Römerbriefe

Mach’s gut

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen
  • Georg Leppert
    Georg Leppert
    schließen

Ein geschasster Amtsleiter wird in der Paulskirche verabschiedet. Wir fragen uns: Warum nur er? Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert:  Sag mal, dein Abschied …

Göpfert:  Klappe halten!

Leppert:  Ist es okay, wenn wir in der Festhalle feiern? Oder soll ich das Terminal 2 dafür anmieten? Fliegt doch eh keiner mehr.

Göpfert:  Du spinnst.

Sie haben es bestimmt gelesen, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Michael Simon bekommt am morgigen Freitag die größtmögliche Abschiedsfeier. In der Paulskirche. Mit allem Prunk. Dafür hat Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) gesorgt.

Das hat der Herr Simon aber auch verdient. Nach 40 Jahren im Amt für Bauen und Immobilien. 93 Schulen hat er in der Zeit gebaut. Die neuen Bühnen. Und einen neuen Dom. Und … Sorry, wir haben da wohl was verwechselt. In Wahrheit kam Simon erst im November 2017 in die Stadtverwaltung. Und zumindest Baudezernent Jan Schneider (CDU) ist nicht zum Feiern zumute. Er hat ihn nämlich geschasst.

Klar, dass Ihre Kommentatoren in dieser Woche abgegangen sind wie der Hund von Ursula auf der Heide (Grüne) beim Abendspaziergang. Von einer „Farce“ haben wir geschrieben, auch die Worte „politisch instrumentalisieren“ und „hanebüchen“ fielen. Hart, aber wahr.

Allerdings sind die Römerbriefe Ort für die etwas andere Sicht auf die Dinge im politischen Frankfurt. Und deshalb präsentieren wir Ihnen hier die ultimative Aufzählung der Menschen, die man auch unbedingt in der Paulskirche hätte verabschieden müssen.

Martin Wimmer: Der frühere Büroleiter von Peter Feldmann verließ die Frankfurter Stadtverwaltung ganz leise. Eine Schande. Schließlich war er der erste Berlin-Beauftragte in einer Römer-Regierung. Er hätte in der Paulskirche aus seinem Bestseller „Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes“ lesen können. Und er hätte die versammelte Festgemeinschaft um Hilfe bei der Wohnungssuche bitten können: „Sechs Zimmer für zwei Personen gesucht, bitte nicht unter 3000 Euro kalt …“

Volker Stein: Der FDP-Politiker, der erst Ordnungsdezernent und dann Stadtrat fürs Abwasser war, wurde immerhin im Kaisersaal verabschiedet. Doch auch er hätte mehr verdient gehabt. Er bot nämlich eine gute Show und beschimpfte erst einmal die CDU, da die bei seiner Demontage eine gewisse Rolle gespielt habe. Das C stünde ja offenbar nicht für christlich, ließ er wissen, und Boris Rhein (CDU) rief laut: „Buh!“ War aber alles einstudiert. Rhein und Stein verbindet vieles – eine gescheiterte OB-Kandidatur zum Beispiel.

In der Paulskirche könnte aber auch der unbekannteste Oberbürgermeister Frankfurts geehrt werden: Volker Hauff. Haben Sie noch nie gehört? Da geht es Ihnen wie vielen Menschen. Aber der Sozialdemokrat war tatsächlich einmal Frankfurter Stadtoberhaupt. Wenn auch nur kurz. Im Juni 1989 war er von einer rot-grünen Mehrheit im Römer gewählt worden. Im März 1991 packte er morgens sein Bündel und floh aus der Stadt.

Wie, das glauben Sie nicht? Genauso war es aber. Hauff, der noch Verkehrsminister im letzten Kabinett von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) gewesen war, gab als Frankfurter OB auf, weil er sich von seiner eigenen Partei, den Sozialdemokraten, verraten und verkauft fühlte.

Hauff war Schwabe und fremdelte schon mentalitätsmäßig mit Frankfurt. Er war (und ist) ein kluger Kopf, setzte sich früh für ökologische Reformen und die Zusammenarbeit mit den Grünen ein. Doch er war kein Kommunalpolitiker, scheute eher den Kontakt mit den Menschen und das Bad in der Menge.

Seit dem Debakel mit Hauff 1991 ging es mit der Frankfurter SPD lange Jahre bergab. Was Wunder, dass sie die kurze Amtszeit des OB komplett verdrängte. Am 9. August feiert der Politiker seinen 80. Geburtstag. Es wäre ein schöner Anlass, ihn in der Paulskirche zu empfangen.

Und da gibt es noch jemanden, bei dem sich Frankfurt gleichsam entschuldigen müsste. Margarethe Nimsch (Grüne) war von 1989 bis 1995 Frankfurts erste Dezernentin für Frauen und Gesundheit, mit großen Verdiensten. Doch ihre Wiederwahl 1995 scheiterte an vier fehlenden Stimmen aus der rot-grünen Römer-Koalition, die daraufhin zerbrach. Die Rechtsanwältin Nimsch, die noch immer arbeitet, hat Anfang des Jahres ihren 80. Geburtstag gefeiert. Sie hätte eine Ehrung in der Paulskirche tatsächlich verdient.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

Kommentare