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Das Momem wird ein Kulturzentrum werden mit Lesungen, Partys und Filmabenden, sagt der Museumsdirektor in spe, Alex Azary. Es soll irgendwann dieses Jahr öffnen, ein konkreter Termin steht noch nicht fest.
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Das Momem wird ein Kulturzentrum werden mit Lesungen, Partys und Filmabenden, sagt der Museumsdirektor in spe, Alex Azary. Es soll irgendwann dieses Jahr öffnen, ein konkreter Termin steht noch nicht fest.

Kultur

Zukunftsmusik von Alex Azary

Der Ex-DJ Alex Azary will in Frankfurt das MOMEM, das weltweit erste Museum für elektronische Musik eröffnen. Es ist nicht das erste Mal, dass er mit seinen Ideen anderen voraus ist.

An einem Dienstag im Oktober erreicht Hessen die freudige Nachricht: Die Clubs dürfen wieder öffnen! Nur das Tanzen ist verboten. Noch weiß keiner, dass die Politik bald zurückrudern wird. Also schieben die ersten Clubbetreiber:innen Sofas umher und erzählen etwas von Sitztanzen und innovativen Konzepten aus Polstern. Alex Azary muss schmunzeln. Er hat das alles schon vor knapp 30 Jahren gemacht. Ist rumgefahren, um in Gebrauchtwarenläden Oma-Sessel und jede andere Art der gemütlichen Sitzgelegenheit in seinen Club XS am Willy-Brandt-Platz nach Frankfurt zu schaffen. Da saßen die Leute dann donnerstags und sonntags und feierten, ohne zu feiern. Sie tranken Tee und lauschten still dem Ambient-Sound, den Azary aus England eingeflogen hatte. In den 90er Jahren nannte er das Konzept Chill-Out. Heute nennt er es Pionierarbeit. Weil er der Erste war, der es gemacht hat. Wie so oft. An diesem Dienstag im Oktober hat Azary ein Meeting auf der Baustelle des Momem in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache. Das Momem, das erste Museum für elektronische Musik und Clubkultur, ist eigentlich gar kein Museum. Es soll die Besucher:innen nicht mit dem Gestern anöden, sondern ein Kulturzentrum sein mit Lesungen, Partys und Filmabenden. Azarys entschiedenes Ziel ist, die Leute so oft wie möglich an diesen Ort zu kriegen. Sie sollen sich hier treffen und austauschen, über Musik, Mode, Videokunst. Das ist Clubkultur, das ist Azary wichtig.

Heute haben sich hier sechs Männer unterschiedlichen Alters versammelt, um über Klang zu sprechen. Der Toningenieur, einer der Jüngeren unter ihnen, springt wild im ganzen Raum umher und klopft die Wände ab. Er spricht mit kindlicher Begeisterung und süddeutschem Dialekt: „Wie laut wollt ihr es? Wie im Robert Johnson oder wie im Cocoon Club?“ Es beginnt eine lebhafte Diskussion über Bassausrichtung und Platzierung der Technik.

Ein Souffleur des Zeitgeistes

Nur Alex Azary diskutiert nicht. Er wirkt interessiert, aber auch ein wenig abwesend, schleicht mit seiner gelben Orangina in der Hand umher und zieht sich immer denjenigen der anderen fünf zur Seite, der gerade nicht spricht. Er flüstert leise, fast verschwörerisch. Seine Freunde beschreiben ihn als entspannt und zurückhaltend. Er stehe oft in der zweiten Reihe, sei ein „Smooth Operator“ und ein Souffleur des Zeitgeistes.

Er selbst präsentiert sich gerne als Vordenker. Bilanz nach drei Stunden Soundgespräch: Ja, war gut. Aber er habe schon lange im Kopf, wie das alles aussehen solle. Müsse halt nur umgesetzt werden. Eigentlich hat Azary immer schon die nächsten zwanzig Jahre im Blick. Gerechnet von heute an, wäre er dann 78. Aber er fühle sich wie höchstens 35. Einzig seine grauen Haare verrieten sein Alter. Eigentlich wollte er sie färben. Aber jetzt, so als Museumsdirektor, könne er sich eine Silbermähne schon leisten, sagt er, während er in einem Frankfurter Café einen Joghurt ohne Müsli zum Frühstück löffelt.

Elektronische Musik

Techno ist zunächst eine Bezeichnung in einem Frankfurter Plattenladen, die Andreas Tomalla alias Talla 2XLC ab 1982 verwendet, um elektronisch produzierte Musik einzusortieren. Hierunter fielen Bands wie Depeche Mode, Yello oder Kraftwerk. Techno entwickelte sich schnell zum Übergriff jeder Form der elektronischen Tanzmusik und wird als solcher auch heute noch verwendet. Gleichzeitig wird unter dem Begriff ab etwa Mitte der 1990er auch ein spezifischer Musikstil verstanden, der auch als Rave oder Euro-Techno bekannt ist. Charakteristisch ist ein elektronischer, viertaktiger Beat, der sich „strikt“ durch den Song zieht.

Vertreter: Sven Väth, Tanith.

Acid-House ist eine Musikrichtung, die Mitte der 1980er in den USA entstanden ist und sich schnell in Europa verbreitet hat. Charakteristisch ist neben dem mechanischen 4/4-Takt das Fiepen, Piepsen und Blubbern in den Songs, das durch besondere Bass-Generatoren erzeugt wird.

Vertreter: Phuture, Josh Wink.

Ambient kann als „Umgebungsmusik“ bezeichnet werden. Bei dieser Spielart der elektronischen Musik geht es vor allem um Atmosphäre und Raumklang. Ambient wird auch (meist im Negativen) als „Fahrstuhlmusik“ bezeichnet. In den 1990er-Jahren wurde die Musik in Sitz-Lounges von Techno-Clubs gespielt.

Vertreter: Brian Eno, the Orb, frühe Werke von Aphex Twix.

Gluten bekommt ihm nicht gut, aber sonst geht es ihm blendend. Und das, obwohl er viele Nächte seines Lebens in den Frankfurter Clubs der 80er und 90er verbracht hat. Als Gast, dann als DJ, Veranstalter und Visionär. Er hat ausgerechnet, dass er mehr als 2000 Nächte durchgemacht hat, vielleicht auch 3000. Wer weiß das schon so genau.

Es ist Anfang der 80er-Jahre. Die Clubs heißen noch Diskotheken. DJs sind nicht als Soundkünstler engagiert, sondern sollen als Disko-Angestellte den Musikgeschmack der Leute bedienen. Auch Azary. Der damalige BWL-Student legt im Le Jardin auf, einer Frankfurter Nobel-Diskothek. Er spielt Prince und Whitney Houston. Manchmal zu später Stunde auch das Neuere, Innovativere. New Order, Yello oder Kraftwerk. Doch von elektronischer Musik will hier keiner etwas wissen. Für Azary ist es die Musik der Zukunft. In dieser Zeit lernt er Sven Väth kennen. Väth ist der große DJ, Azary sein Side-Kick. Sie wechseln ins Vogue, dann ins Dorian Gray. Väth wird später der erste Star der Szene.

In seinem späteren Club Omen, der durch wilde Acid-House-Partys international bekannt wird, wird ihm nahezu gehuldigt. Azary ist in der Szene bekannt, einen Kult aber löst er nicht aus. Als Väth das Dorian Gray verlässt, hat Azary eine Idee. Sein Freund Andreas Tomalla veranstaltet seit einiger Zeit einen sonntäglichen Tanztee in unterschiedlichen Locations, den „Techno Club“.

Das Besondere am Techno Club ist, dass nur elektronische Musik gespielt wird. Azary sieht Potenzial und holt die Veranstaltung ins Dorian Gray. Er wettet, dass mindestens tausend Menschen kommen werden. Und sie kommen.

Wer im Internet nach Alex Azary sucht, hat keinen Treffer in den Datenbanken und keinen auf Wikipedia. Einen Lebenslauf, den er mal eben rüberschicken könnte, hat er nicht zur Hand. Wer sich mit ihm über sein Schaffen unterhalten will, hat es schwer, einen Anfang und ein Ende zu finden. „Für die 90er müssen wir uns nochmal treffen“, sagt er nach einem anderthalbstündigen Gespräch über den Beginn seiner Karriere.

Kurz darauf schickt er eine E-Mail. Im Anhang doch ein Lebenslauf: „Ist halt mehr eine Business CV, aber als Zeitachse vielleicht ganz gut.“ Azary ist ein Tausendsassa der Clubkultur, war nicht nur Veranstalter im Dorian Gray und Miteigentümer des Elektroclubs XS, sondern unter anderem auch Gründer eines Medienvertriebs und eines Elektrolabels, musikalischer Berater des Formats „Space Night“ im Bayrischen Rundfunk und schließlich Gründer des Momem.

Die mitgeschickte Zeitachse ist hilfreich, Azary hinterher zu recherchieren zeitweise mühsam. Er interessiert sich nicht für Daten oder Zahlen, sondern nur für neue Ideen. Einmal erzählt er, er habe als Promoter die Band Front 242 mit dem Song „Headhunter“ 1988 in die deutschen Charts gebracht. Irgendwo im Mittelfeld soll die Band eingestiegen sein. Das sei sein großer Erfolg gewesen. Doch in den Top 100 ist Front 242 erst ein Jahr später mit einem anderen Song gelistet.

Ein anderes Mal erzählt er von der Eröffnungswoche seines Clubs XS 1991. Er hatte den größten Ambient-Künstler aus England hergeschafft, der andere XS-Miteigentümer Schafe aus dem Taunus angekarrt. Diese standen wie in Jesus Krippe im Club und dienten als Leinwand für die Visuals aufstrebender Videokünstler. Irgendwo hat Azary noch ein Foto von den Schafen, aber wo, weiß er nicht so genau.

Für Dokumentation war in seinem Leben keine Zeit

Auf Nachfragen reagiert er meist mit Humor. Er wusste nicht, dass das alles so genau sein müsste. Schreibt man ihm im Facebook-Messenger, schiebt er meist noch ein „LOL“ hinterher. Hätte er früher gewusst, dass er mal ein Museum leitet, dann hätte er das alles vielleicht besser archiviert. Aber für Dokumentation war in seinem Leben keine Zeit. „Ich habe mich immer auf das Nächste konzentriert und darauf, dass es geil wird“, sagt er.

Für das neue Nächste hat Azary ein wenig länger gebraucht. Es war die Idee des Techno-Club-Gründers Andreas Tomalla, ein Museum für Clubkultur zu eröffnen. Doch er braucht mehrere Anläufe, um Azary zu überzeugen. Dieser muss erst recherchieren, ob sie wirklich die ersten sind. Dann steigt er ein. Doch es zieht sich. Ein Koalitionswechsel, Streit um ein Darlehen, Verspätung beim Auszug des Vormieters und die Corona-Pandemie haben die Eröffnung mehrmals verschoben. Aber die Welt wartet auf ihre Pioniere. 1500 Presseberichte aus 70 Ländern will Azary über das Momem gesammelt haben. Alle wissen, dass er 2021 Museumsdirektor wird. Ein Eröffnungstermin steht noch nicht fest. Dass es ganz groß wird, schon. (Julia Hercka)

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