1. Startseite
  2. Frankfurt

Nargess Eskandari Grünberg: Plötzlich ist sie Oberbürgermeisterin

Erstellt:

Von: Georg Leppert

Kommentare

Im Hintergrund die Paulskirche: Nargess Eskandari-Grünberg in ihrem Büro.
Im Hintergrund die Paulskirche: Nargess Eskandari-Grünberg in ihrem Büro. © Rolf Oeser

Die einst aus dem Iran geflüchtete Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg folgt im Frankfurter Römer auf den abgewählten Peter Feldmann. Zumindest für vier Monate. Vielleicht auch für längere Zeit. Ein Porträt.

Vielleicht ändert sich ja auch gar nicht so viel. Sie muss eben ein bisschen mehr repräsentieren, was eigentlich nicht ihr Ding ist, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Und ein paar zusätzliche Gespräche mit den Bürger:innen führen. Das ist auf jeden Fall ihr Ding. Und einige Magistratspapiere auf den Weg bringen. Da sei zuletzt einiges liegen geblieben, etwa die wichtige Vorlage zum Demokratiepreis. Aber hat sie das nicht alles auch schon getan, als sie „nur“ Bürgermeisterin war?

In Wahrheit wird sich von heute an sehr viel ändern für Nargess Eskandari-Grünberg, und das weiß sie auch. Die 57 Jahre alte Politikerin der Grünen ist plötzlich Oberbürgermeisterin. Zumindest kommissarisch. Sie wurde nicht ins Amt gewählt, das hatte sie 2018 versucht. Damals sei ihr Ergebnis sehr enttäuschend ausgefallen, schreibt die FR immer. Das stimme so nicht, sagt Eskandari-Grünberg. Dazu später. Jetzt ist sie Oberbürgermeisterin, weil der SPD-Mann Peter Feldmann abgewählt wurde und am Freitag sein Büro räumen musste. Als Bürgermeisterin übernimmt nun „NEG“, dieser Montag ist ihr erster richtiger Arbeitstag. Sie behält den Job bis zur OB-Wahl am 5. März oder bis zum 26. März, wenn es eine Stichwahl geben sollte. Oder noch viel länger, wenn sie OB-Kandidatin der Grünen werden und die Wahl gewinnen sollte. Dazu auch später.

Wer mit Eskandari-Grünberg redet, der redet über ihre Fluchtgeschichte. Wie sie an Heiligabend 1985 in Frankfurt angekommen ist, ihre zwei Jahre alte Tochter auf dem Arm. Eskandari-Grünberg hat das oft erzählt. Nicht um im Mittelpunkt zu stehen, wie sie betont, schon gar nicht, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Sondern weil ihre Geschichte stellvertretend stehe für die Biografien vieler, sehr vieler Menschen, die auf irgendeinem Weg nach Frankfurt kamen, um hier heimisch zu werden.

Über ihre Zeit im Iran ist weniger bekannt. Mit dem Regime konnte sie sich als junge Studentin nicht arrangieren. Sie wurde verhaftet, kam ins berüchtigte Evin-Gefängnis, das vor wenigen Wochen wegen eines Feuers Schlagzeilen machte. Die Zeit muss der Horror gewesen sein. Im Gefängnis gab es Folter, Hinrichtungen, Eskandari-Grünberg geht selten ins Detail. Fest steht, dass ihre Tochter Maryam Zaree im Gefängnis auf die Welt kam. Die ist heute 39 Jahre alt und eine international renommierte Filmemacherin.

Die Bilder aus dem Iran, die sie in diesen Tagen fast jeden Abend in den Nachrichten sieht, machten sie betroffen, erschütterten sie, ließen sie fassungslos zurück, sagt Eskandari-Grünberg. Junge Menschen, die meisten von ihnen Frauen, die für ihre Freiheit protestierten und dafür gnadenlos verfolgt, verhaftet und im schlimmsten Fall hingerichtet würden. Die Geschehnisse lassen Eskandari-Grünberg oft an ihre eigene Geschichte denken.

Um die ging es vor kurzem auch in der Talkshow „Maischberger“. Eskandari-Grünberg war gemeinsam mit Omid Nouripour eingeladen, dem ebenfalls in Teheran geborenen Bundeschef der Grünen. Die Bürgermeisterin erzählte eindrücklich vom Iran, es war ein guter, ein emotionaler Auftritt, der Eskandari-Grünberg im Nachhinein aber geärgert, wenn nicht sogar verletzt hat. Denn die Rollen bei „Maischberger“ waren klar verteilt. Nouripour war der Politiker (der zu Beginn des Gesprächs erst einmal Fragen zu Christian Lindners Finanzpolitik beantworten sollte, während Eskandari-Grünberg schweigend daneben saß). Und sie wurde dem Publikum im Wesentlichen vorgestellt als die Frau, die aus dem Iran geflohen ist. „Als wäre ich nicht seit 37 Jahren eine deutsche Politikerin“, sagt sie kopfschüttelnd.

An Heiligabend 1985 war sie weit davon entfernt, in irgendwelche Talkshows eingeladen zu werden. Sie musste sich und ihre Tochter über Wasser halten. Sie studierte und machte abends und am Wochenende so ziemlich jeden schlecht bezahlten Job der Stadt. In den Kneipen, bei der Post.

Auch deshalb hat sie sich vor einiger Zeit mächtig über die FR geärgert, als es bei einem Vergleich zwischen möglichen OB-Kandidat:innen der Grünen hieß, man könne sie sich schlecht bei Feiern der Feuerwehr vorstellen. „Was soll das? Ich habe keinerlei Berührungsängste mit Menschen“, sagt sie. Und weiter: „Als ich Ihren Text las, saß ich gerade bei Kleingärtnern“. Weiter: „Ich muss keine fünf Bier trinken, um volksnah zu sein“. Und dann erzählt Martin Müller, ihr Pressesprecher, von einem Termin am Flughafen, als alles gesagt war und eigentlich alle nach Hause wollten, aber die Bürgermeisterin wollte sich unbedingt noch mit den Jungs von der Flughafen-Feuerwehr unterhalten, 20 Minuten lang.

In Frankfurt findet Eskandari-Grünberg in den 80er und 90er Jahren auch eine politische Heimat. Bei den Grünen wird sie Stadtverordnete. Mittlerweile hat sie fertig studiert und als Psychotherapeutin eine Praxis eröffnet. Für die Grünen spricht sie über Integrationspolitik. Den Kontakt mit Menschen, die sagen, sie hätten Angst vor Überfremdung, sucht sie nicht. Sie geht ihm aber auch nicht aus dem Weg. 2007 kommt es in einer Ausschusssitzung zum Eklat. „Migration ist in Frankfurt eine Tatsache. Wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie woanders hinziehen“, sagt sie. Der Mob tobt und tut es bis heute, wenn der Satz wieder irgendwo auftaucht.

Eskandari-Grünberg ärgert, dass dieses mittlerweile 15 Jahre alte Zitat oft aus dem Zusammenhang gerissen werde. Sie habe niemanden provoziert, im Gegenteil. Besucher:innen der Sitzung hätten über Migrant:innen gesagte, sie vermehrten sich „wie Kakerlaken“. In dieser Situation sei Schweigen keine Option. Damals nicht, heute nicht.

2008 wird sie Integrationsdezernentin. Sie macht den Job ehrenamtlich, und sie macht ihn gut. Eskandari-Grünberg gibt den Migrantinnen und Migranten in Frankfurt eine Stimme. Dennoch wird sie 2016 abgelöst. Das schmerzt, aber der Proporz nach der Kommunalwahl will es, dass das Amt an Sylvia Weber (SPD) geht. Die übt es zwar hauptamtlich aus, aber vor allem neben ihrer Tätigkeit als Bildungsdezernentin. Heute arbeitet Eskandari-Grünberg mit Weber eng zusammen. Das Verhältnis sei gut, sagt sie, aber die Jahre mit Weber als Integrationsdezernentin bezeichnet die Bürgermeisterin offen als verlorene Jahre für das Ressort.

Die Grünen stellen sie 2018 bei der OB-Wahl auf. Eskandari-Grünberg holt gerade mal 9,3 Prozent. Ein schlechtes Ergebnis. Doch diese Wertung will die Bürgermeisterin so nicht stehen lassen. Die Grünen seien damals längst noch nicht so erfolgreich gewesen wie heute. Viele Kandidat:innen hätten schlechter abgeschnitten als ihre jeweilige Partei bei der Kommunalwahl zwei Jahre zuvor. „Niemand hätte für die Grünen in dieser Situation mehr als zehn Prozent geholt“, sagt sie.

Eskandari-Grünberg bleibt nach der Wahl ehrenamtliche Stadträtin. Doch ihr eigentliches politisches Comeback erlebt sie nach der Kommunalwahl 2021, die die Grünen gewinnen. Ihre Partei stellt sie als Bürgermeisterin auf und sie ist wieder Integrationsdezernentin. Wobei das Dezernat nun den Titel Diversitätsdezernat trägt. In Frankfurt gibt es nicht mehr die Mehrheitsgesellschaft, in die sich Migrant:innen integrieren sollen. Frankfurt ist jetzt divers, und Eskandari-Grünberg füllt diesen Begriff politisch mit Leben.

Und nun ist sie also tatsächlich Oberbürgermeisterin, muss noch mehr repräsentieren als früher. Doch das alleine möchte sie nicht, sie möchte nicht einfach Menschen begrüßen, sondern mit ihnen intensiv ins Gespräch kommen, sagt sie. Mit ihnen zusammen Ideen entwickeln und sei es beim ersten Treffen. So wie es Stefan Müller erlebt hat. Der war gerade Polizeipräsident geworden, da saß er schon im Büro der Bürgermeisterin und erklärte gemeinsam mit ihr im FR-Interview, wie das queere Viertel am Klaus-Mann-Platz wieder sicher werden solle.

Und die OB-Wahl im März? Eskandari-Grünberg hält sich bedeckt. Am heutigen Montag will die Findungskommission der Partei (mindestens) eine Kandidatin vorschlagen. Eskandari-Grünberg ist nicht die Favoritin, vieles spricht für die Bundestagsabgeordnete Manuela Rottmann. Manche aus dem Umfeld der Bürgermeisterin halten es für keine gute Idee, dass eine Frau „von außen“ für die Frankfurter Grünen an den Start geht.

Eskandari-Grünberg gibt sich betont gelassen. Sie habe doch noch nicht einmal öffentlich erklärt, dass sie unbedingt antreten wolle, sagt sie. Mag sein, aber Gespräche zwischen der Findungskommission und ihr, die gab es ja. Eskandari-Grünberg lächelt. Dass die kommissarische Oberbürgermeisterin in dieser Situation Gespräche über eine Kandidatur führe, liege wohl nahe.

Ihr Büro wird die Bürgermeisterin zumindest in den kommenden Monaten behalten. Es ist ohnehin schöner als das OB-Büro. Viel heller und der Blick auf die Paulskirche ist noch besser. Die Paulskirche, die Wiege der Demokratie, sagt sie, das sei es, was sie auch heute antreibe. 37 Jahre nach ihrer Ankunft in Frankfurt. Am Tag, an dem sie plötzlich die Oberbürgermeisterin ist.

Auch interessant

Kommentare