Thomas Sagebiel, der Vorsitzende Richter.
+
Thomas Sagebiel, der Vorsitzende Richter.

Prozess

Ihr Name war Retta

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

Im Prozess um ein zu Tode gefoltertes jesidisches Mädchen sagt dessen Mutter aus.

Wie soll man das Unsagbare erzählen? Kann man das überhaupt? Nora T. gibt sich am Freitag vor dem Oberlandesgericht Mühe, aber es ist schwierig, vielleicht sogar unmöglich.

Nora T. ist die Kronzeugin im Prozess gegen Taha Al-J., den sie unter dem Namen „Abu Muawia“ kennen will. Dem 27 Jahre alten Iraker werden Mord, Völkermord, Kriegsverbrechen und Menschenhandel vorgeworfen. Er soll die Jesidin Nora T. und ihre kleine Tochter, die von der Terrormiliz IS im Irak verschleppt worden waren, auf einem Sklavenmarkt gekauft haben. Weil er sich über die Fünfjährige geärgert habe, soll er sie bei Temperaturen von über 40 Grad an den Händen an einem Fenster im Hof aufgehängt haben, in der sengenden Sonne. Das Mädchen, so die Anklage, verdurstete. Jennifer W., der deutschen Ex-Frau von Al-J., wird wegen dieser Tat derzeit in München der Prozess gemacht.

Nora T. ist 48 Jahre alt, sie wirkt deutlich älter. Sie ist eine Frau von geringer Bildung. Sie kann weder die Uhr lesen noch sonst etwas, Längenmaße sagen ihr nichts, auch Jahreszahlen sind ihr fremd. Ihr Hochzeitsdatum etwa kennt sie nicht, aber es sei gewesen, „als Saddam stürzte“. Ihr Leben teilt sie in zwei Abschnitte: „Bevor der Daesh kam“ und „Nachdem der Daesh da war“. „Daesh“ – so nennt sie den Islamischen Staat. Ihr Dorf, ihren Mann und ihre zwei Söhne hat sie nie wiedergesehen, nachdem der Daesh gekommen war, sie weiß nicht, was aus ihnen geworden ist.

Nora T. spricht ausschließlich den kurdisch-irakischen Dialekt Kurmandschi und hat einen Sprachfehler, was der Dolmetscherin die Arbeit schwierig macht. Viele Fragen versteht sie nicht, oft verhaspelt sie sich bei Detailfragen in Widersprüchen. Sie erkenne in dem Angeklagten eindeutig ihren Peiniger und den Mörder ihrer Tochter wieder, sagt sie, kann aber nicht festmachen, an welchen Details sie ihn wiedererkenne.

Ihre Aussagen mögen mitunter widersprüchlich sein, die Geschichte, die sie erzählt, ist aber ebenso glaubhaft wie unglaublich. Mitunter muss der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel ihre fast schon moderaten Aussagen der Realität anpassen. Etwa, wenn Nora T. sagt, die gefangenen Jesidinnen seien an die IS-Terroristen „verteilt“ worden, damit diese sie „heiraten“ könnten. „Verteilen“ bedeute vermutlich „verkaufen“, und statt „heiraten“ wäre „vergewaltigen“ wohl passender, souff-liert Sagebiel.

Genau so sei es, sagt Nora T. Ihre Geschichte erschüttert. Sie erzählt, wie sie und ihre Tochter verkauft und von ihren „Besitzern“, sobald diese sich gelangweilt hätten, weiterverkauft worden seien. Manche hätten sie vergewaltigt, andere lediglich als Haushaltssklavin missbraucht. Schließlich sei sie bei „Abu Muawia“ und seiner „deutschen Frau“ gelandet, die sie zum Islam hätten zwangskonvertieren wollen. Sie berichtet von Schlägen und schweren Misshandlungen – etwa, wenn Mutter und Tochter sich beim Zwangsgebet „nicht tief genug gebückt“ hätten. Als sie zu dem Tag kommt, als ihre Tochter von „Abu Muawia“ aus nichtigem Anlass an das Fenster gefesselt worden sei, bei „einer Hitze, dass das Wasser fast in den Leitungen kochte“, und die Tochter nach ihrer Mutter gerufen habe, versagt ihr die Stimme, die Verhandlung wird kurz unterbrochen. Dann erzählt sie, wie der Sklavenhalter das leblose Kind in ein Krankenhaus gebracht habe. Sie habe ihre Tochter nie wiedergesehen.

Das Erschütterndste aber ist, dass sie ihre Tochter bei ihrer Aussage stetig und beharrlich „Rania“ nennt. Das war nicht ihr Name. Das war der Name, den ihr die Sklavenhalter gegeben hatten, weil sie ihren wahren Namen als „unislamisch“ empfunden hätten. Ihr Name war Retta.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare