+
Der Römer, Rathaus von Frankfurt.

Römerbriefe

Nicht nur idyllisch

  • schließen
  • Georg Leppert
    Georg Leppert
    schließen

Wir werden jünger, dynamischer und frischer und werfen die Jukebox an. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Göpfert:Einfach idyllisch. Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Leppert:Glaub ich nicht.

Göpfert:Schau Dir das doch mal an. Der wunderbare See, dazu noch Fontane und Tucholsky ...

Leppert:Du immer mit Deinem Rheinsberg.

Genauso ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Die Zufriedenheit mit den Verhältnissen ist natürlich immer relativ und wenn man dann genauer hinschaut ...

Einen von uns beiden Römer-Reportern zieht es ja seit Jahren schon im Sommer für einige Zeit nach Brandenburg, genauer: in die Nähe des Städtchens Rheinsberg. Mit knapp 330 Quadratkilometern übrigens flächenmäßig eine der größten deutschen Gemeinden, allerdings wohnen in diesem Riesenraum nur 8000 Menschen, also 24 pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Frankfurt am Main sind es 3033.

Rheinsberg: Das ist Theodor-Fontane-Land, viele blaue Seen, Kornfelder bis zum Horizont, das Schloss, auf dem der spätere preußische König Friedrich II. als Kronprinz aufgewachsen war ...

Und politische Verhältnisse, von denen Peter Feldmann nur träumen kann. Seit der Kommunalwahl im Mai stehen 45 Prozent der 18 Stadtverordneten von Rheinsberg mit den Freien Wählern hinter Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow. Andererseits: 55 Prozent im Stadtparlament sind gegen ihn, all dieses Gelichter, das uns auch aus dem Römer bekannt ist: CDU, SPD, Linke und FDP.

Und in Rheinsberg wird mit harten Bandagen gefochten: Kurz vor der Kommunalwahl kursierte in der Stadt ein anonymes Flugblatt, auf dem der Bürgermeister als „Lügenbaron“ tituliert wurde. Man stelle sich so was mal in Frankfurt am Main vor.

Mangel an erschwinglichen Unterkünften gibt es in Rheinsberg nicht. Eine sonnige Drei-zimmerwohnung mit 60 Quadratmetern mitten im Stadtzentrum ist für 330 Euro Monatsmiete zu haben. Man stelle sich so was mal in Frankfurt am Main vor.

Im Sozialausschuss des Rheinsberger Stadtparlaments berichten die Frauen vom Helferkreis für Flüchtlinge von zunehmender Ausländerfeindlichkeit. Die AfD habe stark an Unterstützung in der Stadt gewonnen. Auf offener Straße würden die Mitglieder des Helferkreises beschimpft. Man stelle sich das mal in Frankfurt vor ...

In Rheinsberg geht die Einwohnerzahl seit Jahren leicht zurück. Zum Vergleich: Frankfurt am Main ist zwischen 2012 und 2019 um 50 000 Menschen gewachsen. Der Lastwagenverkehr an der Durchgangsstraße von Rheinsberg ist ziemlich heftig, und das nur wenige Meter von dem Traditions-Restaurant entfernt, in dem schon Theodor Fontane und Kurt Tucholsky einzukehren pflegten ...

„Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht“, schrieb Theodor Fontane. Und zumindest die Zugverbindung (sechsmal am Tag) könnte auch heute besser sein. Man sieht: Auch in Rheinsberg ist die Welt nicht immer in Ordnung. Und doch lohnt es sich in jeder Hinsicht, mal den Römer hinter sich zu lassen und nach Osten aufzubrechen.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert    berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare