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Carla Kneuper kauft für ältere Nachbarn ein.

Nachbarschaft

Nachbarschaftshilfe in Frankfurt: Helferinnen für Menschen in Not

300 Menschen engagieren sich bei der Initiative „Frankfurt gegen Corona“. 160 Freiwillige müssen sich gedulden. Sie stehen auf einer Warteliste.

Das ist fantastisch“, sagt Mehmet Berettin, nachdem er die Tür seiner kleinen Bude im Seniorenheim in der Nordweststadt öffnet. Er hat gerade seinen Einkauf erhalten: frisches Brot und Waschmittel. Alleine würde es Berettin zwar noch schaffen, doch um bis in das Nordwestzentrum zu kommen, müsste er mit dem Bus fahren. Das ist für den 74-jährigen, schwerbehinderten Mann sehr anstrengend. Er hat zu hohe Zuckerwerte und zählt mit seiner Vorerkrankung und seinem Alter zur Risikogruppe. Den Einkauf hat für ihn die Medizinstudentin Carla Kneuper von der Nachbarschaftsinitiative „Frankfurt gegen Corona“ erledigt. Sie ist Mitgründerin der Gruppe. „Das ist mein erster Auftrag“, sagt sie.

Kneuper hat die Gruppe mit ihren Kommilitoninnen Emily Layer und Franca Burger Mitte März gegründet. Sie unterstützen mit ihrem Projekt diejenigen, die zu den Risikogruppen gehören und übernehmen Einkäufe oder sonstige Besorgungen. „Das war im Prinzip Emilys Idee. Ein Freund von ihr hat in Münster eine Nachbarschaftsinitiative gestartet und dann dachten wir, dass wollen wir auch“, sagt sie. Die drei Frauen waren „sehr motiviert“ etwas zu unternehmen. Ihr Angebot stellten sie dann auf Facebook ein. Innerhalb von wenigen Tagen meldeten sich 350 Unterstützerinnen und Unterstützer. Mittlerweile sind 300 Personen aktiv dabei, sagt Burger. Das Interesse ist so hoch, dass vorerst keine weiteren Freiwilligen mehr aufgenommen werden können. „Wir haben Wartelisten von 160 Leuten“, sagt Kneuper.

Die Studentinnen erstellten Flyer und lassen diese von den vielen Freiwilligen in Supermärkten, beim Gesundheitsamt oder in Pflegeheimen verteilen. Um all das koordinieren zu können, gründeten sie mehrere Whats-app-Gruppen, die sich über die Stadtteile verteilt organisieren. „Ganz wichtig ist uns, dass die Anonymität der Hilfesuchenden sichergestellt ist“, sagt Kneuper. Mittlerweile hat die Initiative rund 100 Aufträge. „Einige davon sind schon zu Patenschaften geworden, bei denen unsere Helfer*innen bereits mehrmals Botengänge und Einkäufe übernommen haben“, sagt Burger.

„Ich habe den Aufruf auf Facebook gesehen“, sagt Berettin. Für ihn sei das Angebot eine große Hilfe. Denn der Rentner ist alleine, Besuche von der Familie? Fehlanzeige. „Mein Sohn wohnt in der Türkei.“ Berettin lebt seit 1989 in Frankfurt. Er leitete früher zwei Schneidereien in der Stadt. Eine Karikatur, die über seinem Sofa hängt, erinnert an diese Zeit. Der Schneidermeister vor einer Nähmaschine und einem Schal seines Lieblingsfußballvereins Galatasaray Istanbul um den Hals. Angst habe er vor dem Virus nicht, sagt er. Das einzige Problem sei die verschobene Operation. „Eigentlich hätte ich einen Magen-Bypass bekommen sollen. Doch der Eingriff wurde abgesagt, weil es keine Notfall-OP wäre.“ Kneuper ergänzt dazu: „Wegen Corona muss er mit dem Eingriff leider warten.“

Für den Rentner, der einen Rollator hat, sei diese Zeit nun sehr schwer, denn er benötigt sein Insulin. Das muss er in der Apotheke abholen. Doch Berettin kann sich auf Carla Kneuper verlassen. „Melden sie sich bei mir, wenn sie ihr Rezept bekommen, dann kann ich das Insulin für sie besorgen“, sagt sie.

Stefan Simon

An Gabenzäunen in Frankfurt hängen Tüten mit Kleidung, Hygieneartikel und Lebensmittel für Hilfsbedürftige. Die Stadt lehnt die Spendenaktion jedoch ab.

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