Justiz

Mutter und Brüder in Frankfurt-Hausen angegriffen

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Der Prozess wegen versuchten Totschlags weckt Zweifel an der Schuldfähigkeit des Täters.

Bereits die Anklage lässt erahnen, dass im Gemüte von Hui-Pan P. etwas quer sitzen könnte. Sie lautet auf versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Bedrohung.

Am 30. Oktober 2018 verschafft sich P.s Mutter Zugang zu dem Kellerverschlag ihrer Wohnung in Hausen, in dem ihr 28 Jahre alter Sohn seit wenigen Wochen haust – seit er aus seiner Bude im Rodgau geflogen ist. So gehe es nicht weiter, versucht sie ihm klarzumachen, er müsse ausziehen. P. greift zum Messer und geht mit den Worten „Ich mache dich tot“ auf die Mutter los. Seine elf und 14 Jahre alten Brüder fangen an zu weinen und bitten ihn, aufzuhören, „Mund halten, ihr seid die nächsten“, herrscht P. sie an, aber so weit kommt es nicht. Zwar schlägt er Mutter und Brüder zu Boden und tritt auf die Liegenden ein, aber letztendlich kommen alle mit Schädelprellungen, blauen Flecken und einem gebrochenen Handgelenk davon.

Muskulöse Oberarme, das Haar kunstvoll verknotet

Auf der Anklagebank macht P. anfangs den Eindruck eines herkömmlichen Totschlägers: die muskulösen Oberarme vollflächig tätowiert, das lange Haar am Hinterkopf kunstvoll verknotet, im Gesicht ein an diesem Ort eher deplatziertes Dauergrinsen. Aber kurz nach Verhandlungsbeginn wird klar, dass der Grund dieses Grinsens nicht unbedingt Boshaftigkeit sein muss.

Vor dem Prozess ist P. begutachtet worden. Das Gutachten ist erst kurz vor Prozessbeginn fertig geworden, und vielleicht ist das der Grund, warum P. es mit einer Anklage und nicht mit einer Antragsschrift im Sicherungsverfahren zu tun hat.

Wohnhaft in Rodgau

Der großen Strafkammer gegenüber macht P., der die Tat einräumt, kaum Angaben. Fast sämtliche Antworten, die er dem Gericht gibt, erschöpfen sich in zwei Worten: „Keine Ahnung!“ Seine längste zusammenhängende Einlassung ist sein Lebenslauf: „Bin 28 Jahre alt, wohne im Rodgau, habe vor kurzem gearbeitet.“

Dass da noch mehr ist, lässt die Aussage des Gutachters erahnen. Hui-Pan P., verrät der etwa, sehe gerne Horrorfilme. Nicht nur, präzisiert P., sondern auch „Splatter, Mord, Kannibalismus und sinnloses Gemetzel“. P., erklärt der Gutachter, höre seit seiner Kindheit Stimmen, die ihm monströse Dinge beföhlen. Welche er aber nicht immer ausführe, stellt P. klar. Damals, als er das Kaninchen getötet habe, habe er dies auf Geheiß der Stimmen getan. Aber als diese ihm unlängst befohlen hätten, eine Frau, die abends vor ihm herspazierte, zu vergewaltigen, habe er etwa verweigert. Ebenso wie damals, als ihm die Stimmen gesteckt hätten, er solle das Kind seiner Ex-Freundin umbringen, „damit die sich nicht die Hände schmutzig machen muss“. Stattdessen habe er die Kleider seiner Freundin angezündet - einerseits als „Voodoo-Ritual“, andererseits, um sich selbst eine Rauchvergiftung zuzuziehen und so seinen Körper unattraktiv zu machen für die Organhändler, die ihn verfolgten.

Nach all dem ist die Große Strafkammer des Landgerichts dann doch der Auffassung, dass Zweifel an der Schuldfähigkeit bestehen und eine dauerhafte Unterbringung im Interesse aller immer wahrscheinlicher wird.

Als P.s Mutter am Ende ihrer Zeugenaussage in Tränen ausbricht und sagt, er bleibe trotz allem ihr Sohn, fasst der sich ein Herz und sagt immerhin die drei magischen Worte: „Tut mir leid.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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