bonobos sind in der Natur stark vom Aussterben bedroht. Es ist wichtig, dass sie ihre Gene auch in anderen Ländern weitergeben. Yango hört aufmerksam zu und macht einen Kussmund. Noch kann er nicht viel, aber Kussmund kann er gut.

So, ein Happy End wäre nicht schlecht. Also zurück zur Bonobo-Geschichte Nummer 1: Xhosa wird verletzt aus der Anlage geborgen. Was machen wir jetzt mit ihm?, überlegt die Zooleitung. Noch einen Versuch, beschließt sie. Bringt den leidgeprüften kleinen Kerl zum dritten Mal zur Gruppe – und dann passiert, was niemand ahnte. „Keiner hat an dieses Szenario gedacht“, sagt Direktor Casares. „Ja, eine Überraschung“, sagt Revierchef Knott und schüttelt den Kopf.

Was passiert? Die Mütter lassen das Baby Xhosa unbeachtet. Da schlägt die große Stunde von Sambo. Sechs Jahre alt ist er – „nicht mal Grundschüler“, vergleicht Knott – und nimmt sich des alleingelassenen Bündels an. Seither trägt Sambo das Baby ständig bei sich, passt gut darauf auf und bringt es zum Milchtrinken ans Gitter, wo die Pfleger mit der Flasche stehen.

Sonst sind bei den Bonobos die Frauen die Chefinnen. Aber jetzt hat Sambo, der Junge, die Lage souverän im Griff und den kleinen Freund, mit dem er nicht verwandt ist, immer an der Brust. Wem das noch nicht rührend genug ist: Vielleicht, sagt Zoosprecherin Christine Kurrle, liege es ja daran, wie Sambo aufwuchs: Er war selbst eine Handaufzucht. Er weiß, wie es Xhosa ohne Mama geht.

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