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Mancher Passant wundert sich über den Räumungsverkauf.

Fahrradgeschäft in Frankfurt

Nach 113 Jahren ist Schluss bei Thöt

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Das traditionsreiche Fahrradgeschäft Thöt an der Kleinmarkthalle in Frankfurt muss aufgeben. Der Räumungsverkauf läuft bis zum 30. November.

Die Internetseite von Fahrrad-Thöt ist schon abgeschaltet. Nach 113 Jahren schließt das traditionsreiche Fachgeschäft am 30. November für immer. Derzeit läuft der Räumungsverkauf in der Hasengasse, am Eingang zur Kleinmarkthalle. „Stop, Purzelpreise!“, warnt ein Schild im Schaufenster und weist auf einen Preisnachlass von 20 Prozent auf alle Artikel hin.

Gleich daneben steht ein historisches Bild im Schaufenster. Es zeigt einen Schutzmann in Weiß, der zwei Kindern in Spielzeugautos die Vorfahrt gewährt. „Hasengasse 1953“, steht auf dem Foto. Ein Jahr darauf zog Fahrrad-Thöt in den Neubau der Kleinmarkthalle. Zu dieser Zeit verkaufte Thöt noch Spielzeug und Kindersachen. Im Treppenhaus hängt noch eine gezeichnete Reklame aus dieser Zeit. Sie zeigt ein Pärchen engumschlungen auf einer Parkbank. „Wir sind uns einig, der Kinderwagen nur von Thöt“, steht in der Sprechblase.

Bärbel Imgram hat sich mitten im Räumungsverkauf ein bisschen Zeit genommen. Die Geschäftsführerin von Thöt kramt noch ein paar weitere historische Reklamen hervor. Die gelernte Erzieherin ist traditionsbewusst und steht auf alten Kram. „Wir haben hier auch noch sehr lange ein Telefonbuch benutzt, meine Mitarbeiter haben nur den Kopf geschüttelt“, verrät sie.

Zur Geschäftsführung des Traditionsgeschäfts war sie vor sechs Jahren eher zufällig gekommen. Ihr Schwiegervater Guido Imgram hatte die Firma Thöt, bis dahin 83 Jahre in Familienbesitz, 1986 übernommen. Er gab das Geschäft dann zunächst an seinen Sohn weiter, doch als der lieber wieder als Ingenieur arbeiten wollte, stürzte sich seine Frau in das Abenteuer. So richtig wohlgefühlt hat sich die Erzieherin nicht in der Rolle als Geschäftsführerin, auch wenn sie betont, dass ihre Mitarbeiter es ihr sehr einfach gemacht haben.

Das Geschäft wollte sie daher demnächst an ihren langjährigen Mitarbeiter André Glaser übergeben. Die Rahmenbedingungen schienen gut. Das Geschäft in der Hasengasse wirft zwar nicht so richtig viel ab, aber zusammen mit der Filiale in der Sportarena an der Hauptwache, wo sich vor allem Bekleidung sehr gut verkaufte, war es noch einträglich. Als vor zwei Jahren dann das Angebot kam, auch eine Filiale in der Wiesbadener Sportarena zu eröffnen, schien die Zukunft für Thöt noch rosig.

„Anfang Juni haben wir noch den Mietvertrag für Wiesbaden zugeschickt bekommen“, erinnert sich Imgram. Doch Ende Juni wurde ihr dann eröffnet, dass der neue Besitzer in den Sportarenen lieber Outlet-Center etablieren möchte. Metro hatte die Kaufhof-Filialen an das kanadische Handelsunternehmen Hudson’s Bay Company verkauft. Thöt bekam also statt einer zweiten Filiale die erste gekündigt. Doch nur auf das in die Jahre gekommene Hauptgeschäft in der Hasengasse zu setzen, war Imgram zu unsicher.

Die Kleinmarkthalle war für Thöt in all den Jahren Fluch und Segen zugleich. Den Standort mitten in der Innenstadt findet Imgram „optimal“. Die Stammkunden hatten da seit Jahren eine Arbeitsteilung, wie Imgram verrät: „Mutti geht in der Kleinmarkthalle einkaufen, Vati schaut mal beim Thöt rein.“ Denn hier können bis heute die kleinsten Teile einzeln gekauft werden. „Aber von einem einzelnen Flicken lässt sich ein solches Geschäft in der Innenstadt mit 22 Mitarbeitern nicht betreiben. Um konkurrenzfähig zu bleiben, wurde der erste Stock zum Lager umfunktioniert. Bis zu 150 Fahrräder hingen hier an der Decke. Jetzt herrscht hier bereits ein wenig die Tristesse einer Geschäftsaufgabe, und die Einrichtung stammt teilweise noch aus den 70ern.

Es gab auch immer wieder Überlegungen, das Geschäft in der Hasengasse zu sanieren. „Aber das war uns hier zu unsicher“, verrät Imgram. Denn die Kleinmarkthalle ist selbst sanierungsbedürftig und in das alte Gemäuer als Geschäftsmann zu investieren heikel. „Wir wussten nie, was kommt“, sagt die 48-Jährige. Im Sommer sei es zudem „eine Katastrophe“ gewesen mit der Müllverbrennungsanlage der Kleinmarkthalle. Der Gestank zog teilweise bis in den Verkaufsraum. In den Verkaufsraum, der sich nun so langsam leert, weil die Kunden Schnäppchen machen. Nur im riesigen Keller ist von Ausverkauf oder Aufgabe noch nicht viel zu sehen. Ein Mitarbeiter berät eine Kundin gerade beim Kauf eines neues Fahrrads. Imgram ist glücklich, dass zumindest die Hälfte der Mitarbeiter in anderen Fahrradgeschäften der Stadt unterkommt.

Selbst noch einmal umzuziehen und der Geschichte von Thöt nach der Berger Straße, der Schäfergasse und der Hasengasse noch einen weiteren neuen Standort hinzuzufügen, hält Imgram nicht für machbar. „Das ist in der Innenstadt schwierig und es gibt auch zu viele Läden in der Stadt.“ Nicht zuletzt die Konkurrenz aus dem Internet hatte Thöt wie so vielen anderen Fachgeschäften schwer zu schaffen gemacht. Bei Thöt ist das Internet jetzt abgeschaltet, und ein weiteres Traditionsgeschäft in Frankfurt wird bald Geschichte sein.

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