Römerbriefe

Musik liegt in der Luft

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Wir werden jünger, dynamischer und frischer und werfen die Jukebox an. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert: Bist Du es, oder bist Du es nicht?

Göpfert: Genau das ist hier die Frage.

Leppert: Verdammt noch mal, nimm endlich das Ding ab!

Göpfert: Genau das aber darf ich nicht, mein Lieber.

Genauso ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Der Römer bleibt den strengen Regeln in Zeiten der Corona-Pandemie unterworfen. Als jetzt der Haupt- und Finanzausschuss tagt, da ist es so, als träfen sich Freunde nach langer Zeit wieder. Man winkt sich im großen Plenarsaal aus der Ferne zu, grüßt mit einem Lächeln oder einem scheuen Kopfnicken. Auch Du hast also überlebt, scheint das zu signalisieren.

Manche sind nach der Corona-Zwangspause und mit ihrer Mund-Nasen-Bedeckung überhaupt nicht wiederzuerkennen. Wer ist zum Beispiel der elegante ältere Herr mit dem schneeweißen Vollbart und dem schlohweißen Haupthaar in den Reihen der CDU? Rätselraten auf der Pressebank. Erst nach längerem Hinsehen wird Michael zu Löwenstein erkennbar, der frühere CDU-Fraktionsvorsitzende im Römer, ehemals bartlos und mit gezügeltem Haarwuchs. Jetzt schlüpft zu Löwenstein nahtlos in die Rolle eines Weisen vom Berge, auch wenn er an diesem Tage noch schweigt und nicht orakelt.

Die Mikrofone im Saal sind von schützendem Plastik umhüllt. Nach jedem Redebeitrag aber befreit eine städtische Bedienstete das Mikro sorgsam von seiner Hülle und reinigt es mit einem Desinfektionstuch. Erst dann darf es weitergehen. Geradezu feierlich erheben sich die Stadtverordneten von ihren Sitzen und schreiten zum Auftritt. Endlich wieder eine Debatte! Der Ausschussvorsitzende Christoph Schmitt mahnt zu einem Benehmen und zu einer Wortwahl, die dem Ernst der Lage angemessen sind. Nur Manfred Zieran, der Spielverderber von der Ökologischen Linken, versteigt sich zu einem Zwischenruf. Er gewinnt der Quasischließung des Rhein-Main-Flughafens etwas Positives ab: „Es ist leiser!“

Die anderen aber fühlen sich dem Ziel verpflichtet, das Wolfgang Siefert von den Grünen formuliert: „Den Laden am Laufen halten“. Alle wissen, was Ursula Busch, die SPD-Fraktionsvorsitzende, ausspricht: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden die Stadt „über mehrere Jahre“ in Atem halten. Aber darf alles wieder so werden wie vor der Pandemie, oder ändert sich die Politik doch grundlegend? Bürgermeister Uwe Becker skizziert den Weg aus der Krise: In seinen Augen sind es Kredite und noch höhere Schulden, weit über die drei Milliarden Euro hinaus, die eh schon im städtischen Haushalt eingepreist waren. Becker versucht zu trösten: Wenn eine Stadt kreditwürdig sei, dann Frankfurt. Wenn Frankfurt kein Geld mehr von den Banken bekomme, dann erhalte keine Stadt in Deutschland mehr welches.

Einige Stadtverordnete, wie etwa Wolfgang Siefert, nehmen sich selbst mit ihren Smartphones auf. Schließlich ist das eine Sitzung, die in die Stadtgeschichte eingehen wird. Auf Applaus und andere Kundgebungen wird völlig verzichtet. Und plötzlich fällt auf, was noch fehlt: Publikum. Nur drei Journalisten sind im Plenarsaal, niemand sitzt auf der Tribüne, und der Bürgermeister hat einen Mitarbeiter mitgebracht. Das ist es. Bizarre Zeiten.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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