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Hier drehte die RTL-„Praktikantin“ heimlich.

Wallraff-Reportage

Nicht nur im Klinikum Höchst liegt einiges im Argen

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Alte Konzepte, zu wenig und desillusioniertes Personal. Nicht nur im Klinikum Höchst liegt einiges im Argen, sagen Betroffene.

Die in der Wallraff-Reportage gezeigten Zustände in der Psychiatrie des Klinikums Höchst sind kein Einzelfall. „Die Natur einer Akutstation ist nie schön“, sagt Alexander Kummer, Vorstandsmitglied im Landesverband Psychiatrie-Erfahrene Hessen. Ihm sind schon früher Klagen über Höchst zu Ohren gekommen.

Auch Andreas Jung kennt Szenen wie die in der Reportage aus der Perspektive des Patienten: Viele Psychiatrien arbeiteten seit Jahrzehnten nach demselben Konzept. „Die haben sich nicht weiterentwickelt, die Mitarbeiter sind völlig desillusioniert.“ Keine Frage: Die Vorwürfe gegen das Klinikum Höchst müssten aufgeklärt werden, sagt Jung, Genesungsbegleiter und Mitglied des Psychiatriebeirats des Landes. Viel wichtiger ist ihm aber, dass daraus Lehren für die Zukunft gezogen werden: Die Veränderung der Psychiatrischen Landschaft müsse endlich in Angriff genommen werden: „Es gibt insgesamt ein Problem.“

Unterdes nimmt der Druck auf das Haus von Sozialminister Kai Klose (Grüne) zu. Könnte es sein, dass die Probleme in Höchst dort schon länger bekannt waren? Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hatte bis vor zwei Jahren die Station D42 regelmäßig bewertet. Dabei habe er auch „Diskussionsbedarf hinsichtlich des Konzepts der Aufnahmestation D42 aufgezeigt“, so eine Sprecherin. Es habe konkrete Vorschläge gegeben, unter anderem Spezialisierungen. Der MDK habe auch empfohlen, alle Behandlungen auf einer Station durchzuführen. „Für die Patientinnen und Patienten auf der Aufnahmestation führen die täglich zahlreichen Neuaufnahmen, die häufig kurzen Aufenthaltsdauer auf dieser Station und die häufigen Verlegungen auf eine Weiterbehandlungsstation in der Regel zu einer strukturell bedingten Atmosphäre der Unruhe und Diskontinuität.“ Es habe keinerlei „Hinweise auf gravierende einzelfallbezogene Mängel bei der Behandlung“ gegeben. Die Berichte seien an die Krankenkassen gegangen.

Für die am Montagausgestrahle RTL-Sendung „Team Wallraff undercover“ hatte eine Reporterin als Praktikantin in der Psychiatrie des Klinikums Höchst heimlich gefilmt.

Der Beitragprangert unter anderem mangelhafte medizinische Betreuung sowie häufige und lange Fixierungen von Patienten an. 

Das Klinikum Höchstwies die Vorwürfe am Dienstag zurück. Die Darstellung der Arbeit auf der Station sei „stark verkürzt“ und „aus den Zusammenhängen gerissen“.

Die Fachaufsichtobliegt Sozialminister Kai Klose (Grüne). Er hat die Stadt Frankfurt und das Klinikum für nächste Woche zum Gespräch geladen. jur

Die AOK Hessen teilte auf Anfrage mit: „Zum Klinikum Frankfurt Höchst gab es in den vergangenen Jahren nur sehr vereinzelt Beschwerden und außerdem keine, die jene besonderen Aspekte berühren, die das Team Wallraff darstellt.“ Es gebe keine Auffälligkeiten – auch im Vergleich zu anderen Häusern in Hessen, so Sprecher Stephan Gill: „Insofern hat uns der RTL-Beitrag durchaus überrascht.“ Wichtig sei, dass die Vorfälle aufgeklärt würden und auch die Klinik selbst Gelegenheit erhält, sich zu äußern.

Das soll in der nächsten Woche in Wiesbaden geschehen. Klose hat die Klinik und die Stadt Frankfurt zu einem Gespräch ins Ministerium eingeladen. Schon am Donnerstag hatte der Sozialausschuss im Landtag über das Thema gesprochen. Daniela Sommer von der SPD hatte einen dringenden Berichtsantrag gestellt. „Die Fernsehbilder aus der Klinik in Höchst waren erschütternd“, sagte Sommer am Freitag. Es müsse geklärt werden, wie es um das Patientenwohl und um die Arbeitsbedingungen in der Akutpsychiatrie der städtischen Klinik stehe. „Falls sich auch nur ein Teil der Vorwürfe erhärten sollte, stellt sich natürlich auch die Frage nach dem Versagen der Aufsicht durch das Land und das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt.“ Schließlich sehe es ganz so aus, dass es schon längere Zeit Beschwerden über die Zustände in Höchst gebe. Auch bei den Patientenbewertungen für die Kliniken schneide das Klinikum auffallend schlecht ab. „Es ist offensichtlich, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen in den zuständigen Behörden und im Gesundheitswesen insgesamt keine besonders starke Lobby haben.“

Das Grundproblem liegt nach Ansicht Sommers in der „völlig unzureichenden Ausstattung der Klinikpsychiatrien“ mit Geld und Personal. Es fehle an Zeit und Zuwendung, die essenziell seien für die Gesundung. Die von der SPD geforderten Personal-Mindeststandards könnten das Problem beheben. Zumal der Bedarf weiter wachsen werde: „Die Zahl der Menschen, die im Laufe ihres Lebens psychische und psychosomatische Erkrankungen erleiden, steigt seit Jahren an.“ Der Ausbau der Infrastruktur hinke hinterher.

Deshalb habe sie Minister Klose aufgefordert, über den aktuellen Fall Höchst hinaus darzulegen, wie die Psychiatrien in Hessen mit Fachpersonal ausgestattet sind, ob die baulichen Gegebenheiten angemessen sind und die bestehenden Therapiemöglichkeiten ausreichen.

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