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Trubel am Main: Voranzukommen war bisweilen mühselig.

Frankfurt

Das Museumsuferfest in Frankfurt: Geliebt und gehasst

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Das Museumsuferfest in Frankfurt hatte mal wieder seine guten und seine schlechten Seiten. Zeit für einige Korrekturen.  

Der Frankfurter, man muss es an dieser Stelle sagen, hadert mit dem Museumsuferfest. Ein Fest für Touristen oder fürs Umland, viel zu überlaufen, da gehe ich nicht hin. Das hört man jedes Jahr. Wer hingeht, weil ihm die Musik oder das kulinarische Angebot zusagt, muss auch nicht alles super finden. Hier eine Übersicht, was funktioniert und was besser laufen könnte.

Das ist gut:  Wie einem der Wind durchs Haar weht, bei der Fahrt mit dem Rad von der Alten Brücke zum Eisernen Steg, nicht auf dem Radweg, sondern mitten auf der Straße. Zwei Spuren sind den Fußgängern und Radfahrern vorbehalten, auf einer Spur parken Autos. Es ist ein Erlebnis wie sonst nur bei Fahrraddemos der Critical Mass oder der ADFC-Bike-Night: Die Straßen gehören den Menschen, nicht den Autos. Das wirkt befreiend. Wie die Öffnung des Mainkais für Radfahrer und Fußgänger. Sie deutet auf eine glücklichere Zeit hin, in der Frankfurt die meisten Autos in der Innenstadt losgeworden ist.

Das ist schlecht:  Zu schnelles Rad- oder E-Roller-Fahren am Main ist nie eine gute Idee, wenn viele Menschen unterwegs sind, aber besonders nervig, wenn gerade Museumsuferfest ist. Dann laufen Hunderttausende über den Hoch- und Tiefkai, für Fahrräder und E-Roller ist einfach kein Platz. Versteht sich eigentlich von selbst. Trotzdem musste die Stadt in diesem Jahr daran erinnern: Sie verbot Räder und E-Roller. Was die wenigsten abhielt, trotzdem zu fahren, soweit sie es schafften, sich durch die Massen zu schlängeln. Die E-Roller-Anbieter wiederum schafften es nicht, ihre Kraftfahrzeuge von der Uferpromenade wegzutragen. Falls der eine oder andere E-Roller im Main gelandet wäre, wen würde es wundern?

Das Frankfurter Museumsuferfest in Bildern

Museumsuferfest 2019
Die Vielfalt macht das Museumsuferfest in Frankfurt aus: Party an der Regenbogenbühne am Sachsenhäuser Ufer. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Glücklich, wer einen Liegestuhl ergattert hat. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Ausgelassenes Tanzen im „Latino-Treff“. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Besonders am Sachsenhäsuer Ufer ist jede Menge los. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Ein von Leonhard Hamerski geschaffener Esstisch ist mit Lebensmitteln gedeckt, die genau dem von Harz IV zugestandenen Betrag für eine vierköpfige Familie für einen Tag entsprechen. Tisch und Stühle sind mit Sonderangebotswurfzetteln beklebt.   © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Gedränge an der Footopia-Bühne. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Die Journal Frankfurt Bühne Sachsenhäuser Ufer. © Rolf Oeser
Die Feinstaub-Bühne ist beliebte Anlaufstelle für zahlreiche Besucherinnen und Besucher.
Die Feinstaub-Bühne ist beliebte Anlaufstelle für zahlreiche Besucherinnen und Besucher. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Musiker an der Academia de Tango-Bühne. © Rolf Oeser
Museumsuferfest 2019
Standup-Paddler sind auch während des Museumsuferfestes auf dem Wasser unterwegs. © Rolf Oeser

Das ist gut:  Die Vielfalt und das Angebot. Es gibt Unmengen zu sehen, zu hören, zu essen, zu trinken, etwas für jeden Geschmack. Zum Beispiel den türkischen Stoner Rock von 3 Yoldas auf der Feinstaub-Bühne, einer Frankfurter Band, die Erinnerungen an Motorpsycho und an Queens of the Stone Age wachruft. Oder Corbian auf der Radio-X-Bühne, solider Metal, mit langhaarigen Musikern, Headbanging und wirbelnder Double-Bass-Drum. Oder das sagenhaft gute „Re:Fresh Your Mind Festival“, mit House und Drinks unter Palmen. Es ist so ziemlich die beste Tanzlocation auf dem Museumsuferfest, so herausragend, dass sie nicht mal auf dem offiziellen Lageplan eingezeichnet werden muss. Weiß ja wohl jeder, dass die Bühne am Sachsenhäuser Mainufer, beim Holbeinsteg, zu finden ist.

Das ist schlecht:  Solche Typen gibt es leider in jedem Club, auch beim „Re:Fresh Your Mind Festival“. Besoffene oder berauschte Männer, die Frauen bedrängen und betatschen, bis diese zur Seite gehen, ihre Freundinnen um sich formieren, und „HÖR AUF! LASS DAS SEIN“ rufen. Ekelhafter Grabscher, entweiche vom Antlitz dieser Erde!

Das ist schlecht:  Rund zwei Millionen Leute am Main sind einfach zu viel. Das kann jeder nachfühlen, der nur mal kurz aufs Klo wollte und eine halbe Stunde brauchte, um zwei Mal 50 Meter hinter sich zu bringen. Bei dem Gewühl ist man froh, irgendwann wieder aus der Menge herauszukommen.

Bei etwa zwei Millionen Besuchern ist auch klar, das darunter nicht nur Frankfurter sind, denn wenn vom Säugling bis zum Greis jeder der 750 000 Einwohner aufs Museumsuferfest ginge, käme die Mehrheit immer noch von außerhalb.

Frankfurt ist derzeit als kapitalistische Hochburg streng auf Wachstum ausgerichtet, nach dem Motto mehr Besucher, mehr Umsatz, mehr Ertrag. Erfolg kann sich aber nicht nur an steigenden Kennziffern messen lassen, sondern an der Qualität des Erlebnisses.

Deshalb ein Vorschlag: Warum verlangt die Stadt nicht eine Tourismusabgabe in Höhe von einem Euro pro Familie beim Kauf der ersten Speise, des ersten Getränks, des Museumsbuttons? Das Geld könnte in die Qualität des Angebots, die Kosten von Organisation und Aufräumen fließen.

Falls sich jemand davon abhalten ließe, aufs Museumsuferfest zu gehen, müsste man feststellen: Ein paar Besucher weniger würden dem Fest nicht schaden.

Das ist gut:  Die Organisation. Etwa bei den Toiletten. Lange Schlangen gibt es (meist) nicht.

Das ist schlecht:  Der Müll. Überall stehen die Mülleimer herum und trotzdem landen riesige Mengen Abfalls einfach auf dem Boden. Bierflaschen, Pappbehälter, Zigarettenschachteln, weggeworfene Kippen, wohin man blickt. Die FES muss das alles aufräumen. Wenn es den Menschen nicht zu vermitteln ist, den Müll in die Container zu werfen, wäre es sinnvoll, bei künftigen Festen komplett auf Wegwerfgeschirr zu verzichten und auf Flaschen, Teller, Gläser doppelt so viel Pfand zu nehmen. Die landen dann nicht so schnell im Gras.

Das ist gut:  Pastel de Nata, geröstete Mandeln, Flammkuchen, Paella, bengalische Küche, indisches Curry, argentinisches Grillgut, Bratkartoffeln, Pilzpfanne, Samosa, Pancakes, Falafel, Humus, Chips. Wer mag: Bratwurst und Nierenspieß. Leider auf Papptellern zum Wegwerfen.

Das ist schlecht:  Ja, ist denn schon IAA? Die Tourismus + Congress GmbH (TCF), die das Museumsuferfest veranstaltet, hat den Main auch an Autohersteller vermietet. Da stehen geputzte Fahrzeuge von Skoda und Volvo, Kundenberater erzählen, wie toll die Autos seien. Volvo hat sogar einen eigenen Showroom bekommen, wahrscheinlich verdient die TCF damit einen Batzen Geld.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Stadt sich zum Werbeträger für die Automobilindustrie macht, die für den Dieselabgaskandal verantwortlich ist, für die schlechte Luft in den Städten, für das Zustellen des öffentlichen Raums mit Blech.

In einer Zeit, in der die Stadtpolitik den Mainkai sperrt, um den Menschen ein Stück vom öffentlichen Raum zurückzugeben, in einer Zeit, in der Umweltverbände dazu aufrufen, am 14. September auf einer Sternfahrt mit dem Rad vor die Tore der IAA zu fahren, um zu demonstrieren, was sich angesichts der Klimakrise ändern muss, in einer solchen Zeit vermietet TCF den Main an die Automobilindustrie. Unfassbar.

Das ist gut:  Die MS Nizza. Das ist ein Schiff, das kein Schweröl verbraucht, sondern auf dem Spielplatz am Mainkai steht und die Kinder anzieht. Dann werden die Rollen verteilt („Ich bin Kapitän!“ – „Nein, ich!“), die Brücke bestiegen, durchs Aussichtsrohr geschaut, durchs Sprechrohr gerufen, der Schiffsbauch erforscht.

Der Spielplatz liegt übrigens direkt an dem gesperrten Mainkai, wo Autos den Kindern nicht mehr in die Quere kommen können.

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