Esther Schulze-Tsatsas and Dimitrios Tsatsas inmitten ihrer Liebsten.
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Esther Schulze-Tsatsas and Dimitrios Tsatsas inmitten ihrer Liebsten.

Mode

Modestadt Frankfurt: Leben für die Taschen

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Das Designer-Duo Esther Schulze-Tsatsas und Dimitrios Tsatsas entwirft und verkauft hochwertige Stücke unter seinem eigenen Label.

Mailand – oder vielleicht Paris? Nein, es ist Frankfurt, wo die Ideen für die hochwertigen Taschen entstehen. In ihrem Büro im Gallusviertel, das zugleich Showroom und Werkstatt ist, tüfteln Esther Schulze-Tsatsas und Ehemann Dimitrios Tsatsas an neuen Entwürfen. In der Werkstatt liegen Lederreste und Muster, eine Nähmaschine steht bereit.

Normalerweise wäre das Designerduo im Juni von der Pariser Fashion Week zurückgekommen. Dort präsentieren sie viermal im Jahr in einem Showroom ihre neueste Kollektion und treffen sich mit Einkäufern. Doch die Modemesse ist ausgefallen; ob die nächste im Oktober stattfindet, steht noch in den Sternen. „Wir müssen neue Wege finden, um unsere Entwürfe zu präsentieren“, überlegt Schulze-Tsatsas.

Vor rund zehn Jahren war die Fashion Week noch in weiter Ferne. Damals war Dimitrios Tsatsas auf der Suche nach einer klassischen, aber modernen Herrentasche. Aber der 41-Jährige fand nichts, was ihm gefiel und gleichzeitig gut verarbeitet war. So dachten der Industriedesigner und seine Ehefrau, eine Architektin: „Das probieren wir selbst!“ Unterstützung bekamen sie von Dimitrios’ Vater, einem Feintäschner, der die Taschen mit seinem Team noch in Offenbach produziert.

Ein gar nicht so einfaches Projekt begann. Sie arbeiteten an mehreren Taschen – parallel zum Job. Am Wochenende und abends feilten sie an den Modellen. Es dauerte fast zwei Jahre, bis das erste Exemplar fertig war. „Diese Tasche trage ich immer noch“, sagt Dimitrios Tsatsas und zeigt auf ein schwarzes, schlichtes Modell, das neben dem Schreibtisch steht. Die „Lucid“ gibt es auch noch im Shop.

Scheinbar fehlte vielen die richtige Tasche. „Jedenfalls zog das Projekt immer größere Kreise“, erzählt das Paar. Zuerst waren Freunde und Bekannte interessiert, dann nicht nur die. 2012 kündigten beide ihre Jobs und fokussierten sich zu hundert Prozent auf ihre Taschen. Mit konkreten Vorstellungen, etwa in welchen Geschäften sie ihre Kreationen anbieten wollten. „Wir haben anfangs einfach die Läden angeschrieben“, erzählt Schulze-Tsatsas.

Und es funktionierte, bald gab es ihre Taschen von Zypern über Paris bis London. Zusätzlich bekamen sie noch gute Presse. Die Kunden kauften, und die Nachfrage stieg. Wer heute eines der Modelle bestellen möchte, muss zum Teil bis zu sechs Wochen warten, bis er es in den Händen hält.

Modeserie

Vom 6. bis 8. Juli 2021 s oll die erste Frankfurt Fashion Week stattfinden. Ab 2022 ist geplant, sie sogar zweimal im Jahr auszurichten. Auch die Berlin Fashion Week wird weiterhin saisonal organisiert.

Aber kann Frankfurt überhaupt Mode? In unserer neuen Serie stellen wir wöchentlich lokale Designerinnen, Modemacher und Ladenbesitzerinnen vor.

Mittlerweile fertigen sie etwa 1000 Taschen im Jahr. Die Anzahl wächst kontinuierlich. Es gibt nicht jede Saison eine neue Kollektion, aber es kommen jedes Jahr neue Stücke hinzu. Das Paar steckt viel Zeit in die Entwicklung und das Design jeder einzelnen Tasche. An manchen Entwürfen sitzen sie zwei bis drei Jahre und kommen einfach nicht weiter, sagt Dimitrios Tsatsas. Vermeiden möchten sie etwas Dekoratives, das keinen Sinn macht. „Wir wollen das Handwerk modernisieren und auch mit einer Designperspektive rangehen, um zu schauen, welche Möglichkeiten sich ergeben.“

Darum sind die Frankfurter auch immer auf der Suche nach Partnern, die mit ihnen über den Tellerrand hinausschauen. So brachten sie etwa gemeinsam mit dem Designer Dieter Rams einen unveröffentlichten Taschenentwurf von ihm auf den Markt. Genauso wie sie mit der Witwe des Designers und Architekten Ferdinand Kramer eine überarbeitete Version der Tasche produzierten, die er in den 60ern für seine Frau entworfen hatte. Gerade arbeiten sie an einem Projekt mit dem Architekten David Chipperfield.

Und wer trägt sie eigentlich, die Taschen? „Vor allem gestandene Frauen von 30 bis 50, die im Leben stehen“, sagt Schulze-Tsatsas. Es gibt aber auch ein großes Sortiment an Männertaschen. Auf jeden Fall Menschen, die kein großes Logo oder gar kein Logo auf ihrer Tasche wollen, denen es um Qualität geht, meint die gelernte Architektin. Dafür müssen sie auch bereit sein, ein wenig Geld auszugeben. Zwischen 370 und 2000 Euro kosten die guten Teile.

Den Kunden sei sicher auch wichtig, dass die Taschen lokal und nachhaltig gefertigt werden, sagt Dimitrios Tsatsas. Das Label arbeitet mit Gerbereien zusammen, bei denen die Tiere aus Deutschland oder Schweden kommen. Verpackt werden die Taschen in recycelbare Kartons einer Kartonagenfabrik aus Offenbach.

Einen Achtstundentag haben die Designer selten. Die Zusammenarbeit als Paar klappe gut, nicht selten ist auch ihr Sohn im Büro, wohnen sie doch um die Ecke. Den beiden geht es um gute Arbeit und nicht um Aufmerksamkeit, so muss man etwa konkret nachfragen, was da eigentlich mit Hillary Clinton war. Die US-amerikanische Politikerin hatte nämlich mal ein Modell von Tsatsas getragen.

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