Römerbriefe

Musik liegt in der Luft

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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In diesem Juli in Frankfurt treten die Diadochen-Kämpfe der Kommunalpolitik in den Hintergrund. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert: Als Urlauber werde ich langsam richtig neidisch auf Dich.

Göpfert: Warum das denn?

Leppert: Wenn ich so lese, wie wunderbar der Sommer zu Hause in Frankfurt in diesem Jahr ausfällt.

Göpfert: Da hast Du recht, abends auf der Terrasse bei Sergio, im Glas der kühle Pinot grigio aus den Abruzzen, auf dem Teller ein wenig Pasta mit einer Soße nach Großmutters geheimem Rezept …

Genau so ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Der heimische Sommer lässt in diesem Jahr die Fremde überhaupt nicht vermissen. Bruna und Sergio zaubern einen Flecken ihrer italienischen Heimat mitten ins Nordend. Und wenn der Wind dann in der Abenddämmerung die alten Bäume rauschen lässt, vergisst man ganz die Niederungen des politischen Alltags.

Kulturdezernentin Ina Hartwig hat uns ja empfohlen, in den Sommerferien Marguerite Duras zu lesen, die große französische Schriftstellerin. In ihrem Roman „Im Sommer abends um halb elf“ entwirft sie in wenigen Sätzen das Panorama eines hitzedurchglühten Gebirges. „Ein Kranz von Bergen erhebt sich am Horizont, mit runden Kuppen. Beim Weiterfahren entdeckt man immer neue Berge, in kühner Staffelung. Nun sind sie auf allen Seiten und übereinander, die einen liegen auf den andern, mit ihrem ganzen Gewicht, in einem wahnwitzigen Gedränge, weiß, rötlich oder bläulich gefärbt durch Schwefelverbindungen, der Sonne ausgesetzt.“

Ach ja. Wie klein erscheinen einem da doch die Diadochenkämpfe der im Römer verbliebenen Mitglieder der Stadtregierung. Das Bemühen des Oberbürgermeisters zum Beispiel, doch bloß bei der Wiedererrichtung des Goetheturmes zur rechten Zeit im rechten Licht zu erscheinen. Da werden die Medienvertreter schon Tage vorher informiert, zu welcher Stunde genau der OB auf der Baustelle am Waldrand erscheinen wird und dass dann Gelegenheit zum Interview sein wird. Nur dass natürlich andere Mitglieder des Magistrats schon längst Stunden vorher vor Ort sind und für Bild und Ton zur Verfügung stehen …

Alles Tand von Menschenhand. So dümpelt der politische Diskurs in der sommerlichen Hitze träge vor sich hin. Selbst die sogenannten Krawalle am Opernplatz sorgen nur kurz für Aufwallung. Es ist der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Frankfurt, der die richtigen Hinweise gibt. Dass man doch bitte das Tun einiger Jugendlicher nicht nur mit ihrem „Migrationshintergrund“ erklären möge. Sondern dass dabei persönliche Perspektivlosigkeit, eigene Gewalterfahrung und Arbeitslosigkeit auch eine Rolle spielen mögen. Das ist natürlich keine Entschuldigung dafür, auf Polizisten loszugehen, aber doch etwas, was bedacht werden sollte.

Ach ja. Zum Glück erfahren wir auf der abendlichen Terrasse noch rechtzeitig vor dem Espresso macchiato, dass der diesjährige Weihnachtsmarkt trotz Corona-Pandemie organisiert werden soll. So klammert sich der Mensch an Gewohnheiten, auch wenn sie immer absurder erscheinen mögen.

In ihrem Roman „Im Sommer abends um halb elf“ verschränkt Marguerite Duras zwei Geschichten von Liebe und Eifersucht in sommerlicher Hitze. Eine davon endet tödlich, so viel sei an dieser Stelle verraten. Alles Weitere werden sie schon selbst auf der Terrasse lesen müssen.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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