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Der Prozess um eine Messerattacke wird fortgesetzt.

Prozess in Frankfurt

Mutter, Schwester, Messer

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Streit in einer Frankfurter S-Bahn endet mit einem versuchtem Totschlag. 

Die Geschichte des interkulturellen Dialogs ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Wie der Prozess wegen versuchten Totschlags, der seit Donnerstag vor dem Landgericht geführt wird, eindrucksvoll beweist.

Laut Anklage hat sich in der Nacht auf den 6. Mai 2018 folgendes zugetragen: Der 21 Jahre alte Emanuele T. begibt sich nach einer neapolitanischen Familienfeier mit seiner 17 Jahre alten Freundin, der neugeborenen Tochter und neun weiteren Verwandten gegen 23 Uhr zum Oberurseler Bahnhof, um zum Nachtquartier in Rödelheim zu fahren. Am Bahnhof treffen sie auf den 19 Jahre alten Kashif R., der dort gerade seiner vollverschleierten Freundin in aller Öffentlichkeit beiwohnt. Emanuele T. findet das „ekelhaft“, weil Frauen und Kinder anwesend seien, weist Kashif R. zurecht und erntet einen Mittelfinger. Dennoch lässt R. von seiner Herzdame ab und steigt mit der neapolitanischen Festgesellschaft in die S5.

Es wird eine unlustige Fahrt, und am Ende bewerfen sich die Kontrahenten im Rödelheimer Gleisbett mit Schottersteinen, bis T. ein Messer zückt und es R. einmal in Leber und Zwerchfell, einmal in den linken Oberschenkel und dreimal in den Hintern rammt. R. wird notoperiert, T. festgenommen.

Vor Gericht schweigt Emanuele T. Dafür verliest der Vorsitzende Richter Briefe, die der Angeklagte aus der U-Haft geschrieben hat. Er sitze hier ein, weil er „einmal im Leben einen Fehler gemacht habe, aber jeder darf einmal einen Fehler machen“, schrieb er dem Vater. Er „bitte Gott, dem Mann zu verzeihen, der Steine auf unseren Kinderwagen geworfen hat“, schrieb er der Freundin. Er sei bald wieder draußen, schrieb er beiden.

Seine Freundin sei keineswegs vollverschleiert gewesen, sagt Kashif R., der auch als Nebenkläger auftritt, lediglich in ein züchtiges langes Kleid und Kopftuch gewandet. Und sie hätten auch keinen Sex gehabt, bloß Küsse, Umarmungen und eine Tupperdose mit Nudeln ausgetauscht, die die Freundin ihm gekocht habe. Doch habe er die Liebe lassen und Familie T. nachreisen müssen, weil deren Spross Emanuele ihm das Schlimmste angetan habe, was ein Mann einem Mann antun könne. „Er hat mich beleidigt, meine Mutter, meine Schwester – vor meiner Freundin!“ Gemäß dem Codex Hammurapi gebe es da nur einen Ausweg: „Ich musste ihn auch beleidigen, seine Mutter, seine Schwester – vor seiner Freundin.“ Drei Hinternstiche später stellt sich allerdings die Frage, in welcher Sprache die beiden sich beleidigt hatten. Emanuele T. ist Italiener, Kashif R. Pakistaner, beide Muttersprachler, beide verstehen einander nicht und erst recht kein Deutsch. Aber in dieser Nacht verstanden sie sich wundersamerweise. Zumindest akustisch.

Emanuele T.s Freundin gibt im Zeugenstand eine mögliche Antwort. Sie berichtet von der Nachtfahrt nach Rödelheim, während der die beiden Streithansel sich gegenseitig angepestet hätten. Ihr Freund habe geschimpft, „aber das hat der junge Mann nicht verstanden“, der junge Mann habe auch geschimpft, „aber das haben wir nicht verstanden“. Aber „der junge Mann schaute ihm ins Gesicht – er forderte ihn also heraus“.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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