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Für die Fixierung gibt es strenge Regeln.

Nach der Wallraff-Reportage

Klinikum Höchst arbeitet an Verbesserungen

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Weitere Anregungen soll der Gutachter liefern, der jetzt mit der Arbeit beginnt. Dezernent Stefan Majer drängt auf eine Psychiatriereform.

Nächsten Montag geht es los: Dann wird der Psychiater Hans-Joachim Kirschenbauer seine Beratertätigkeit am Klinikum Frankfurt-Höchst beginnen. Gesundheitsdezernent Stefan Majer erhofft sich viel von dem Gutachten über die geschlossene Station der Psychiatrie. Er erwartet eine schonungslose Analyse. Im Idealfall könne sie einen Reformprozess anstoßen, wie in den 70er Jahren. Die psychiatrische Versorgung müsse auf neue Füße gestellt werden, sagt Majer: „Das ist ein bundesweites Thema, insbesondere der geschlossenen Stationen.“ Sehr gerne würde er mit Klinik-Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter das St. Marien-Hospitals im nordrhein-westfälischen Herne-Eickel besuchen, das in dem Wallraff-Report über Psychiatrien als positives Beispiel vorgestellt wurde. Mit offenen Türen und einer Atmosphäre wie in einem Wohnheim. Ein starker Kontrast zu den Bildern, die der Fernsehsender RTL über die geschlossene Station in Höchst ausstrahlte.

Ein Monat ist vergangen, seit Günter Wallraff und sein Undercover-Team erhebliche Defizite in der städtischen Klinik aufgedeckt haben. Anders als vergleichbaren Fällen hat sich bislang kein Mantel des Vergessens darüber gelegt. Im Gegenteil: „Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit“, sagt der Frankfurter Dezernent. Dazu gehört für ihn auch, Einfluss auf die anstehende Überarbeitung der Personalverordnung zur Psychiatrie zu nehmen. In Höchst sind zwar alle Stellen besetzt. Nur hat die Diskussion der vergangenen Wochen gezeigt, dass die gesetzlichen Vorgaben nicht mehr zeitgemäß sind. Dass mehr Personal gebraucht wird, um sich um die Patienten zu kümmern. Denn auch an der Rechtslage hat sich viel geändert.

Klinikum Höchst: Time-out-Raum für Patienten und mehr Supervision für Mitarbeiter

Unterdessen bereiten die Verantwortlichen in Höchst den Einsatz von Gutachter Kirschenbauer vor. Wie das Klinikum der Frankfurter Rundschau mitteilt, werden Patientenakten und Dokumentationen bereitgestellt. Alle Ärzte und Pflegekräfte stünden dem Berater für Gespräche zur Verfügung. An einigen Verbesserungen werde bereits gearbeitet. Etwa an einer Übergangslösung, die die räumliche Situation entzerrt, bis in fünf Jahren der Neubau bezogen werden kann. „Sie ist voraussichtlich in ein paar Wochen umsetzbar.“ Sanierungen in der stark strapazierten Station würden schneller umgesetzt als bisher. „Gleiches gilt für die Realisierung bestehender Pläne zur Veränderung des Farb- und Beleuchtungskonzepts.“

Auch im therapeutischen Bereich soll es Verbesserungen geben, diese sind zum Teil schon länger geplant: Der „Time-out-Raum“ etwa, der Patienten einen Rückzugsort bietet. Demnächst soll der Auftrag dafür ergehen. Oder die Umsetzung der sogenannten Safewards-Interventionen. Ein Ansatz, der Kooperation und Mitbestimmung der Patienten in der Akutpsychiatrie stärken soll.

Hinzu kommen Verbesserungen, die sich nach den jüngsten Diskussionen ergeben haben: Die Aufnahmeprozesse werden überarbeitet, therapeutische Angebote intensiviert, heißt es. „Hier befinden wir uns in der Erarbeitung.“ Flotter geht es mit der Erhöhung der Kapazitäten für Schulung, Weiterbildung und Supervision für die Beschäftigten. „Erste Termine konnten für Mai arrangiert werden.“ Aktuell werde das Beschwerdemanagement der Klinik bekannter gemacht. Auch beobachte man verstärkt die Online-Plattform klinikbewertungen.de, um auf Beschwerden schnell reagieren zu können.

Weitere Anregungen für mittel- und langfristige Veränderungen erwartet die Klinik von dem Gutachten. Wann es vorliegt, werde man erst im Juni sagen können, lautet die Auskunft aus dem Sozialministerium. „Wir gehen von einem Bearbeitungszeitraum von fünf bis sechs Monaten aus.“ Die Unterlagen über Fixierungen von Patienten in Höchst würden derzeit gesichtet. „Es ist zu früh für eine Bewertung.“


Chronik der Ereignisse:

Vor einem Monat strahlt RTL den Beitrag des „Team Wallraff undercover“ über Psychiatrien in Deutschland aus. Unter anderem hat eine Reporterin als Praktikantin in der geschlossenen Station der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst heimlich gefilmt. Der Bericht zeigt mangelhafte medizinische Betreuung, häufige und lange Fixierungen von Patienten, ruppiges und genervtes Personal. Es ist laut und schmutzig, die Stimmung aggressiv.

Das Klinikum kritisiert die „ausschnittsweise Betrachtung“. Die Darstellung der Arbeit auf der Station sei „stark verkürzt“ und „aus den Zusammenhängen gerissen“. 

Die Öffentlichkeit ist erschüttert. Psychiatriebetroffene und Angehörige geben zu Protokoll, dass diese Zustände kein Einzelfall seien. Sie fordern mehr Personal, weniger Medikamente und Fixierung nur als allerletztes Mittel. Der Landtag und das Stadtparlament nehmen das Thema auf ihre Tagesordnungen.

Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) führt Gespräche mit Vertretern der Stadt und des Klinikums. Zehn Tage später teilen sie mit: Ein externer Gutachter untersucht die Station, das Personal wird nachgeschult. Die Räume in dem Gebäude aus den 80er Jahren werden freundlicher gestaltet, Putzintervalle verkürzt. Es wird mehr Platz geschaffen. Der Neubau für die Psychiatrie ist allerdings frühestens in fünf Jahren fertig.

Das Ministerium als Fachaufsicht will monatlich Gespräche mit dem Klinikum führen, die Fixierungsprotokolle der vergangenen Monate sichten. Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts bedarf es einer richterlichen Anordnung und einer Eins-zu-eins-Betreuung durch qualifiziertes Pflegepersonal, um Patienten festzubinden.

Bei den Besuchskommissionen setzt Klose die Mindestzahl der Mitglieder nach unten, damit sie den Auftrag erfüllen können, den das vor eineinhalb Jahren in Kraft getretene hessische Psychisch-Kranken-Gesetz vorschreibt: In den ersten zwei Jahren mindestens ein Mal pro Jahr alle psychiatrischen Krankenhäuser aufsuchen, in denen Menschen nach diesem Gesetz untergebracht werden, danach mindestens alle drei Jahre – immer mit Voranmeldung. jur


Lesen Sie dazu das Interview mit Psychiater Martin Finger: "Dilemma des Rechtsstaats".

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