Römerbriefe

Meister der Hausbesuche

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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Trotz Peter Feldmann verlagert sich der Politikbetrieb mehr und mehr ins Internet, nicht nur wegen Corona. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Göpfert:  Weißt du noch, wie 2005 Joschka Fischer 10 000 Menschen auf dem Römerberg zum Toben gebracht hat mit seiner Rede?

Leppert:  Du immer mit deinen alten Heldengeschichten ...

Göpfert:  Apropos, wo tritt denn Robert Habeck diesmal im Kommunalwahlkampf in Frankfurt auf?

Leppert:  Ääh ... ich nehm’ mal an, da wird ein schöner Stream freigeschaltet.

Genauso ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Die Formen der politischen Vermittlung verändern sich dramatisch. Der sprichwörtliche Politiker zum Anfassen, die Politikerin, die das Bad in der Menge liebt, sie finden sich immer seltener. Die Distanz zwischen Wahlvolk und zu Wählenden, sie scheint zu wachsen. Da verstärkt Corona nur einen gesellschaftlichen Trend, der schon länger anhält. Klar: Derzeit ist bereits wegen der Ansteckungsgefahr schwer vorstellbar, dass sich im kommenden Kommunalwahlkampf die Kanzlerin am CDU-Stand auf der Zeil ins Getümmel wirft. Oder Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) an der Hauptwache seinen Fans Autogramme auf den Handrücken ziseliert.

Aber auch schon vor Corona haben sich die Spitzenpolitiker nur selten dem Volk genähert. Riskierten sie doch, mit wenig freundlichen Aufforderungen empfangen zu werden, die auch etwas mit Distanz zu tun hatten. Der Dialog zwischen Wahlvolk und Gewählten ist merklich rauer geworden und oft auch auf einfache Formeln reduziert.

Wie schön, dass sich gerade in Frankfurt ein Politiker entschlossen diesem fatalen Trend entgegenstemmte. Genau. Er war unterwegs, gleich, ob es stürmte oder schneite, er klopfte an Türen, gleich, ob ihm aufgetan wurde oder nicht. Peter Feldmann entwickelte den Hausbesuch zu einer besonderen Kulturtechnik. Er klopfte sich sozusagen durch bis zur Wiederwahl als Frankfurter Oberbürgermeister.

Wir dürfen gespannt sein, ob Feldmann in Zeiten, in denen Parteitage nur noch virtuelle Zusammenkünfte sind, noch ganz real um die Ecken ziehen wird. Und ob er wirklich im nächsten Wahlkampf noch die Medienvertreter wie früher werbewirksam ins Stadtteilzentrum der Arbeiterwohlfahrt einlädt. Oder lieber in den SPD-Ortsverein. Obwohl es ja Häuser in Frankfurt gibt, in denen das angeblich eins ist.

Aber auch wenn der Meister der Hausbesuche weiter umherzieht, wird er nicht verhindern können, dass der Politikbetrieb sich langsam weiter ins Internet verlagert. Seltener werden die Gelegenheiten, auf Parteitagen live Geschichte zu schreiben, wie Beate Klarsfeld, die im November 1968 auf dem CDU-Parteitag in Berlin Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen seiner NS-Vergangenheit ohrfeigte. Kiesinger trug eine leichte Bindehautentzündung davon und verlor ein knappes Jahr später die Bundestagswahl.

Ungeachtet dessen sind die Parteien in Frankfurt entschlossen, ihre Kommunalwahlversammlungen mit Kandidatenaufstellung im Herbst notfalls nur virtuell abzuhalten. Ob sich da noch einer als Redner so verausgaben wird wie Joschka Fischer, der 2005 auf dem Römerberg sein Hemd völlig durchschwitzte, das bleibt abzuwarten.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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