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Vor 50 Jahren gestorben: der Richter und Staatsanwalt Fritz Bauer (1903 ? 1968).

Fritz Bauer

Ruf nach Revolution übertönte Stimme der Opfer

Gegenüber Fritz Bauers Auschwitz-Prozess litt im Jahr 1968 das Geschichtsinteresse.

In Sachen Verfolgung und Ahndung der NS-Verbrechen war 1965 kein gutes Jahr für Fritz Bauer. Hessens Generalstaatsanwalt hatte sich von Prozessen gegen nationalsozialistische Verbrecher eine umfassende politisch-historische Aufklärung und eine angemessene rechtliche Wertung der verhandelten Taten erwartet. Doch die Urteile in zwei von ihm angestrengten Verfahren fielen ganz und gar unbefriedigend aus. Im Februar verurteilte das Frankfurter Landgericht Adolf Eichmanns Stellvertreter in Budapest zu fünf Jahren Zuchthaus: Hermann Krumey, nach dem Krieg im nordhessischen Korbach lebend, hatte maßgeblich die Deportation von 438 000 Juden nach Auschwitz im Sommer 1944 mitorganisiert. Eichmanns Rechtsberater Otto Hunsche wurde gar freigesprochen.

Auch das im August 1965 verkündete Urteil im Auschwitz-Prozess war für Bauer keine geringe Enttäuschung. Wohl verurteilte das Schwurgericht die Angeklagten, die eigenmächtig getötet hatten, als Mörder zu lebenslangem Zuchthaus. Die höheren Chargen, wie zum Beispiel die Adjutanten Robert Mulka und Karl Höcker, kamen aber als Gehilfen mit geringen Freiheitsstrafen davon. Auch die „Mediziner“, die auf der Rampe von Birkenau Tag für Tag im Sommer 1944 Abertausende in den Tod geschickt hatten, erhielten milde Strafen.

1968 mussten die Taten von Krumey und Hunsche allerdings erneut verhandelt werden. Der Bundesgerichtshof hatte das von vielen als skandalös erachtete Urteil vom Februar 1965 aus verfahrensrechtlichen Gründen aufgehoben. Ein überaus aufklärungswilliges Gericht unter Vorsitz von Werner Hummerich gelangte 1968/69 zu ganz anderen Erkenntnissen hinsichtlich der Taten der beiden Angeklagten. Zwei sachkundige Staatsanwälte, die sich mit Engagement und Gründlichkeit um umfassende Beweisermittlung bemüht hatten, trugen gleichfalls entscheidend zur richterlichen Wahrheitsfindung bei.

Der Krumey-Hunsche-Prozess von 1968/69, in dem es um das Schicksal von nahezu einer halben Million Juden ging, fand in den heißen Monaten der Studentenproteste wenig Beachtung. Durch die Verabschiedung der Notstandsgesetze sah die Außerparlamentarische Opposition am Horizont der „formalen Demokratie“ einen neuen Faschismus aufkommen. Für die Verbrechen der NS-Staatsführung und für die Beteiligung so vieler unbehelligt in der Bundesrepublik lebender Täter an den Massenmorden hatte in der hochpolitisierten Atmosphäre des Sommers 1968 freilich kaum jemand ein offenes Ohr.

Zur Zeit des Auschwitz-Prozesses vier Jahre vorher war noch mehr Geschichtsbewusstsein und mehr Vergangenheitsinteresse zu verzeichnen gewesen. 1968 hingegen übertönte der Ruf nach Revolution, nach Systemveränderung die Stimme der Opfer, die im Gerichtssaal zu vernehmen war. Im Vergleich zum Auschwitz-Prozess fiel die Prozessberichterstattung im Fall Krumey/Hunsche 1968/69 überdies mager aus. Die justizielle Aufarbeitung der NS-Vergangenheit fand nur noch wenig Aufmerksamkeit. Doch gerade dieser mustergültig geführte Prozess hätte einer vergangenheitsbewussten Öffentlichkeit vor Augen führen können, was richterliche Sachkunde und Aufklärungswille in Sachen NS-Verbrechen zu leisten vermögen. 

Das Frankfurter Schwurgericht verhandelte doppelt so lang wie im ersten Verfahren 1964/65 und vernahm zweimal so viele Zeugen. Es betrieb darüber hinaus, wie im Urteil eigens hervorgehoben, „zeitgeschichtliche Studien im Zusammenhang mit der Beschaffung von Beweismaterial“ und gelangte auf der Grundlage von zweifelsfreien Dokumenten zu der festen Überzeugung, dass Eichmanns Stellvertreter Hermann Krumey ein vom „nationalsozialistischen Rassenhass“ motivierter Holocaust-Täter  war. Das Gericht qualifizierte ihn im krassen Unterschied zu den Tatrichtern des Jahres 1965 als „Mittäter“, der sich die von der NS-Führung befohlenen Taten zu eigen gemacht hatte. Überzeugt von der vorgeblichen „Schädlichkeit und Minderwertigkeit“ der Juden, habe Krumey „grundsätzlich die Deportation und den endlichen Tod der Juden für notwendig und wünschenswert“ gehalten.

Vor 50 Jahren wurde in Frankfurt am Main Judenhass zum Gegenstand eines um Aufklärung bemühten Strafverfahrens gemacht. Der Hass auf Juden mündete für den Angeklagten Hermann Krumey in williger Mittäterschaft am Massenmord. Heute werden im „Land der Täter“, in dem so viele Mörder unter den Deutschen unbehelligt lebten, Antisemitismus-Beauftragte berufen, weil Jüdinnen und Juden nicht ungefährdet in Deutschland leben können. Fritz Bauer, dessen 50. Todestag wir gedenken, hat die Entwicklung Deutschlands stets mit ambivalenten Gefühlen gesehen.

Utopische und dystopische Gedankengänge waren ihm nicht fremd. Von einem auf dem Grundgesetz beruhenden demokratischen und sozialen Rechtsstaat hat er Wehrhaftigkeit gegenüber allen Feinden der universalen Menschenrechte eingeklagt. Antisemitismus, wo und von wem auch immer er sich zeigt, musste seiner Auffassung nach im Land der Holocaust-Täter ein für alle Mal verschwinden. Bauer sprach vor einem halben Jahrhundert davon, dass die Gegner der freiheitlichen Demokratie einen „Nationalismus“ nährten, der sich in „Fremdenhass, […] Rassismus und Antisemitismus“ manifestiere. Im Jahr 1968 bangte er um unsere Demokratie und sah sie „noch nicht gesichert“.

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