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Pujan Ghadirian, Betreiber des Phoenix in Sachsenhausen, hat am Abend des Anschlags seine Gäste aus Sicherheitsgründen nach Hause geschickt.

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Shisha-Bars in Frankfurt: Leere Theken

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Der Attentäter von Hanau suchte eine Shisha-Bar als Angriffsziel aus. Der Anschlag hat bei Gästen tiefe Spuren hinterlassen – die Bars bleiben leer.

  • Rechtsterroristischer Anschlag in Hanau in Shisha-Bars
  • Zehn Menschen werden ermordet
  • Shisha-Bars in Frankfurt bleiben leer 

Pujan Ghadirian hält seinen linken Arm hoch, der mit Tattoos übersät ist. „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich über den Anschlag nachdenke.“ Er sitzt in seiner Shisha-Bar Phoenix in Alt-Sachsenhausen. Das Licht ist gedimmt. In der Luft hängt kein süßlicher Geruch von Wasserpfeifentabak. Die Bar ist wie leergefegt, aus den Boxen wummert das Lied „Totentanz“ des Rappers Capo.

Es ist Mittwochabend, 19 Uhr. Der rechtsterroristische Anschlag von Hanau, bei dem erst in einer Shisha-Bar und später in einem Kiosk insgesamt neun Menschen mit Migrationsgeschichte erschossen wurden, während sie ihrem alltäglichen Leben nachgingen, ist eine Woche her. Normalerweise seien um die Uhrzeit schon ein paar Gäste da, sagt Ghadirian. „Doch seit Hanau hat sich das geändert. Viele Stammgäste haben Angst.“ Einige seiner Stammgäste sind Freunde, viele im selben Alter wie er.

Shisha-Bars in Frankfurt - Die Gäste bleiben aus

Ghadirian ist 24 Jahre alt, in Frankfurt geboren, seine Eltern stammen aus dem Iran. Er hat kurze dunkle Haare, trägt einen Siebentagebart, ein schwarzes T-Shirt mit einem goldenen Phoenix auf der linken Brust, um den Hals eine Goldkette. Am ersten Tag nach dem Anschlag war alles noch wie gewohnt, sagt er. Doch ab Freitag war nur noch „tote Hose. Am Samstag wurden vier oder fünf Reservierungen abgesagt. Um 23 Uhr saßen hier nur zwei Gäste, normalerweise ist der Laden um die Uhrzeit rappelvoll“, sagt Ghadirian. Sein Umsatz: „eine Katastrophe“. Der Anschlag hat tiefe Spuren hinterlassen. Dabei geht es nicht nur um den fehlenden Umsatz, sondern vielmehr um das Gefühl, dass sich die Leute nicht mehr sicher fühlen, sagt Ghadirian.

„Hanau haben alle mitbekommen, und am Abend des Anschlags wusste niemand, was wirklich passiert ist. Es gab Gerüchte, der oder die Täter seien auf dem Weg nach Frankfurt und so“, sagt der 24-Jährige. Er habe dann aus Sicherheitsgründen alle Gäste nach Hause geschickt und seine Bar geschlossen.

Zaher al Ardahji, der Besitzer der Diwan Shisha Lounge, hat Alt-Sachsenhausen in zehn Jahren noch nie so leer erlebt wie am Wochenende nach Hanau.

Ein Gast betritt das Phoenix. Er kommt fast jeden Abend hierher, davor war er in zwei anderen Shisha-Bars, aber auch dort: tote Hose. Er setzt sich zu Ghadirian, die beiden kennen sich. Ali Alkhalaf spricht gebrochen Deutsch. Er stammt aus Syrien und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Seit dem Anschlag fühle er sich nicht mehr so sicher. Auf die Frage, ob er Angst habe, lächelt er und sagt: „Ich komme aus Syrien. Ich habe so etwas jeden Tag erlebt.“

Shishas

Shishas sindWasserpfeifen, in denen meist Tabak mit Fruchtaromen geraucht werden. Der Rauch wird durch ein mit Wasser gefülltes Gefäß gezogen. Angezündet werden Shishas mit Kohle.

Der Wasserpfeifentabakist ein feuchter Tabak, der aus einer Mischung von Rohtabak, Glycerin und Aromen besteht. Er ist deutlich feuchter als Pfeifen- oder Zigarrentabak.

In die Kritikgeraten sind Shisha-Bars in der Vergangenheit oft aufgrund des teils hohen Kohlenmonoxidgehalts, der durch das Verbrennen der Kohle entsteht.

In Frankfurterfolgten nach Angaben des Ordnungsamts im vorigen Jahr 206 Razzien. Gründe dafür waren Immissions- oder Jugendschutz. stn

Pujan Ghadirian dagegen wirkt sehr aufgewühlt, wenn er über Hanau und die Tage danach spricht. Seine Worte gehen unter die Haut. Er sagt, für viele sei die Shisha-Bar ein Rückzugsort. „Das ist doch verständlich, weil es so viel Hass in letzter Zeit gibt.“ Es sei einfach so „ungerecht und traurig, dass die Menschen ermordet wurden. Ghadirian fragt sich: „Was haben die Leute ihm denn angetan?“

Täter von Hanau wählte Shisha-Bars als Angriffsziel

Dass der Täter von Hanau die Shisha-Bar als Angriffsziel wählte, war kein Zufall. Schon seit langem werden die Bars von Rechten zu Symbolorten von Kriminalität und Gesetzesverstößen stilisiert. Jüngstes Beispiel sind die Anträge von AfD und FDP in der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag. Darin forderten beide Fraktionen ein Verbot von Shisha-Bars in Wohngebieten.

Bei einer Kundgebung auf dem Paulsplatz am Donnerstag vor der Stadtverordnetenversammlung sagte eine Demonstrantin mit Migrationsgeschichte: „Es geht nicht um Lärmbelästigung und das Einhalten von Hygiene- oder Sicherheitsstandards. Es geht um das heuchlerische Vorführen migrantischer Orte, um den Vorurteilen noch mehr Futter zu geben.“ Shisha-Bars seien Lokalitäten, die symbolisch für Begegnungsorte stünden, an denen Menschen mit Migrationsgeschichte nicht mit rassistischen Zuweisungen an der Tür zu rechnen hätten. Vorurteile, Stigmatisierung, Rassismus: Auch das hat Pujan Ghadirian erlebt. In der Schule in Münster bei Darmstadt wurde er von den Lehrern diskriminiert. In Frankfurt drängte sich vor kurzem im Bus ein Mann an ihm vorbei und sagte, er steige als Erster aus, und „der Ausländer soll warten“.

Viele Razzien in Shisha-Bars 

Ghadirian wirft seine Arme in die Luft und sagt, dass er wohl mehr Deutscher sei als der Mann im Bus. „Ich habe Abitur, ein eigenes Geschäft und zahle Steuern.“ Und in ein paar Monaten will er an der Goethe-Uni mit dem BWL-Studium beginnen.

Wenige Minuten vom Phoenix entfernt ist die Kleine Rittergasse, in der sich Kneipen und Bars aneinanderreihen. Mittendrin befindet sich die Diwan Shisha Lounge. Betreiber Zaher Al Ardahji steht hinter dem Tresen. An der Decke hängen Kronleuchter, das lilafarbene Licht wirkt etwas kitschig, links vom Eingang sitzt eine Gruppe, am Tresen auf einem Hocker ein Mann. Sie rauchen Shishas, es riecht nach Apfel. Al Ardahji schaut kritisch. Er ist sauer und redet sofort über die vielen Razzien, die es in seinem Lokal in der Vergangenheit gab. „Das ist nicht mehr normal. Die wollen uns kaputtmachen“, sagt er. Seit zwei Jahren sei das so, fast jede Woche. „Die Polizei kommt mit Spürhunden, 30, 40 Mann, durchsuchen meinen Laden, die Taschen und Jacken der Gäste. Aber sie finden nichts, dann kommen sie wieder.“ Drei Stunden dauere eine Razzia, meist finde sie am Wochenende statt, wenn viele Gäste kommen. Doch es kämen immer weniger, weil sie Angst vor Razzien hätten.

Shisha-Bars sind migrantische Treffpunkte 

Seit Hanau sei es noch ruhiger geworden. „In den letzten zehn Jahren habe ich noch nie erlebt, dass es an einem Wochenende so leer war. Aber in ganz Alt-Sachsenhausen“, sagt er. Natürlich hätten die Leute Angst, auch er habe Angst bekommen. „Das war ein Schock. Wir haben darüber geredet und uns jedes Mal gefragt: warum?“

Weil Shisha-Bars migrantische Treffpunkte sind. Orte, an denen sie frei von Diskriminierung und Stigmatisierung sind. Orte, an denen sie sich wohlfühlen, wo sie tanzen und feiern können. Orte, die nicht in das rassistische Weltbild des Attentäters passten.

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