Theaterpädagogin Nina Natzke im Schultheater-Studio.  
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Theaterpädagogin Nina Natzke im Schultheater-Studio.  

Porträt

Von Müllmonstern und Klobürsten

  • vonClara Gehrunger
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Die Theaterpädagogin Nina Natzke vom Schultheater-Studio setzt sich für Prävention ein. Sie leitet das Kinder-Ferientheater, das heute beginnt.

Wenn sich Nina Natzke streitet, dann ist das inszeniert und findet vor den Augen etlicher Kinder und Jugendlicher statt – im Rahmen von Workshops zur Gewaltprävention in Schulen. Selbst Schauspielerin zu werden, das kam für die Theaterpädagogin nie infrage. Dass sie ins Theater gehört, war ihr trotzdem immer klar. Hinter die Kulissen.

Die 45-Jährige benutzt nicht gerne das Wort „ich“, verwendet auch dann meist kollegial den Plural, wenn man sie direkt nach persönlichen Dingen fragt. Sie hat die Haare zurückgebunden und trägt Kleidung mit bunten Mustern, in denen keine Farbe hervorsticht. Es ist offensichtlich, dass Natzke sich nicht gerne in den Vordergrund spielt. Das passt zu ihrer Arbeit als Theaterpädagogin im Frankfurter Schultheater-Studio. Dort erarbeiten sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in den Ferien jede Woche mit Sieben- bis Zwölfjährigen innerhalb von fünf Tagen kleine Theaterstücke. Natzke hat vor vier Jahren die Leitung des Ferientheaterprojekts von ihrem Vorgänger übernommen, der das Projekt 1991 ins Leben gerufen hatte. Trotz Corona findet es auch in diesen Ferien statt und beginnt heute mit der ersten Gruppe.

„Bei den Themen können sich die Kinder frei einbringen“, sagt Natzke wenige Tage vorher im Gemeinschaftsgarten des Mehrfamilienhauses, in dem sie mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn wohnt. Nur auf eines achte sie bei den Theaterprojekten: „Es gibt keine Haupt- und Nebenrollen“, damit sich kein Kind ausgeschlossen fühle. Für die ehemalige Stuttgarterin gehört das fest zum Leitbild des Schultheaters. Das bedeute auch, die Teilnahmekosten möglichst niedrig zu halten und im Zweifelsfall für ärmere Familien den Betrag durch Spenden zu finanzieren.

Corona erschwert zusätzlich die Planung

Weil sie größtenteils mit Kindern arbeitet, weiß sie oft nicht, was sie erwartet. In diesem Jahr erschwert Corona zusätzlich die Planung. Für die Osterferien hatte sich die Theaterpädagogin etwas Besonderes ausgedacht. „Ich wollte den Kindern Müllmaterialien und eine Rahmengeschichte mitbringen, um daraus ein Stück zu entwickeln“, erzählt Natzke grinsend. Mit ihren Schützlingen hätte sie dann überlegt, wie man ein Müllmonster beleben kann. Aber das Ferientheater fiel aus. „Vielleicht lässt sich das nachholen“, hofft sie.

Studiert hat Natzke Pädagogik und Soziologie. „Ich habe aber ganz schnell gemerkt, dass mir das allein nicht reicht, wollte immer etwas Praktisches machen.“ Theaterpädagogik habe es damals nicht als Lehrberuf gegeben. Während des Studiums wechselte sie von Stuttgart nach Frankfurt, wo eine Professorin einen Pilotstudiengang Theaterpädagogik anbot. „Der war eigentlich für Menschen mit abgeschlossenem Studium, aber ich durfte trotzdem teilnehmen.“ Natzke steht die Dankbarkeit darüber ins Gesicht geschrieben, auch heute noch.

Das Theater

Das Schultheater-Studio Frankfurt organisiert seit 1991 das Ferientheater für sieben- bis zwölfjährige Kinder. Für die letzte Ferienwoche können sich auch 13- bis 16-Jährige anmelden.

Das Programm findet jeweils von Montag bis Freitag, 9 bis 14 Uhr, statt; Jugendliche sind vom 10. bis zum 14. August von 10 bis 15 Uhr dran.

Die Gruppengrößen sind wegen Corona auf 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reduziert.

Anmeldungen sind online noch möglich, weitere Informationen unter schultheater.de

Neben dem Studium arbeitete sie schon damals beim Schultheater-Studio, seit dem Jahr 2001. Seitdem hat sie an den verschiedensten Projekten mitgearbeitet und einige mitentwickelt. In vielen davon geht es um Prävention: Prävention von Gewalt, Misshandlung, Sucht und Aids. „Wir arbeiten oft zu Beginn mit Klischees, die wir dann später brechen“, sagt Natzke und nennt als Beispiel ein gespieltes Kondom, das traurig ist, weil es so selten verwendet wird. Das diene dazu, Zuschauer thematisch abzuholen und zum Nachdenken zu bringen.

Früher hat die Theaterpädagogin bei Präventivworkshops in den Schulen auf Formen wie das sogenannte unsichtbare Theater zurückgegriffen. Dabei handelt es sich um eine meist improvisierte Szene, von der die Zuschauer nicht wissen, dass sie inszeniert ist. So hätten zwei der vier Betreuer während des Workshops im Hintergrund einen Streit angefangen, in den sie sich dann hineingesteigert hätten.

Manchmal habe sich daraufhin sofort ein Kind gemeldet: „Ich bin Streitschlichter!“ Natzke lacht. In anderen Fällen habe es aber die Kinder verschreckt. Seitdem führen sie stattdessen einen eindeutig gespielten Streit zum Auftakt der Veranstaltungen auf. Sie hält einen Moment inne. „Das wäre mal wieder etwas“, sagt sie nachdenklich und ergänzt, das sei eine „politisch hochaktuelle Methode“.

Ihr Interesse an Präventionsarbeit bei jungen Menschen führt Natzke auf ihre Mutter zurück. Die Künstlerin sei ebenfalls im sozialpädagogischen Bereich tätig gewesen, etwa in einem Jugendhaus in Stuttgart. In ihrer Jugend habe Nina Natzke viel Zeit dort verbracht. „Ich bin in einem kreativen Umfeld aufgewachsen“, schlussfolgert sie. Ihre Mutter habe viele Theaterprojekte zu Suchtprävention in Verbindung mit Kunst geleitet und ihr eingeprägt, dass kreative Arbeit mit Kindern präventiv gegen Gewalt und Sucht wirke. „Das ist irgendwie in mir drin“, meint Natzke.

Im Ferientheater geht es in erster Linie nicht um Prävention. Natzke ist gespannt, welche Themen die Kinder mitbringen. Mit ihren Kollegen habe sie vereinbart, Corona nicht selbst anzusprechen. Sollten die Kinder das Thema aufbringen, so erlaube das Theater einen kreativen Umgang mit der Pandemie. „Vielleicht erfinden sie Maschinen, die das Virus zerstören.“ Natzke lässt es auf sich zukommen. Ihr Sohn, der in diesem Jahr in die Grundschule kommt, habe eine „Corona-Zerquetschmaschine“ gemalt. Die Hauptsache sei, dass junge Menschen ihre Gefühle zum Ausdruck brächten.

Im Gegensatz zu sonst arbeiten die Gruppen in diesem Jahr nicht auf eine gemeinsame Aufführung hin, sondern erstellen eine „digitale Erinnerung“. Wie die aussehe, sei jeder Gruppe selbst überlassen. Und wenn die Kinder etwas zur Auflockerung oder zur Inspiration brauchen, dann spielen sie zum Beispiel „Wo ist denn die Klobürste?“. Was man sich unter diesem Spiel vorstellen muss, bleibt im Gespräch mit Natzke offen. Der Kreativität sind im Theater schließlich keine Grenzen gesetzt.

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