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Bilel Ouali arbeitet als Krankenpfleger in Frankfurt.
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Bilel Ouali arbeitet als Krankenpfleger in Frankfurt.

Mr. Gay Wettbewerb

Mr. Gay-Kandidat Bilel Ouali aus Neu-Isenburg:„Meine Mutter hofft immer noch, dass ich heterosexuell werde“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Der Neu-Isenburger Bilel Ouali ist einer der sieben Finalisten, die diesen Samstag beim bundesweiten Wettbewerb zum Mr. Gay antreten. Der 26-jährige Krankenpfleger, der in Frankfurt arbeitet, will mit seiner Kampagne vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund helfen sich zu outen. Gleichzeitig will er auch aufklären, denn in vielen Elternhäusern werde Homosexualität noch als Feindbild vermittelt.

Per Whatsapp-Nachricht im Familienchat outet sich Bilel Ouali. Da ist er 20 Jahre alt und erst frisch mit seinem heutigen Partner zusammen. Er will endlich sein Leben offen leben, sein wahres Ich nicht länger verstecken müssen. „Ich habe mich anders nicht getraut, es meiner Familie zu sagen. Meine Eltern sind aus Tunesien und sehr religiös. Ich bin in Rüsselsheim aufgewachsen. In meinem Block lebte keine einzige deutsche Familie, alle waren Muslime. Homosexualität war nicht gern gesehen.“ Nachdem er seine Outing-Nachricht abschickt, schaltet er sein Handy aus Angst vor den Reaktionen in der Nacht aus.

Als er es wieder einschaltet, hat er viele verpasste Anrufe und Nachrichten. „Meine Mutter wollte mit mir sofort zu einem Imam, der sollte mich von meiner Homosexualität heilen. Auch heute noch, sechs Jahre nach meinem Coming-out, hofft sie, dass ich heterosexuell werde. Denn für sie ist Homosexualität eine Sünde, die Allah bestrafen wird. Sie sagte mir, dass ein homosexueller Onkel mit HIV bestraft wurde.“

Der Neu-Isenburger, der als Gesundheits- und Krankenpfleger in Frankfurt arbeitet, ist einer von sieben Kandidaten, die nun im Finale des bundesweiten Wettbewerbs Mr. Gay Germany in Köln an diesem Samstag antreten. „Das ist kein Schönheitswettbewerb, sondern es geht darum, ein Botschafter der LGBTQ*-Community zu sein“, betont der 26-Jährige. Dass er so weit kommen würde, damit habe er nicht gerechnet. Seine Kampagne heißt Regenbogencamouflage.

Mr. Gay Germany

Bei der bundesweiten Wahl zum Mr. Gay Germany werden, wie der Veranstalter auf seiner Website schreibt, „mehr als hübsche Gesichter und trainierte Bodys“ gesucht. „Wir suchen den Repräsentanten der Gay-Community Deutschlands. Ein Role-Model, ein Vorbild – kurz einen Helden der Szene.“ An diesem Samstag ist das Finale des Wettbewerbs in Köln: Unter den sieben Finalisten sind der Frankfurter Nick Namyslo und der Neu-Isenburger Bilel Ouali.

Die selbstgestaltete Kampagne ist ein wichtiger Bestandteil. Hier müssen die Kandidaten ein Projekt entwickeln, mit dem sie gezielt etwas für die schwule Community erreichen wollen. Neben dem Willen, Dinge in Bewegung zu bringen, solle der zukünftige Mr. Gay Germany außerdem Mut, Selbstbewusstsein und Empathie beweisen.

Der amtierende Mr. Gay ist der Frankfurter Benjamin Näßler, der pandemiebedingt nun schon zwei Jahre den Titel trägt. Auch der Wiesbadener Marc Arthur Tsanang tritt an. In diesem Jahr ist als erste Trans*-Person der Kölner Max Appenroth dabei. 521 Menschen hatten sich beim Wettbewerb beworben. Der Gewinner wird auch bei der Wahl zu Mr. Gay World antreten. rose

„Ich will Jugendliche unterstützen, die wie ich in einem homophoben Umfeld aufwachsen und sich nicht trauen, sich zu outen.“ Gleichzeitig möchte er zudem an Schulen aufklären, weil, so seine Erfahrung, viele Jugendliche mit Migrationshintergrund oft im Elternhaus Homosexualität als Feindbild vermittelt bekämen. „Und weil sie eben mit diesen Feindbildern aufwachsen, beleidigen sie oder schlagen sie als Gruppe oft queere Menschen auf der Straße oder auf dem Schulhof.“ Er betont: „Kein Mensch sollte im 21. Jahrhundert Angst davor haben, sich als queer zu outen.“ Er selbst habe bereits mit zwölf Jahren gemerkt, dass er sich zu Jungen hingezogen fühle. Er traute sich aber nicht, jemandem davon zu erzählen, eben weil Homosexualität in seinem Umfeld ein Tabu gewesen sei.

Bei seiner Kampagne erhält er prominente Unterstützung: Der künftige Neu-Isenburger Bürgermeister Gene Hagelstein, der im April 2022 sein Amt antritt und selbst homosexuell ist, vermittele ihm Kontakte zu Schulen und queeren Jugendzentren in Neu-Isenburg. „Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe auch ein Projekt im queeren Jugendzentrum Kuss 41 in Frankfurt geplant.“ Dabei wolle er nicht nur über seinen eigenen Weg berichten, sondern auch mit den Jugendlichen kreative Projekte wie Graffiti oder Raps zum Thema „Stoppt Homophobie“ umsetzen. „Ich selbst rappe seit meiner Jugend.“

Das alles will er 2022 umsetzten, egal, ob er am Ende Mr. Gay wird oder nicht. „Ein weiterer Grund, warum ich beim Wettbewerb mitmache, ist, dass die Kampagne so auch bundesweit Aufmerksamkeit bekommen würde.“ Was aber muss Mann machen, um Mr. Gay zu werden? „Fotoshootings und Tik-Tok-Tanz-Challenges waren auch Teil des Wettbewerbs. Aber die Optik zählt nur 40 Prozent bei der Punktevergabe der Jury, 60 Prozent sind Inhalt.“ So musste er etwa beim Halbfinale auch eine Powerpoint-Präsentation über seine Kampagne halten. „Und jetzt beim Finale gibt es einen schriftlichen Test, wo wir auch beispielsweise politische Fragen wie ‚In welchen Ländern gibt es noch eine Todesstrafe für Homosexualität?‘ beantworten müssen.“ Und zwar auf Englisch, weil der Sieger auch beim internationalen Wettbewerb „Mr. Gay World“ antritt.

Oualis Eltern wissen nichts von seiner Teilnahme. Immer noch sei der Kontakt mit ihnen und seinen vier Geschwistern schwierig. „Mein Vater redet gar nicht mehr mit mir seit meinem Outing.“ Ganz anders die Reaktion seiner Chefin. „Sie findet es super, dass ich antrete. Schon fürs Halbfinale hat sie es mir ermöglicht, dass ich frei bekomme.“ Aktuell ist der Pfleger, der bei der Zeitarbeitsfirma KCS Medical angestellt ist, im Frankfurter Hospital zum Heiligen Geist auf der Corona-Station im Einsatz. Keine leichte Aufgabe, sagt er. An seinen freien Tagen arbeitet er an der Präsentation fürs Finale. Diese Woche springt er, ohne zu zögern, für eine erkrankte Kollegin an seinem freien Tag ein: „Menschenleben gehen immer vor.“

Ouali hat große Hoffnung, dass ein Hesse wieder Mr. Gay Germany wird. 2019 gewann der Frankfurter Benjamin Näßler, der immer noch im Amt ist, weil der Wettbewerb 2020 pandemiebedingt ausfiel. Und diesmal treten neben Ouali aus Hessen der Wiesbadener Marc Arthur Tsanang und der Frankfurter Nick Namyslo an, um Mr. Gay Germany zu werden. Mit seinen Konkurrenten verstehe er sich super. „Ich fahre mit Nick sogar am Freitag zusammen nach Köln. Er nimmt mich mit. Ich mag seine Kampagne. Er will kleine und mittlere Unternehmen dazu animieren, ein stärkeres Bewusstsein für die LGBTQ*-Community zu schaffen.“ Aber wer wird den Titel am Ende holen? „Möge der Bessere gewinnen“, sagt Ouali und lacht.

Lesen Sie auch: Mr. Gay Kandidat aus Frankfurt Nick Namyslo

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