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Die unermüdliche Trude Simonsohn, hier 2010 zu Gast in einer Schule in Hofheim am Taunus.
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Die unermüdliche Trude Simonsohn, hier 2010 zu Gast in einer Schule in Hofheim am Taunus.

Überlebende

Nachruf auf Trude Simonsohn: Ein glückliches Leben, trotz allem

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Die Frankfurter Auschwitz-Überlebende Trude Simonsohn ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Mit ihrem Engagement für Erinnerung und gegen Antisemitismus hat sie die Stadt tief geprägt.

Wenn sie den Raum betrat, auf ihre Gehstöcke gestützt und trotz ihres hohen Alters voller Zähigkeit und Kraft, war sofort klar, dass man einem besonderen Menschen gegenüberstand. Wenn sie einen mit ihren hellwachen Augen ansah, auf ihren Lippen gerne ein feines Lächeln, bemerkte man gleich ihren großen Humor. Und wenn sie dann zu sprechen begann, wenn sie aus ihrem Leben erzählte, einem Leben voller Leid, voller Widerstand und gegen jede Wahrscheinlichkeit, dann dämmerte es einem: Eine Begegnung mit Trude Simonsohn ist nichts, was man so einfach wieder vergisst.

Eine bedeutende Hessin ist heute von uns gegangen. Sie wird uns sehr fehlen.

Volker Bouffier, Ministerpräsident des Landes Hessen

Es gebe ja Menschen, die Briefmarken sammelten, hat Trude Simonsohn einmal gesagt. „Ich sammele Freunde.“ Und wenn man eines über sie sagen kann, dann ist es dies: Ihre Sammlung von Freundinnen und Freunden ist groß geworden im Laufe ihres langen Lebens. In ihrer Wahlheimat Frankfurt, in der sie seit 1955 lebte und die sie erst 2016 zu ihrer Ehrenbürgerin machte – als erste Frau überhaupt –, gibt es wohl niemanden, dem so breiter Respekt und so viel Zuneigung entgegengebracht wurde. Und Trude Simonsohn hat diese Wertschätzung genossen. Sie fühle sich „vielleicht nicht in Deutschland, aber in Frankfurt zu Hause“, hat sie einmal gesagt. Heute ist die Stadt voll von Menschen, die Trude Simonsohn zumindest einmal erlebt haben, die ihr etwa bei einem Zeitzeuginnengespräch zugehört haben. Sie alle hat Trude Simonsohn beeindruckt, und man kann kaum überschätzen, wie sie ihre Stadt geprägt hat.

Trude Simonsohn mit einem „Judenstern“: Bis zuletzt kämpfte sie für die Erinnerung.

Geboren wurde Trude Simonsohn am 25. März 1921 als Trude Gutmann im tschechischen Olomouc, auf Deutsch Olmütz. Sie wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus auf, gab bereits als Jugendliche Nachhilfestunden und trieb viel Sport: Tennis, Skifahren, Leichtathletik. Schon als Schülerin machte sie erste Erfahrungen mit Antisemitismus: Eine Mitschülerin habe bei einer Sprechübung im Englischen einen Text aus dem Hetzblatt „Stürmer“ übersetzt und vorgetragen, berichtete sie einmal, die ganze Klasse habe brav applaudiert. „Ich saß da wie gelähmt.“ Auch wenn sie später weit schlimmere Dinge erlebte, habe sich diese existenziell bedrohliche Szene für immer in ihr Gedächtnis gegraben.

Als Zeitzeugin 2010 in einem Gymnasium in Neu-Isenburg.

Nachdem die deutsche Wehrmacht ihre Heimat 1939 besetzt hatte, endete ihr bisheriges Leben. Weil sie in einer zionistischen Jugendorganisation jüdische Jugendliche auf die Ausreise ins britische Mandatsgebiet Palästina vorbereitet hatte, durfte sie nicht studieren und keine Berufsausbildung machen. Wegen angeblichen Hochverrats wurde sie 1942 erstmals inhaftiert und später ins Getto Theresienstadt verschleppt. Dort lernte sie den Juristen und Sozialpädagogen Berthold Simonsohn kennen, den sie noch im Getto heiratete, bevor beide 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und an der berüchtigten Rampe voneinander getrennt wurden. Sie gaben ein-ander das Versprechen, sich in Theresienstadt wiederzusehen.

Durch ihr unermüdliches Engagement wirkte sie für eine friedliche Gesellschaft.

Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der jüdischen Gemeinde

Im Gegensatz zu ihren Eltern und vielen anderen Verwandten, die in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet wurden, hatten Trude Simonsohn und ihr Mann Glück. Beide überlebten. Trude Simonsohn leistete sogar im Lager Widerstand: Als sie und andere inhaftierte Frauen im Mai 1945 ihre Mäntel abgeben sollten, damit rote Streifen als Kennzeichnung für das Todeslager draufgemalt werden konnten, weigerten sie sich. „Wir haben Nein gesagt, und es ist nichts passiert“, erzählte sie einmal. Letztlich wurde Simonsohn kurz nach Kriegsende im Konzentrationslager Merzdorf, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen in Niederschlesien, von der Roten Armee befreit.

Nach dem Krieg ging das Ehepaar Simonsohn in die Schweiz, arbeitete dort für die jüdische Flüchtlingshilfe, dachte auch darüber nach, nach Israel auszuwandern, kam aber schließlich über Hamburg nach Frankfurt, wo es eine neue Heimat fand.

Im Jahr 2018 beim 60. Geburtstag von Oberbürgermeister Peter Feldmann mit dessen Amtsvorgängerin Petra Roth.

Doch die von den Deutschen verübten Gräuel ließen Trude Simonsohn auch am Main, wo sie lange als Sozialarbeiterin tätig war, nicht los. Ende 1963 begann der von Fritz Bauer angestrengte Auschwitz-Prozess, den Trude Simonsohn als Einschnitt erlebte, weil er das Beschweigen des Massenmordes zumindest erschwerte. „Das Totschweigen war das Schlimmste“, sagte sie einmal. Sie selbst hat nur einige wenige Prozesstage verfolgt. „Ich konnte bald nicht mehr hingehen, ich habe es nicht mehr ausgehalten“, erzählte sie später. Das zynische Auftreten der Mörder und ihrer Verteidiger ging ihr zu nahe. „Wenn wir diesen Ton gehört haben, waren wir Überlebende nicht mehr im Gerichtssaal, sondern wir waren wieder in Auschwitz.“

Hofheim, 20.09.2010: Trude Simonsohn, eine überlebende jüdische Gefangene des Konzentrationslagers Ausschwitz, zu Gast an der Main-Taunus-Schule, Hofheim.

Sehr stark engagierte Simonsohn sich für die jüdische Gemeinde in Frankfurt, war im Vorstand für Sozialarbeit und Erziehungsberatung zuständig und wurde Vorsitzende des Gemeinderats. Seit dem Tod ihres Mannes 1978 ging sie ihren Weg allein weiter. Ab Mitte der 70er Jahr begann sie, öffentlich über ihre Erlebnisse in den Konzentrationslagern zu sprechen. In unzähligen Gesprächen mit Schüler:innen und Studierenden sprach sie als Zeitzeugin über ihre Verfolgungsgeschichte, wandte sich vehement gegen Antisemitismus, Rassismus und jede andere Form von Menschenverachtung.

Und sie schärfte den jungen Menschen ein, dass sie keine Schuld, wohl aber Verantwortung trügen. „Zu jedem Unrecht sofort Nein sagen“ lautete ihr Auftrag an alle, zu denen sie sprach. In den 90er Jahren war Simonsohn Mitbegründerin eines Vereins zur Errichtung einer Jugendbildungsstätte Anne Frank im Dornbusch, bis zuletzt saß sie im Beirat der heutigen Bildungsstätte Anne Frank, die sich in ganz Hessen gegen Antisemitismus und für Demokratie einsetzt.

Sie habe kein Talent zum Hass, hat Trude Simonsohn einmal gesagt. Mit politisch wachem Blick, aber ohne Wut hat sie sich bis zuletzt in die politische Debatte eingemischt. Am Donnerstag ist Trude Simonsohn im Alter von 100 Jahren gestorben.

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