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Mysteriöser Mythos

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Von: Meike Kolodziejczyk

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Mithras tötet den Stier: Die in Frankfurt entdeckten Funde, die Museumsleiter Wolfgang David erläutert, waren wegweisend. Michael Schick
Mithras tötet den Stier: Die in Frankfurt entdeckten Funde, die Museumsleiter Wolfgang David erläutert, waren wegweisend. Michael Schick © Michael Schick

Eine Sonderausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt widmet sich dem Mithras-Kult, der einst sehr populär war im Römischen Reich – speziell auch im Rhein-Main-Gebiet

Das Relief zeigt das Leitmotiv der Legende: Mithras kniet auf dem Rücken eines Stieres und stößt ihm einen Dolch in die Seite. Das Blut, das aus der Wunde rinnt, bringt neues Leben auf der Erde hervor. „Die Stiertötung ist zugleich Heilstat, Neuanfang und Schöpfung“, erläutert Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt. Die Szene kehrt immer wieder, so auch auf dem drehbaren Kultbild aus Sandstein, das 1826 in der Römerstadt Nida im Nordwesten des heutigen Frankfurts gefunden wurde – und eine der Attraktionen der aktuellen Sonderausstellung des Hauses bildet.

„Mithras. Annäherungen an einen römischen Kult“ eröffnet einen neuen Blick auf die antike Göttergestalt, die einst in weiten Teilen Europas und Asiens als Gott der Sonne und des Lichts gepriesen wurde, und die der Wissenschaft und Forschung bis heute Rätsel aufgibt, vor allem, weil antike Schriftquellen darüber weitgehend fehlen. In einem dreijährigen Kooperationsprojekt entwickelten das Archäologische Museum Frankfurt, das Königliche Museum im belgischen Morlanwelz und das Museum Saint-Raymond in Toulouse in Frankreich nicht nur die erste internationale Schau, sondern die erste Ausstellung überhaupt, die sich ausführlich und ausschließlich dieser antiken Religion widmet, die in ihrer Blütezeit im zweiten und dritten Jahrhundert immerhin etwa so verbreitet war wie damals das Christentum.

Ziel sei es, „neues Licht auf den Mithras-Kult, seine Anhänger und seine Praktiken zu werfen“, sagt Richard Veymiers, Direktor des Museums Mariemont, wo die Ausstellung als erstes gezeigt wurde. Dafür verließen im Oktober 2021 tonnenschwere Steindenkmäler aus Nida mit einem Spezialtransport Frankfurt und rollten nach Belgien. Von dort kam einer der Gründerväter der Mithras-Forschung, der Gelehrte Franz Cumont, der seine Studien unter anderem auf die Heiligtümer stützte, die Archäologen im 19. Jahrhundert im heutigen Frankfurt-Heddernheim ausgruben. „Mithräum“ nennt sich die Kultstätte, in der dem Stiertöter gehuldigt wurde – ausschließlich von Männern. Vier oder gar fünf Mithräen gab es in Nida, Reliefs und Objekte aus allen diesen Stätten bilden unter dem Titel „Mithras in Frankfurt“ den ersten Teil der Schau.

Die Ausstellung

Die Sonderausstellung „Mithras. Annäherung an einen römischen Kult“ ist vom heutigen Freitag, 25. November, bis zum 10. April 2023 im Archäologischen Museum Frankfurt, Karmelitergasse 1, zu erleben. Die Schau wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Workshops.

Das Mithras-Projekt ist ein Kooperationsprojekt des Archäologischen Museums Frankfurt, des Musée royal de Mariemont im belgischen Morlanwelz und des Musée Saint-Raymond in Toulouse in Frankreich. myk

archäologisches-museum.frankfurt.de

Im zweiten Teil begegnen den Gästen neben italienischen, rumänischen oder französischen Fundgebieten von Mithras-Relikten Orte wie Friedberg, Dieburg, Groß-Gerau, Mainz oder Stockstadt. Denn nicht nur Frankfurt, betont Museumsleiter Wolfgang David, „die ganze Rhein-Main-Region war ein Zentrum der Römer“. Und damit auch ein Zentrum des Mithras-Kultes, der sich vor etwa 2000 Jahren vom Orient aus im ganzen Römischen Reich ausbreitete und besonders unter Legionären populär war. Nachdem Kaiser Theodosius Ende des vierten Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion erklärte und heidnische Kulte verbot, verschwand Mithras mitsamt Stier und Inventar.

Ein Mysterienkult war der Mithras-Glaube schon, aber „er war kein exklusiver Geheimkult“, räumt der Althistoriker Laurent Bricault von der Toulouser Universität Jean Jaures mit einem lang gehegten Irrtum auf. Und nicht nur mit einem: Der Mithras-Kult habe – anders als oft kolportiert – dem Christentum keine Konkurrenz gemacht. Er sei „nur einer von vielen Kulten auf dem Markt der römischen Religionen“ gewesen. „Da war niemals ein Wettkampf.“

Noch mehr Licht in die mysteriöse Mithras-Welt bringt die Ausstellung, die nach Morlanwelz und Toulouse jetzt endlich nach Frankfurt gekommen ist – und mit ihr auch die von hier stammenden Zeugnisse des untergegangenen Kultes, der beinah das Zeug zur Weltreligion gehabt hätte. „Aber dafür“, bemerkt David, „hätte er vor allem Frauen nicht ausgrenzen dürfen.“

Ein drehbares Kultbild aus Sandstein aus der römischen Stadt Nida ist erstamals seit seiner Entdeckung vor 196 Jahren in Frankfurt zu sehen. Michael Schick
Ein drehbares Kultbild aus Sandstein aus der römischen Stadt Nida ist erstamals seit seiner Entdeckung vor 196 Jahren in Frankfurt zu sehen. Michael Schick © Michael Schick

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