Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Guoda Gedvilaité tritt nicht nur mit klassischer Musik auf, sondern auch mit Schauspiel-, Tanz- und Jazzensembles.
+
Guoda Gedvilaité tritt nicht nur mit klassischer Musik auf, sondern auch mit Schauspiel-, Tanz- und Jazzensembles.

Göpferts Runde

Musik überwindet Grenzen und stiftet Frieden

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Die in Litauen geborene Pianistin Guoda Gedvilaité feiert ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum und plant ein Festival der Freundschaft.

Aus dem geöffneten Fenster des Übungsraumes fällt der Blick tief hinunter auf die vielspurige Eschersheimer Landstraße; der unablässige Strom der Fahrzeuge sendet ein stetes Donnern und Rauschen herauf. Dass gerade an dieser Frankfurter Hauptverkehrsader drangvoll beengt die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) liegt, in der Ruhe und Konzentration gebraucht werden, mutet ein wenig absurd an. Doch Guoda Gedvilaité hat gelernt, mit dieser Situation umzugehen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die Pianistin eng mit der Lehranstalt verbunden, erst als Studentin, danach als Dozentin. Gerade hat die Künstlerin mit einer Folge von Konzerten ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert, seit Jahrzehnten kennt sie „zwei Zuhause“, ist mit „zwei parallelen Welten“ vertraut, ihrem Geburtsland Litauen und ihrer neuen Heimat Frankfurt.

Die 46-jährige versucht, „eine Botschafterin“ zu sein zwischen „zwei Heimatländern“, nicht nur mit ihrer Musik, mit Auftritten und Schallplatten. Nein, sie unterrichtet und fördert Kinder und Jugendliche in beiden Ländern. Wirbt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von zwei Nationen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dort das kleine Litauen, gerade einmal vier Millionen Menschen, die sich vor drei Jahrzehnten blutig ihre Unabhängigkeit von der UdSSR erstritten und die heute „Angst vor dem Aussterben“ haben, wie es die Musikerin berichtet. Dort das große, wirtschaftlich und politisch übermächtige Deutschland, aus Sicht der ersten Heimat ein Hort der „Ordnung, Pünktlichkeit, Sicherheit“. „Ich fühle mich total sicher hier.“: So fasst die gebürtige Baltin ihr Lebensgefühl in Frankfurt zusammen. Rund um ihre Geburtsstadt Druskininkai, einem kleinen Kurort an der Südgrenze Litauens, entwickelt sich dagegen gerade ein gefährlicher Brennpunkt der Weltpolitik: Der Nachbar Weißrussland transportiert dort Geflüchtete zur Grenze, setzt die hilflosen Menschen als politisches Druckmittel ein.

Vor 40 Jahren schien die Welt in Druskininkai dagegen behütet. An ihre Kindheit in „unserer kleinen, sehr ruhigen Stadt im Wald“ erinnert sich die Künstlerin mit einem Lächeln. Sie wuchs als Tochter eines Ehepaares auf, das Konzerte und Kulturveranstaltungen organisierte, kannte schon als kleines Mädchen die Welt der Musik und Artistik. „Ich wollte auf die Bühne.“ Im Alter von sechs Jahren schenkten die Eltern ihr das erste Klavier. Sie absolvierte eine lange musikalische Ausbildung. „Praktisch jede kleine Stadt in Litauen hat ihre Musikschule, die Kinder werden klassisch an verschiedenen Instrumenten ausgebildet, ihr Gehör wird geschult.“ Gedvilaité streicht eine Haarsträhne aus der Stirn: „Ich verteidige diese Tradition.“ Sie hadert mit einer jungen Generation in Litauen, die abrücke von der musikalischen Bildung, „nachlässiger und oberflächlicher“ geworden sei.

Die Jugendliche lebte noch im Gefühl der direkten Konkurrenz mit anderen Schülerinnen. „Ich habe immer gehört, ob meine Freundin noch übt und wenn ich sie hörte, habe auch ich weiter gespielt.“ Es war eine Welt, in der sie Selbstdisziplin lernte. Und zu der auch Sport gehörte. „Ich habe Basketball gespielt, Tischtennis und ich war Langstreckenläuferin.“ Noch heute läuft sie am Vormittag, wenn am Abend ein Konzert ansteht. „Der Kopf wird frei und man kann besser atmen.“ Schon die große Pianistin Clara Schumann habe sich im 19. Jahrhundert täglich Kilometer in der Natur bewegt. Schumann ist ein Idol für sie.

Bald gehörte Guoda zu den besten jungen Pianistinnen ihres Landes, bekam im Alter von fünfzehn schon die Möglichkeit, in den USA, in den Niederlanden, in der Tschechoslowakei aufzutreten. Und dann brach plötzlich der politische Umbruch in ihr Leben ein. Die Sowjetunion kollabierte, die baltischen Staaten kämpften um ihre Unabhängigkeit. In Litauens Hauptstadt Vilnius demonstrierten die Menschen für die Selbstständigkeit ihres Landes, während die Panzer der sowjetischen Armee auffuhren. „Drei Millionen zogen vor das Parlament und ich war dabei.“ Guodas Eltern standen Todesängste um sie aus, doch ihre Tochter fühlte „keine Angst“. Sie lacht. „Ich war 16!“

Zur Person:

Guoda Gedvilaité wurde 1975 in der litauischen Stadt Druskininkai geboren. Im Alter von sechs Jahren begann sie mit der Klavierausbildung. Schon mit 15 Jahren hatte sie Auftritte in den USA, den Niederlanden, der Tschechoslowakei.

1995 kam sie als Studentin an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst nach Frankfurt am Main. 2002 wurde sie dort Dozentin der Klavierklasse. Sie leitet internationale Meisterkurse in Litauen und Deutschland.
Von 2009 bis 2019 war sie künstlerische Leiterin der Internationalen Klaviertage in Bad Wildungen. Sie tritt nicht nur mit klassischer Musik auf, sondern auch mit Schauspiel-, Tanz- und Jazzensembles. (jg)

Doch die sowjetischen Truppen schossen, versuchten alles, um die Macht zu behalten. Am 16. Januar 1991 kulminierten die Kämpfe. In Vilnius besetzten sowjetische Spezialeinheiten den Fernsehsender. Gedvilaité erinnert sich mit tonloser Stimme. „Die Panzer überfuhren die Menschen, es gab viele Tote.“ Heute, sagt sie, sei der 16. Januar alljährlich „unser nationaler Trauertag“.

Unser Gespräch stockt langsam. Wir sind tief in die Vergangenheit eingetaucht, während draußen vor dem Fenster noch immer der Verkehr rauscht und donnert. Nach und nach verabschiedet sich die Sonne schon wieder an diesem kurzen Wintertag, die Schatten werden lang. Gedvilaité schüttelt den Kopf. „Dass Litauen es geschafft hat, unabhängig zu werden, ist ein Wunder.“ Dieses Wunder erlaubte es der Pianistin schließlich, im Alter von 20 Jahren dem Ruf eines Professors zu folgen und zur Ausbildung an die Hochschule für Musik nach Frankfurt zu wechseln.

Überhaupt, die Musik. Die Künstlerin will sich nicht auf einen Komponisten festlegen, dem ihre besondere Liebe gehöre. Wer ihre jüngste CD „Quiet now Ramuma“ hört, der erkennt, wie sie die Grenzen der Klassik hin zum Jazz überschreitet. Wie sie klassische Stücke von Piazolla oder Poulenc neu arrangiert, wie sie den Bogen spannt von Chopin bis eben hin zur Komposition „Quiet now“ des Jazz-Pianisten Bill Evans. Sie tritt auch mit Jazz-Musikern gemeinsam auf. Der US-Jazzer Brad Mehldau fasziniert sie, weil es ihm gelinge, in sein Spiel klassische Fugen zu integrieren. Auch den kubanischen Pianisten Gonzalo Rubalcaba liebt sie, der sich oft an der Grenze von Jazz und Rock bewegt. Vor mehr als zehn Jahren war Gedvilaité mit einem jungen deutschen Pianisten befreundet, der damals im Frankfurter Stadtteil Höchst wohnte. In einem Hinterhof an der Bolongarostraße hatte er ein kleines Atelier gemietet, vollgestopft mit Klavieren und alten Cembalos. Michael Wollny war damals nur wenigen Fachleuten ein Begriff, heute gehört er zu den bekanntesten europäischen Jazz-Pianisten.

Leider hat es die Stadt Frankfurt versäumt, den Musiker hier zu halten. 2014 bot ihm die Stadt Leipzig eine Professur an der Hochschule für Musik und Theater an, seither lebt er mit seiner Familie dort. „Bei uns sind viele Musikerinnen und Musiker weggegangen, weil sie anderswo besser bezahlt werden“, berichtet die Pianistin. Gedvilaité blieb. Das hat viel mit Ulf-Henrik Göhle zu tun, Gitarren-Dozent und Professor für Motologie, also der Lehre vom Zusammenhang zwischen Bewegung und Psyche, an der Frankfurter Musikhochschule. Er ist der Mann, den sie liebt und 2006 auch geheiratet hat. Die Musikerin fasst lächelnd in wenige Worte, was Göhle für sie bedeutet. „Dieser Mensch ist der Treibstoff für mein Engagement, er zieht mich als Künstlerin aus jedem Loch.“ Sie heirateten in Druskininkai, wo die Pianistin schon zuvor in die Jury des internationalen Festivals „Musik ohne Grenzen“ eingetreten war.

2009 übernahm sie in Bad Wildungen die künstlerische Leitung der internationalen Klaviertage und behielt sie zehn Jahre. Gedvilaité scheint manchmal im Gespräch vor Energie zu vibrieren, sie liebt Geschwindigkeit und stets neue Herausforderungen. Lachend vergleicht sie ihr Leben mit einer Fahrt „bei Tempo 220 auf der Autobahn“. Als Anfang 2020 die Corona-Pandemie über Deutschland hereinbrach, wurde die Musikerin jäh abgebremst. Keine Auftritte mehr, keine Tourneen. „Ich habe die Corona-Pause tatsächlich als Pause genutzt.“ Sie arbeitete an ihrem Repertoire, studierte zum ersten Mal intensiv alle Beethoven-Sonaten. Doch andere in der Musikszene waren nicht wirtschaftlich abgesichert, sie stürzten tief ab. „Etliche haben Arbeit und Motivation verloren durch Corona, haben begonnen, an sich zu zweifeln.“ Pause. Dann fügt sie leise hinzu: „Einige haben es nicht geschafft.“ Sie stiegen ganz aus dem Beruf aus. Auch Gedvilaité spürte, dass sie langsam die stete innere Spannung verlor, die zuvor ihr Leben als Künstlerin bestimmt hatte.

Doch sie münzte die Krise in neue Energie um. Arbeitet gegenwärtig an einem ehrgeizigen Projekt. Ihr schwebt nicht weniger vor als die Gründung eines musikalischen, grenzüberschreitenden „Festivals der Freundschaft.“ Die Suche nach einem Team und nach Sponsoren läuft. Sie will erfahrene Musikerinnen und Musiker um sich sammeln. „Die über 30-Jährigen werden in Deutschland nicht unterstützt, viele landen auf der Straße.“ Aber gerade ältere Künstlerinnen und Künstler hätten „etwas zu erzählen“. Im nächsten Jahr hofft sie, die Premiere ihres Festivals zu erleben. Mehr möchte sie an dieser Stelle noch nicht verraten.

Die Sonne, die bisher über die Fensterfront wanderte, ist verschwunden. Auf die Dozentin warten die nächsten Unterrichtsstunden. Noch ist Corona nicht überwunden. Sie wappnet sich, versucht „in Form zu bleiben“. Aber natürlich holen sie die schlimmen Nachrichten aus ihrer alten Heimat Litauen oder aus der Ukraine ständig aufs Neue ein. Guoda Gedvilaité weiß: „Es gibt keine Sicherheit.“ Aber sie glaubt an die grenzüberschreitende, friedenstiftende Kraft der Musik. Ihr neues Album ist ihrem Sohn Aurelijus gewidmet, jetzt 13 Jahre alt. Er wächst zweisprachig auf, als Europäer. Mit der Liebe zu zwei Kulturen. So, wie seine Mutter es erlebt hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare