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Ein bedeutender Ankauf des Museums für Moderne Kunst: „Boxkampf für direkte Demokratie“ (1972) von Joseph Beuys.

Frankfurter Museen

Museen stellen sich neu auf

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    Florian Leclerc
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Mit einem erhöhten Etat sollen sich die städtischen Museen fit machen fürs 21. Jahrhundert: Kunstwerke ankaufen, digitalisieren, Provenienz erforschen, Debatten führen, Teilhabe stärken.

Susanne Pfeffer hatte gut verhandelt. Als die international gefeierte Kuratorin am 1. Januar 2018 ihr Amt als Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt antrat, hatte sie auch einen eigenen städtischen Etat für Ankäufe ihres Haus durchgesetzt.

Für städtische Museen in Frankfurt war das eine Neuerung. Seit 2004 hatte es keine eigenen Ankaufspositionen für die Häuser mehr gegeben. Bis 1993 hatten die kommunalen Museen immer über eigene Ankaufsetats verfügt. Dann hatte die damalige rot-grüne Römer-Koalition dieses Geld im Zuge eines Sparprogramms gestrichen. Ende der 90er Jahre stand dank einer Erbschaft wieder eine bescheidene Summe zur Verfügung – bis diese Quelle 2004 versiegte. Seither waren die Museen auf private Sponsoren und Mäzene angewiesen.

Ziel der Stadt sei es, dass sich die städtischen Museen künftig zu je einem Drittel durch Eintritte, städtischen Zuschüsse und Drittelmitteln finanzierten, sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD).

MMK-Direktor Susanne Pfeffer hob die Bedeutung eines Ankaufsetats hervor. Die Sammlung eines Museums sei „Gedächtnis“ und „Identitätsmoment“ zugleich. Der Etat von 500 000 Euro im Jahr habe es ihrem Haus zuletzt erlaubt, viele Arbeiten zu erwerben und die Sammlung auszubauen. Mit dem Doppeletat 2020/2021 gibt es jetzt weitere 600 000 Euro für Ankäufe anderer Häuser. Allerdings müssen sich 15 Institutionen diese Summe teilen. Wie das Geld verteilt wird, ist noch unklar.

Die großen Museen haben längst eigene „Freundeskreise“ aufgebaut, in denen sich private Förderer organisieren. Vorsitzender der 1991 gegründeten „Freunde des Museums für Moderne Kunst (MMK)“ ist der Bad Homburger Milliardär Stefan Quandt.

Digitalisierung: Zehnmal mehr Besucher

Die 16 städtischen Museen sollen sich stärker um die Digitalisierung kümmern. Zu diesem Zweck plant das Kulturdezernat 300 000 Euro ein, welche die Koalition per Haushaltsantrag bereitstellen will. Beim Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln sollten sich die Museen unter dem Vorzeichen des digitalen Wandels neu aufstellen, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). „Wir müssen unsere Sammlungen für alle zugänglich machen. Damit steigern wir Sichtbarkeit und die internationale Reichweite und Relevanz.“

Das Historische Museum Frankfurt hat rund 610 000 Objekte, die digitalisiert werden können, im Deutschen Architekturmuseum sind es rund 300 000, im Archäologischen Museum rund 345 000 Objekte. Über Buch- und 3-D-Scanner verfügen die Museen noch nicht. Diese könnten aus den Haushaltsmitteln finanziert werden. Auch soll zusätzliches Personal eingestellt und vorhandenes geschult werden, sagt Hartwig.

Wie Mirjam Wenzel, die Direktorin des Jüdischen Museums, stelltvertretend für die städtischen Häuser ausführt, müssten die Objekte fotografiert und standardisiert behandelt werden. Dafür stehe den städtischen Museen eine Datenbank zur Verfügung. Gleichzeitig seien das Urheberrecht und die Lizenzierung zu beachten. Für die Langzeitarchivierung seien geeignete Datenträger („Wir erinnern uns alle an die VHS-Kassette“) zu finden. Von der Digitalisierung verspricht sich Wenzel enormen Erfolg. „Im Digitalen können wir die zehnfache Menge der Ausstellungsbesucher erreichen.“

Ort der Debatte: Kontroverse Ausstellungen

Es ist ein Bekenntnis, dass Matthias Wagner K., der Direktor des Museums Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt, am Montag ablegt. Der 58-jährige wünscht sich Ausstellungen, in denen es „nicht um die Bestätigung vorherrschender Meinungen“, sondern um ein „Mehr an gedanklicher Tiefe“ gehe.

Vom 5. April bis 1. September hatte das MAK die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ gezeigt. Diese Schau zeitgenössischer muslimischer Mode löste heftige Debatten aus und wurde von Feministinnen als Verharmlosung der Situation muslimischer Frauen kritisiert.

Auch im „House of Norway“, der neuen Ausstellung des MAK, thematisiert Wagner K. wieder besondere Positionen, etwa die Kunst der Sami.

Über „Contemporary Muslim Fashions“ im MAK wurde diskutiert - was grundsätzlich erwünscht ist.

Das einzige indigene Volk in Europa lebt über mehrere Staaten verstreut, in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Wagner K. gelang es, ein Gastspiel des samischen Nationaltheaters im MAK zu organisieren.

Norwegen war Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Noch bis zum 26. Januar ist diese Überblicksausstellung von Kunst, Design, Kunsthandwerk und Architektur Norwegens im MAK zu sehen.

Wagner K. sieht die Museen durch die gesellschaftlichen Veränderungen herausgefordert. „Der Nationalstaat wird wieder gefeiert.“ Es gelte, dieser Haltung in der Museumsarbeit „dieWertschätzung anderer Kulturen entgegenzustellen“.

Provenienzforschung: Nie wieder Raubkunst in Museen

Es ist ein hehres Ziel, das Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) formuliert hat: Kein Frankfurter Museum soll sich wieder mit Raubkunst schmücken.

Die Provenienzforschung, also die Fahndung nach Kunstwerken, die auf unlautere Art in die Bestände der Museen gelangten und die nun aus rechtlichen und moralischen Gründen ihren früheren Besitzern zurückgegeben werden sollen, ist indes ein komplexes Unterfangen.

Millionen von Gegenständen lagern in den Depots der Frankfurter Museen. Allein das Historische Museum Frankfurt hat 610 000 Objekte in seinem Besitz.

In mühevoller Arbeit gelang es zuletzt dem Historiker Jürgen Steen, vormals Kurator im Historischen Museum, widerrechtlich erworbene Kunstwerke aufzuspüren. Bei der Erforschung der Judaica im Historischen Museum machte er neun Objekte ausfindig, die aus dem geplünderten Frankfurter Museum für jüdische Altertümer stammten, unter anderem ein Frauenkostüm aus dem Jahr 1790, einen Tora-Wimpel und eine Schabbat-Lampe. Sie wurden dem Jüdischen Museum als Nachfolger des Museums für jüdische Altertümer zurückgeben.

Im Sommer 2018 hatten fünf Frankfurter Museen Teile ihrer NS-Vergangenheit in Ausstellungen aufgearbeitet: das Historische Museum, das Archäologische Museum, das Weltkulturen-Museum, das Museum Angewandte Kunst sowie – als Betroffener – das Museum Judengasse. Diese Arbeit geht nun weiter. Auch für die Provenienzforschung sind einige der zwölf Stellen gedacht, die nun geschaffen werden sollen.

Kulturelle Teilhabe: Freier Eintritt für unter 18-Jährige mit Kulturticket

Mit dem Kulturticket will die Stadt Frankfurt vom kommenden Jahr an die kulturelle Teilhabe weiter fördern. Das Ticket ermöglicht freien Eintritt in städtische und nicht-städtische Museen sowie den Zoo für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Beantragen können es Eltern, deren monatliches Netto-Familieneinkommen 4500 Euro nicht übersteigt. Besserverdiener können das Kulturticket für 19 Euro im Jahr erwerben. Mit dem Kulturticket wird der freie Eintritt in die städtischen Museen für Kinder und Jugendliche ergänzt, den es schon seit 2017 gibt. „Chancengleicheit und Bildungsgerechtigkeit“ stünden im Vordergrund, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD).

Auch ins Junge Museum (Bild) kommen Kinder kostenlos.

Zur kulturellen Teilhabe gehöre auch, dass „ein Museum im 21. Jahrhundert den Besuchern auf Augenhöhe begegnen muss“, sagt Jan Gerchow, der Direktor des Historischen Museums. Ausstellungen sollten nicht mehr „auktorial kuratiert und als Einbahnstraße vermittelt“ werden.

Vielmehr gelte es, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen und ihre Anregungen aufzugreifen. Formate seien etwa das „Stadtlabor“ des Historischen Museums, das im nächsten Jahr die geplante Ausstellung „Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen“ unter dem Stichwort „Decolonializing Frankfurt“ aufgreifen wolle.

Zur Partizipation und Teilhabe gehöre in Museen heutzutage ganz selbstverständlich freies WLAN, sagt Mirjam Wenzel, die Direktorin des Jüdischen Museums. „Ich möchte die Stadt auffordern, dafür die Voraussetzungen zu schaffen.“ Die Aufenthaltszeit der Besucherinnen und

Besucher in den Museen verlängere sich durch freies WLAN nachweislich. Um Anwendungen wie die App „Unsichtbare Orte“ zu laden, welche die Migration nach 1945 in Frankfurt behandelt, sei ein freier Internetzugang sinnvoll.

 

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