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Morgens 2.0 in Deutschland

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Von: Stefan Behr

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Der Prozess gegen Alexander M. beginnt mit weniger Remmidemmi als viele erwartet hatten

Es war schon mal mehr los am Gericht. Sicher, die üblichen Verdächtigen von Funk und Fernsehen und Zeitung sind in beinahe voller Kampfstärke angereist, um zu berichten über den Prozess gegen den Mann, der sich NSU 2.0 nannte – zumindest in den vulgären Droh- und Beleidigungsfaxen, mit denen er seine größtenteils weiblichen Opfer belästigt haben soll.

Aber sonst? Das Publikumsinteresse ist vergleichsweise mau. Selbst eine Stunde nach Prozessbeginn kann man der Verhandlung gegen Alexander M. noch problemlos beitreten. Zum Vergleich: Beim Auftakt des Prozesses gegen den Lübcke-Mörder Stephan Ernst oder gar bei dem gegen den Sonderbar-Offizier Franco A. bestand dazu nicht einmal die geringste Chance, wenn man eine Stunde vor Verhandlungsbeginn angereist war.

Also stehen die Medienvertreter:innen am Mittwochmorgen etwas verloren in der tristen Ödnis des Gerichtsviertels herum, langweilen sich ein wenig und unterhalten sich darüber, dass früher alles besser war. Auch das Wetter. Nicht einmal die Antifa, sonst bei solchen Gelegenheiten ein verlässlicher Animateur der rhythmischen Sportgymnastik, schaut auf ein Ständchen vorbei. Dementsprechend demotiviert schlurfen die Streifen der Polizei, die in ausreichender, aber nicht überkandidelter Anzahl zum Prozessschutz angereist ist, um das Gerichtsgelände herum.

Immerhin ist ein aufrechtes Fähnlein der Partei Die Linke gekommen, um mit einer Mahnwache dazu aufzurufen, „rechte Netzwerke in Polizei, Sicherheitsbehörden und Militär konsequent aufzudecken und zu zerschlagen“. Hermann Schaus von der Landtagsfraktion verliest ein Grußwort der Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz, einer Adressatin der NSU-2.0-Drohfaxe. Schaus befürchtet, dass es im Prozess nur eine untergeordnete Rolle spielen wird, aus welchen Quellen und wie Alexander M. die höchst privaten Details über seine mutmaßlichen Opfer und deren Familien bezogen hat, „und das bedauere ich sehr“.

In der Tat ist wohl die interessanteste Frage, die dieser Prozess aufwirft, ob M. tatsächlich Teil eines Netzwerks ist. Wenn dem so wäre, dann hieße das, dass Polizei, Sicherheitsbehörden und Militär bei der Wahl ihrer Partner nicht allzu anspruchsvoll sind, denn die hellste Kerze auf der Terror-Torte ist Alexander M. gewiss nicht. Zudem wäre die Existenz eines solchen Netzwerks eine schlechte Nachricht – wenn auch keine, die für die Linke wirklich überraschend käme.

Eine gute wäre immerhin, dass zumindest die Frankfurter Justiz nicht Teil dieses Netzwerks ist. Denn in den in der Anklage verlesenen Drohfaxe tauchen Behauptungen auf, die kein Kenner der Frankfurter Gerichtsbarkeit so weitergegeben hätte. So heißt es dort etwa, Nadja Niesen, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft und ebenfalls im NSU-2.0-Verteiler, sei „vom Ehrgeiz zerfressen“. Justiz-Insider aber wissen: Das stimmt so nicht.

Und so motivieren sich am Mittwoch die angereisten TV-Teams, die nicht viel zu filmen haben, dass bereits am nächsten Tag alles besser werden wird, wenn der frisch wiedereingesperrte Franco A. dem Staatsschutzsenat vorgeführt wird. Doch noch am Vormittag kommt die Nachricht: Der Prozesstag gegen A. fällt aus. Ein Senatsmitglied ist erkrankt. In manchen Tagen ist einfach der Wurm drin.

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