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Beim Gedenken in Hanau zeigen Bilder die Opfer der rassistischen Tat.

Rechtsterrorismus

Nach dem Anschlag von Hanau: „Aufgeben ist keine Option“

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Wie weiter nach dem Terroranschlag von Hanau? In der Bildungsstätte Anne Frank wird darüber diskutiert, voller Angst und Trauer, aber auch voller Wut und Kampfgeist.

Ganz vorne, an der Rückwand der Bühne, sind zehn Namen an die Wand projiziert, es sind die Vornamen der Ermordeten von Hanau. Mit einer Schweigeminute für sie beginnt die Podiumsdiskussion in der Bildungsstätte Anne Frank. Die Einrichtung hat am Dienstagabend spontan ihre Türen geöffnet, um Raum für Trauer, Entsetzen und Wut zu schaffen – und für die Frage, wie es weitergehen soll. Man wolle auch „ein Zeichen der Solidarität“ setzen, sagt Saba-Nur Cheema vom Team der Bildungsstätte. Das Bedürfnis nach Austausch ist riesig, der Saal heillos überfüllt, die Betroffenheit mit Händen zu greifen.

In allen migrantischen Communitys gingen seit dem Anschlag Gefühle von Zorn, Trauer, Angst und Hilflosigkeit um, sagt Walid Malik, Aktivist in antirassistischen Zusammenhängen, zu Beginn der Diskussion. Alle diese Emotionen seien legitim, auch wenn sie einander widersprächen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft müsse sich solidarisch zeigen „und uns auch den Raum geben, das zu empfinden“.

Er bekomme auch Debatten mit, wie von Rassismus betroffene Gruppen sich selbst gegen Angriffe schützen könnten, sagt Malik. Denn Orte wie Jugendclubs oder Shisha-Bars seien weiter bedroht. „Der Staat schützt diese Spaces nicht.“ Es sei sinnvoll, jetzt nach Neuseeland oder in den USA zu schauen, wo die Debatten um den Selbstschutz bedrohter Communitys schon weiter seien.

Spendenaufruf

Die Bildungsstätte Anne Frank , die Amadeu Antonio Stiftung und der Verband der Beratungsstellen für Betroffene von rechter Gewalt (VBRG) haben einen gemeinsamen Spendenaufruf für die Opfer von Hanau und ihre Angehörigen gestartet.

Spenden gehen an die Amadeu Antonio Stiftung, GLS Bank Bochum, IBAN: DE75 4306 0967 6005 0000 02, Verwendungszweck „Hanau“. Weitere Informationen im Netz unter www.amadeu-antonio-stiftung.de/hanau

Olivia Sarma, Leiterin der an der Bildungsstätte angesiedelten Beratungsstelle „Response“, berichtet von ihrer Unterstützungsarbeit in Hanau. In den Tagen nach dem Anschlag sei alles sehr chaotisch gewesen, das Leid vor Ort enorm. Rassistische Angriffe seien „Bekenntnistaten“, sagt Sarma. Die Ermordeten seien stellvertretend für alle Menschen angegriffen worden, die im rassistischen Weltbild des Attentäters „nicht zu Deutschland gehören sollen“. Der Anschlag betreffe daher sehr viele Menschen – und sie finde es schlimm, dass offenbar an vielen Schulen überhaupt kein Platz geschaffen werde, um über den Anschlag zu sprechen.

Der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der als Opferanwalt am NSU-Prozess beteiligt war, zitiert Serpil Temiz, die Mutter des in Hanau erschossenen Ferhat Unvar. „Mein Kind soll nicht für nichts gestorben sein“, hatte sie in einem Interview gesagt. Die Hoffnung, dass sich in Deutschland wirklich etwas ändere, habe er immer gehabt, sagt Daimagüler. „Ich hab’ gehofft nach Halle, ich hab’ gehofft nach Lübcke, Mölln, Solingen, ich hab’ immer gehofft.“ Doch mittlerweile zweifele er, zumal nach dem NSU-Skandal fast nichts geschehen sei. „Die NSU-Toten sind umsonst gestorben, für nichts.“

Daimagüler kritisiert die Politik: Innenminister Horst Seehofer (CSU) habe davon gesprochen, er wolle „bis zur letzten Patrone“ gegen eine Zuwanderung in die Sozialsysteme kämpfen, er pflege „eine gewalttätige Sprache“. Und in Politik und Medien gebe es nach Hanau viel Betroffenheit, aber wenig Reflexion über den eigenen Beitrag zu Hass und Hetze. Hoffnung mache ihm, dass mehrere Büttenredner in der Mainzer Fastnacht sich gegen Rassismus positioniert hätten und in einer Berliner Synagoge die Namen der Ermordeten verlesen wurden. „Es ist wichtig, dass wir uns unterhaken“, sagt Daimagüler. „Aufgeben ist keine Option.“

Der HR-Journalist Danijel Majic sagt, nach den vielen Anschlägen und zerschlagenen rechten Terrorgruppen der letzten Zeit gebe es leider einen gewissen Gewöhnungseffekt, „sowohl beim Publikum als auch bei uns Medienschaffenden“. Die mediale Berichterstattung zu Hanau sei aber insgesamt nicht schlecht gewesen. Vor allem werde der Täter erfreulich wenig psychologisiert, der Fokus liege relativ stark auf den Opfern. Gleichzeitig gebe es in vielen Redaktionen immer noch viel zu wenige Menschen mit Migrationsgeschichte – und das werde sich nicht von alleine ändern, sondern nur durch Druck. Alle im Saal müssten jetzt aktiv werden, sagt Majic, damit nach Hanau etwas geschehe. „So leid es mir tut, das zu sagen: Es wird wieder zur Tagesordnung übergegangen werden.“

Gegen Ende melden sich viele Stimmen aus dem Publikum, die zu Zusammenhalt und Gegenwehr aufrufen. Begonnen hat der Abend mit Schweigen und Trauer. Er endet kämpferisch.

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