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Muttertag bei Franco A.

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Von: Stefan Behr

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Der Prozess gegen den Bundeswehroffizier beweist: Es müssen nicht stets Blumen sein –  auch ein Bajonett sagt mehr als 1000 Worte.

Wer seine Mutter so recht von Herzen liebt, der entführt sie an ihrem 60. Geburtstag an einen Ort, an dem sie nie zuvor gewesen ist. Dem Bundeswehroffizier Franco A. ist die Liebe zur Mutter so teuer wie die zum Vaterland, und daher darf die Frau ihren 60. Geburtstag am Montag vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts feiern.

Der ist mit Hochsicherheit eine exklusive Location, und da kommt auch nicht jede hin, man muss schon eingeladen sein. „Wir hätten Sie eigentlich gar nicht laden wollen“, sagt der Vorsitzende Richter Christoph Koller zur Begrüßung. Grund für die Einladung ist mal wieder das Irrlichts-Feuerwerk, das A.s Verteidigung zum Ende des Prozesses schon seit Wochen zündet und ebenjenes damit hinauszögert zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

An einem der letzten Verhandlungstage hatte A. behauptet, die Nazi-Gimmicks, die die Polizei bei seiner jüngsten Festnahme in Offenbach bei ihm gefunden hatte, seien Erbstücke vom Großvater gewesen. Das soll die Mutter nun bestätigen.

Dies tut sie auch. Das seien alles Erbstücke. So wie Vaters Bajonett, das er so geliebt habe und das auch dermaßen ins Herz geschlossen habe, dass es unter dem Bett verwahrt wurde. Und die Buttons mit den Hakenkreuzen, die bei ihrem Sohn gefunden wurden, aber zu dessen Opas Zeiten ja ganz normal gewesen wären, sowas hätten damals alle getragen. Mit den Nazis hätte ihr Vater nie allzu viel am Hut gehabt, zumindest nicht mehr, als die weg gewesen wären.

Es scheint der Aufmerksamkeit der Tochter entgangen zu sein, dass es sich bei den ererbten Ausgaben des „Völkischen Beobachters“ zumindest teilweise um Nachdrucke aus der Nachkriegszeit handelt. Oder dass das Buch „Das III. Reich - 1933-1945“ zu Führers Lebzeiten vermutlich nicht unter diesem Titel hätte erscheinen dürfen.

Aber Schwamm drüber, ihr Sohn sei jedenfalls nach allen Seiten offen und völlig normal und hätte darum auch zwei Deutschlandfahnen im Kinderzimmer hängen gehabt, eine aktuelle und „eine alte, mit Adler oder so drauf“.

Probleme mit der Moderne

Mit der Moderne hat die Mutter ohnehin so ihre Probleme – in einer Zeit, „in der im Kindergarten jetzt die Lieder umgeschrieben werden müssen wegen Wörtern, die schon immer da drin waren“. Und in der Deutschland durch Legionen von Flüchtlingen „überrollt und überrumpelt“ werde – und das einer Nation, die sich einstmals in beiden Disziplinen selbst auf Weltniveau bewegte. „Ich war nie politisch interessiert“, sagt die Mutter, ihr Sohn aber schon, und zwar „nach allen Seiten offen“.

Am Ende der Zeugenvernehmung könnte nun der Staatsschutzchor der Mutter ein Geburtstagsständchen singen, etwa „Trari, Trara, der Sommer ist da“ aus dem Buch „Das deutsche Lied“, das auch in Franco A.s Nazischatz-Aldi-Tüte gefunden worden war. Stattdessen lässt der Sohn der Mutter von seinem Verteidiger eine Hülle überreichen, in der sich vermutlich ein im Gefängnis selbstgemaltes Bild befindet. Der Senat darf es aber nicht anschauen. Es ist nämlich ein Kreuz mit dem Bub: Was er auch macht, die Justiz findet immer einen Haken daran.

Zum Ende des Verhandlungstags spielen Senat und Verteidigung noch die traditionelle Blitzpartie „Mensch ärgere mich“. Koller verwirft den Beweisantrag der Verteidigung, der Senat möge doch bitte mal in die Mixtapes des Abiturienten Franco A. reinhören. Dessen Musikgeschmack sei nämlich nach allen Seiten offen, und ein Mensch, der sogar Punk höre, könne kein ganz schlechter sein und ergo auch keine staatsgefährdende Gewalttat geplant haben. Koller hält das für Stuss.

Aber Moritz David Schmitt-Fricke wäre nicht Franco A.s Verteidiger, wenn er nicht noch einen Beweisantrag im Köcher hätte: Der Senat solle bitteschön einen Berliner Lokalpolitiker der Linken laden, dessen Adresse er und sein Team „trotz intensiver Bemühungen“ leider nicht rausgekriegt hätten. Dieser werde bestätigen, dass auch Franco A.s Politgeschmack nach allen Seiten offen sei. Zumindest hätten A. und der Linken-Politiker in geselliger Runde so manches Thema debattiert, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.

Für den kommenden Verhandlungstag kündigt Schmitt-Fricke „vier bis fünf neue Beweisanträge“ an, weitere sollen folgen. Koller setzt für die Antragsorgie eine neue Frist. Es ist bereits die dritte. Jetzt soll am 13. Juni Schluss mit dem Quatsch sein.

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