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Aus nach 104 Jahren

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Lydia Jansen findet alles im Fundus.
Lydia Jansen findet alles im Fundus. © Christoph Boeckheler

Kostümverleih Jansen schließt nach 104 Jahren wegen Billigkonkurrenz aus Fernost – und privaten Gründe. Aber es gibt noch einige Schmuckstücke im Fundus.

Von Patrick Jütte

Für Liebhaber von Moden aus vergangenen Jahrhunderten stellt der Kostümverleih Jansen eine schier endlose Fundgrube dar. Ob es das grüne Fransenkostüm der 20er sein soll, mit Perlenkette und Straußenboa, ein verziertes, breitröckiges Ballkleid des Rokoko oder der eng taillierte, tiefrote Frack eines biederen Flaneurs – in den drei Generationen, die bei Jansen schon geschneidert wird, ist nichts ausgeblieben. Über 100 000 Einzelstücke haben sich in einem Jahrhundert Handarbeit angesammelt.

„Wir arbeiten mit hochwertigen Stoffen und bilden die Kleider historisch getreu nach“, sagt Lydia Jansen (69), die Geschäftsführerin des Verleihs in Eschersheim. „Viele berühmte Schauspieler wurden von uns ausgestattet, als das Theater noch einen hohen Stellenwert genoss.“ So kaufte zum Beispiel Liesel Christ, die Schauspiel-Ikone und Begründerin des Frankfurter Volkstheaters, bei den Jansens ein. Aber auch Fernsehgrößen wie der hessische Showmaster Heinz Schenk, Otto Waalkes oder Modern Talking ließen sich hier Kostüme anfertigen.

Die fetten Jahre sind inzwischen jedoch vorbei. „Mit der Zeit ist Frankfurt ein schwieriger Standort geworden“, sagt Jansen, die den 1913 gegründeten Verleih mit ihrem Mann vor 37 Jahren übernahm. Damals herrschte in der Region noch eine große Nachfrage nach Kostümen für historische Festtagsumzüge.

„Aber die Traditionsvereine sterben immer mehr aus, und die Stadtverwaltungen pflegen auf ihren Festen keine historischen Bezüge mehr“, klagt Jansen. Zur 1200-Jahr-Feier in Frankfurt hatte Jansen einen kaiserlichen Festzug vorgeschlagen. „Stattdessen hat man einen Seiltänzer auftreten lassen, an den sich heute keiner mehr erinnert.“ Jahresfeste seien heute, wie Jansen meint, „nur noch Gaudi“.

Auch die Theaterausstattung habe sich verändert. „Die Klassiker sind nicht mehr klassisch“, sagt die Kostümhändlerin. „Die Regisseure haben sie so weit modernisiert, dass man Stücke wie ‚Des Teufels General‘ gar nicht mehr wiedererkennt.“ Dass die Stücke ohnehin kaum noch geschaut würden, bestreitet Jansen: „Frankfurt ist zwar eine nüchterne Bankenstadt, aber man kann nicht einfach alle Leute aus der Umgebung zu Kulturbanausen erklären.“

Immerhin war Frankfurt lange auch Werbehauptstadt. Für Spots und Werbeveranstaltungen wurde alles Mögliche angefragt, von Westernkleidung bis zum Römergewand. „Inzwischen ist Hamburg die neue Werbestadt“, sagt Jansen. Und der Bedarf sei nicht mehr derselbe. Vieles werde heute digital erledigt. So auch der Einkauf von Kostümen.

„Im Internet gibt es ein Billigangebot an Kostümen, das meist aus Fernost stammt“, sagt Jansen. Ohne Rücksicht auf die eigenen Maße werden die Kleider von zu Hause aus bestellt. „Wer heute zu uns kommt, tut das aus Qualitätsbewusstsein“, so die Geschäftsführerin. Ihre Zulieferer kämen vor allem aus Bayern, wo noch ordentliche Lohnkosten anfielen.

Für den einfachen Karnevalsumzug sind jedoch nur noch die wenigsten bereit, Kostümmieten ab 80 Euro zu zahlen. In diesen harten Zeiten musste Lydia Jansen nach dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren den Betrieb allein führen – von der Buchhaltung bis zur Bedienung. Nur das Schneidern wird von den zwei Mitarbeitern übernommen. Dieses Jahr aber soll das Geschäft geschlossen werden. Trotz aller Schwierigkeiten sei es nicht die finanzielle Situation, die zu dieser Entscheidung geführt habe. „Seit dem Tod meines Mannes bin ich hier nicht mehr rausgekommen. Ich habe Enkelkinder und möchte auch noch anders leben“, erzählt Jansen. Nachfolge-Interessenten habe es durchaus gegeben. „Aber unser Fundus war zu groß und unübersichtlich für sie“, sagt die Kostümhändlerin. „Außerdem standen der Name Jansen und der Standort nicht zur Verfügung.“

Was nun bis Ende 2017 zum Verkauf steht, ist der riesige Bestand des hundertjährigen Kostümverleihs. „Das lässt sich nicht alles auf einmal verkaufen“, meint Jansen. Einiges sei aber bereits weg, an Tanz- und Mittelaltergruppen zum Beispiel. Solange der Ausverkauf dauert, läuft auch die Vermietung noch weiter.

Jedes Einzelstück bringt je nach Aufwand und Material 250 bis 1000 Euro ein. Doch der Abschied fällt schwer. „Ich trage meine Kleider selbst gern. Ganz besonders liebe ich die Mode der 20er und 30er. Sie ist zwar unspektakulär, hat aber einen tollen Schnitt“, schwärmt Jansen. Auf den Umzugswagen der „Klaa Paris“-Fastnacht seien jedoch wärmere Kleider nötig, aus dem Rokoko oder Barock. „Das ist auch optisch sehr dekorativ, und man trägt tolle Hüte.“ So klingt eine Liebhaberin des oft verkannten Kostümhandwerks.

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