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Immer voller Einsatz, auch bei den Proben! Das ist das Credo der jungen Frauen und Männer, die die Stage & Musical Academy in Höchst besuchen. Monika Müller

Frankfurt

Musicalstar: Kein Beruf für Träumer

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Der Weg zum Musicalstar führt über eine harte Ausbildung. Die gibt es auch in Frankfurt - an der dortigen Stage & Musical Academy.

Anna Okunowski hat einen Traum. Sängerin sein, Tänzerin, Schauspielerin. Oder vielmehr: davon leben können. All das Vorgenannte ist die junge Künstlerin bereits. Nun muss sie ihre Bühnenkarriere professionalisieren. Dafür besucht sie die Stage & Musical Academy Frankfurt in Höchst. Erhält also eine solide Ausbildung.

Das ist wichtig zu betonen, denn so ein Künstlerleben hat zunächst wenig mit Glamour zu tun. Anders als es das Fernsehen mit seinen Castingshows behauptet, steckt harte Arbeit dahinter und das jeden Tag. Der Alltag beginnt morgens um kurz vor acht, vor einem schmucklosen Eisentor, das auf einen ebenso unspektakulären Hinterhof führt. Nicht einmal ein Hinweisschild deutet auf die Academy hin, kein Klingelschild.

„Nur weil man ein A singen kann, ist man lange kein Star“, sagt Schulleiter Andreas Walther-Schroth und gluckst. Seine Schülerinnen und Schüler lernen mehr: Noten lesen, Vom-Blatt-Singen, Musiktheorie, Stimmbildung, die richtige Atmung, Aussprache, Körperhaltung, eben das Handwerk. Die Bescheidenheit am Hoftor ist allerdings dem Umzug im November geschuldet. Klingel- und Hinweisschild soll es bis zum Tag der offenen Tür am Freitag geben. „Es ist noch immer eine kleine Baustelle“, sagt Walther-Schroth entschuldigend.

Es kommt einem kleinen Wunder gleich, dass die Schule überhaupt existiert. Hervorgegangen ist die „Academy“ aus der „Stage and Musical School“, einer in den späten 1970ern gegründeten Einrichtung mit Renommee, die etwa Schlagerstar Helene Fischer ausgebildet hat. 2018 hat sie den Betrieb eingestellt. Mancher sagt: Die Eigentümerin hat die Schule an die Wand gefahren. Walther-Schroth ist da feinfühliger, „abrupt geschlossen“, ist seine Wortwahl.

Das Ende schockiert Schüler wie Dozenten. Unterkriegen lassen sie sich nicht. Mit Eltern zusammen gründen sie einen Trägerverein und beleben die Schule als Academy. Ein paar springen ab, das Gros bleibt. Für ein Jahr schlüpfen sie unter in der Tanzschule Balzer. Dann finden sie das „Schmankerl“ im Höchster Hinterhof. „Ein Glücksfall“, sagt Walther-Schroth.

Zwei helle Balletträume, ein praktischer Probenkeller. Die staatliche Anerkennung hat die Schule ebenfalls zurückerhalten, die 17- bis 26-jährigen Schülerinnen und Schüler können Bafög beantragen. Das ist nicht uninteressant. Unterrichtsende ist um 17 Uhr. Damit endet der Tag der Eleven keineswegs. Texte und Choreographien lernen sie eigenständig, zu Hause. Dazu kommen private Engagements oder Auftritte fürs Studium in den Abendstunden. Viel Geld wirft das nicht ab. Aber wer Gesang, Schauspiel, Tanz studiert, ist nicht unbedingt auf Geld aus. „Wer hierherkommt, will sich ausdrücken, brennt einfach“, sagt Walther-Schroth.

Sonderlich entflammt wirkt Anna Okunowski (21) nicht, eher nüchtern und abgeklärt. Sie spricht mit fester Stimme; einer Stimme, die ohne Probleme Kommandos im Tanzsaal gibt, wenn die Gruppe eine Aufstellung probt und die diagonale Linie eher als Welle wabert.

Die Akademie

Die Nachfolgerinder Stage School Frankfurt ist die staatlich anerkannte Schule und Ausbildungsstätte für Musical und Schauspiel. Die monatliche Schulgebühr im Fachbereich Musical beträgt 650, im Fachbereich Schauspiel 550 Euro.

Anmeldungfür das neue Semester ist noch bis 21. Februar möglich. Auch Schnuppertage werden angeboten.

Stage & Musical Academy, Königsteiner Straße 17, Hinterhaus. stageandmusicalffm@web.de, Telefon 069 / 20 17 42 79 oder 0178 / 749 63 70.
www.stageandmusicalacademy.de

Eigentlich wollte sie Goldschmiedin werden. Das viele Sitzen, die fein ziselierte Arbeit, das habe ihr nichts ausgemacht. „Aber ich war beim Design nicht so gut“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Musik und Theater haben ihr dagegen schon immer gefallen. Sie spielt mehrere Instrumente, „mit einem kommt man ja nicht mehr weit heutzutage“, sagt sie und zwinkert. Einen Beruf daraus zu machen, der Schritt ist ihr nicht leicht gefallen. „Man traut sich halt nicht“, sagt sie. „Das bringt nix“, ist ein anderer Gedanke. Heute sieht sie das anders. „Ein Star wird man vielleicht nicht. Aber wir kommen auf jeden Fall irgendwo unter.“

Dafür sorgen Walther-Schroth und seine Dozentenriege. Der 59-Jährige entstammt einer Schauspielerfamilie, sein Vater hat mit Liesl Christ das Frankfurter Volkstheater mitbegründet. Sohn Andreas steht seit seinem sechsten Lebensjahr auf der Bühne. Hat später im inzwischen Hessischen Volkstheater inszeniert, auch bei Theater im Park in Oberursel. War im „Tatort“ oder bei „Die Kommissarin“ auf dem Bildschirm zu sehen.

Der Impresario greift auf ein großes Netzwerk zurück, bereits in der Ausbildung schnuppern die Schüler bei den Staatstheatern Wiesbaden und Darmstadt in den Ensemble-Alltag hinein, treten auf, proben mit. Langfristiges Ziel ist es, eine eigene Agentur aufzubauen, um die Absolventen noch besser vermitteln zu können.

„Sie zeigen viel Engagement für uns“, lobt Louisa Heiser (24). Selbstverständlich sei das nicht. Sie hat sich die renommierte „Stage School“ in Hamburg angeschaut. „Also nur zu Besuch.“ Die Schule sei ihr wie eine Massenabfertigung vorgekommen. In Höchst gehe es viel familiärer zu. Ihr Fazit: „Der Name bringt dir nichts, wenn du in der Menge untergehst.“ Und beim Casting zähle auch eher das Können, nicht das Abschlusszeugnis.

Jan Kleinert (22) hat dennoch gezögert. Nach der Zwischenprüfung legte er eine Pause ein, betreute ein Start-up, machte Werbung. Aber dem Ruf von Schauspiel und Gesang kann sich der Tenor nicht entziehen. Er ist zurück an der Academy. „Es ist ein harter Beruf, wenn man Angst hat. Man muss es wirklich wollen.“ Und er will: „Auf einer Bühne sein und andere unterhalten, sie für zwei Stunden aus dem Alltag und den Problemen herausreißen, auch den Applaus und das Rampenlicht genießen“.

Aufs Rampenlicht hätte Ingke von Kiesling eigentlich gerne verzichtet. Die pensionierte Schulleiterin aus dem Odenwald wollte ihren Ruhestand genießen. Jetzt ist sie Vorsitzende des Trägervereins. Und lächelt gequält. Tochter Malin hat 2017 eine Ausbildung an der Stage begonnen, ein Jahr vor Ende. Eigentlich eine ideale Wahl, sagt die Mama und seufzt. Nicht so weit weg wie Hamburg. Als der Gedanke aufkommt, die Schule selbst weiterzuführen, zögert sie nicht.

Schließlich ist sie Pädagogin. Was sich auch in den „ethischen Leitsätzen“ der Schule wiederfindet. Auch wenn die Absolventen sich irgendwann auf dem hart umkämpften Kulturmarkt behaupten müssten, will die Schule keinen Drill. „Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen“, heißt es stattdessen, und „lernt in unterschiedlichem Tempo“. Schüler sollen Teil der Gemeinschaft sein und individuelle Förderung erhalten. Das geht, weil es eine kleine Schule ist. „In der intimen Atmosphäre können sie sich öffnen“, sagt von Kiesling. Vor allem junge Männer tun sich damit oft schwer, hat sie beobachtet. Mehr als acht bis zehn junge Leute pro Semester sollen es auch gar nicht werden.

Der vierköpfige Vereinsvorstand habe schnell zueinandergefunden. Ein „erstaunlicher Zufall“, sagt sie. „Wir haben auch nach ein Uhr nachts noch an Dingen wie der Satzung gearbeitet“, sie hätten sich mit Amtsgericht und Finanzamt beschäftigt, „viel lernen müssen“. Geholfen hat Hauke Hummel vom Vereinsring Nied. „Unser Revisor“, sagt von Kiesling und lacht. Der ist auch Geschäftsführer des Hessischen Volkstheaters und guter Bekannter von Walther-Schroth.

Der Schulverein hat sich fest vorgenommen, im Stadtteil sichtbar zu werden, sich einzubringen bei Festen. Mitglied im Höchster und Nieder Vereinsring ist er bereits. Denkbar wäre es auch, die Säle für Ausstellungen zu öffnen, sagt Walther-Schroth. Die Vernissagen könnten die Schüler gestalten. Mit Tanz oder Rezitationen. Eine gute Idee. Schon beim Probenbesuch verliert der Journalist die professionelle Distanz und wippt begeistert mit dem Fuß zum Time Warp mit. Das Niveau ist hoch. Der Traum der jungen Menschen scheint greifbar nahe.

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