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Modernes Eigenheim für Ihre Majestäten im Frankfurter Zoo

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Von: Thomas Stillbauer

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Löwenpapa Kumar im vorübergehenden Exil, gleich neben den Brillenbären.
Löwenpapa Kumar im vorübergehenden Exil, gleich neben den Brillenbären. © Zoo Frankfurt

Die neue Löwenanlage im Zoo soll das Publikum näher heranlassen und den Großkatzen weitaus mehr Raum geben als zuvor.

Was ist das Gegenteil von los? Die Löwen sind nämlich nicht los, die Löwen sind – fest. Zwei von ihnen sitzen hinter den Kulissen, drüben im Ukumari-Land, bei den Brillenbären. Zarina und Kumar. Und einer vagabundiert durch das verwaiste Reich der Frankfurter Tiger: Kiron, ihr Sohn.

Der Grund der Löwenverschickung im Zoo: Ihre königliche Anlage wird erweitert. Viel größer, viel toller.

Jetzt sagen Sie: Ha, das haben wir doch schon mal in der Rundschau gelesen! 2012 zum Beispiel, als die Frankfurter Eishockeyspieler Geld dafür sammelten („Die Löwen helfen dem Zoo“). Oder 2014. Oder 2017 („Mehr Platz für den König“). Aber jetzt, kein Zweifel, jetzt geht das richtig los. Jetzt steigt die Kulturdezernentin höchstpersönlich ins Baggerführerinnenhäuschen, drei Meter tief im Wassergraben, der die alte Anlage umgab, und baggert.

Natürlich nur für die Kameras. Noch ist es nicht so weit, dass Stadträtin Ina Hartwig (SPD) selbst buddeln müsste, wenn es im Zoo (oder an den städtischen Bühnen) etwas umzubauen gibt. Das machen andere Leute im Auftrag des Amts für Bau und Immobilien nach Plänen der Berliner Landschaftsarchitektin Ariane Röntz und des Frankfurter Architekten Harald Fay.

Wenn der König und die Königin zurückkehren, so etwa in einem Jahr, wird ihr Reich gut 1000 Quadratmeter umfassen, mehr als das Doppelte der bisherigen Anlage. Dass Kumar dann die Tatze um seinen Sohn legt, um zu sagen: „Junge, das wird alles mal dir gehören“, ist eher unwahrscheinlich. Schon jetzt sind die drei ja voneinander getrennt, wie es bei über zweijährigem Nachwuchs üblich ist. Kiron ist fast vier Jahre alt und wird wohl bald in einen anderen Zoo umziehen, sein wertvolles Erbgut weitergeben.

„Zookunft 2030+“Verschwimmende Grenzen

Wie lang hat das jetzt gedauert mit dem Umbau der Löwenanlage? Zehn Jahre? Und immer noch nicht fertig? Das ist die Wahrheit, aber der Berliner Flughafen ging auch nicht schneller, und im Frankfurter Zoo kam hinzu, dass die Pinguine ganz dringend ein neues Zuhause brauchten. Darum mussten die Löwen warten.

So eine Pinguinanlage ist ziemlich aufwendig. Der große Teich musste gestaut werden. War das eine Aktion damals. Vor vier Jahren. Übrigens ebenfalls vom Landschaftsarchitekturbüro Röntz mitgeplant. Aus Berlin. Nein, Flughäfen planen die nicht. Pinguine können ja auch nicht fliegen. Ist aber schön geworden.

„Zookunft 2030+“ heißt das Konzept, das allen geplanten Veränderungen im Zoo zugrundeliegt. Vorgestellt hat es vor drei Jahren Miguel Casares, der ehemalige Zoodirektor. Ausgeheckt hat er es nicht allein, sondern in Kooperation auch mit Christina Geiger, der heutigen Zoodirektorin.

Das Konzept sieht luftige Hallen und große zusammenhängende Territorien mit vergesellschafteten Tierarten vor. Ein anderes Gesicht werde der Zoo der Zukunft haben. Okapis, Zebras und Giraffen sollen Platz finden im drei Hektar großen Afrika-Areal im Südwesten des Zoos samt geräumiger Halle, Wäldern des Kongo und Savannenlandschaft. Südamerikas Regenwald und Europas Sumpfgebiete finden dann im Nordwesten statt auf etwa zwei Hektar samt 6725 Quadratmetern Amazonas-Halle mit Aquarium. Straußenvögel rennen herum, Vögel fliegen im abgeteilten Areal.

Besonderes Merkmal: die verschwimmenden Grenzen, auch zwischen Tier und Zoopublikum, siehe die Nähe, die man bald zum Löwen und jetzt schon zum Pinguin hat. Verschwimmende Grenzen aber auch zwischen Tierarten. Im Afrika- und im Amazonien-Bereich soll ein Eindruck entstehen, als wären verschiedene Tierarten zusammen in der derselben Gegend. Manche sind es auch, Vergesellschaftung heißt da das Zauberwort. Aber Löwen und, sagen wir, Antilopen werden nicht die Wiese miteinander teilen. Unauffällige Barrieren trennen, wo getrennt werden muss. Das sind die verschwimmenden Grenzen.

„Wenn Professor Grzimek zu uns käme, würde er sich fühlen wie zu Hause.“ Hat Ex-Direktor Casares gesagt. Bernhard Grzimek war wiederum ein Vorgänger von Casares als Zoodirektor, 1945 bis 1974. Zwei Drittel des Zoos seien noch genau wie zu Grzimeks Zeiten, erklärte der Nach-nach-Nachfolger. Wenn wir ehrlich sind, ist manches noch viel älter. Das Flusspferd- und Nashornhaus ist fast 150 Jahre alt. Da herrschte in Deutschland Kaiser Wilhelm I.

Die Dickhäuter sollen es einmal besser haben, für sie sind idyllische Anlagen unter Bäumen geplant, für die Besucher Unterwasserblicke aufs Flusspferd. „Da sehen sie aus wie Balletttänzerinnen“, versprach Casares.

Und zu all dem gesellt sich in den Plänen das „Frankfurt Conservation Center“, das internationalen Tier und Naturschutz kompetent bündeln soll. Große Pläne, wichtige Pläne in einer Zeit, die so viele Baustellen hat.

„Es gibt nur noch ein einziges Gebiet in Indien, in dem Asiatische Löwen in freier Wildbahn leben“, sagt Zoodirektorin Christina Geiger. Es bedürfe lediglich einer Infektionskrankheit, um den gesamten verbliebenen Bestand von nicht einmal 700 Tieren auszurotten. „Umso wichtiger ist, dass wir mit unserer Löwenanlage zukunftsfähig bleiben – dass wir beim Zuchtbuch mitmachen können.“ Im Zuchtbuch steht, welche Zoos welche Tiere mit welchen Genen haben, um möglichst planvoll einen gesunden Bestand zu erhalten.

Dazu soll nun der Umbau beitragen, den die Stadt mit 1,5 Millionen Euro finanziert. Weitere gut 300 000 kommen durch einige großzügige Spenden hinzu, darunter die Aktionen des Frankfurter Eishockeyklubs. „Nicht nur die Löwen, auch die Besucherinnen und Besucher profitieren“, sagt Ina Hartwig. Die können in Zukunft in die Anlage spazieren, müssen aber nicht vorher wie Tarzan den Blick einstudieren, der Löwen so verschüchtert, dass sie lieber das vegane Menü wählen. Es wird weiterhin eine Trennung zwischen Großkatze und Mensch geben, aber eine, die den Menschen näher heranlässt. Menschen mögen das. Großkatzen haben sich noch nicht dazu geäußert. Aber das ist heute modern.

Vor 67 Jahren, berichtet Direktorin Geiger, sei auch die 1955 eröffnete Anlage modern gewesen, die nun Vergangenheit ist. Damals neu und aufregend: der freie Blick aufs reißzähnige Getier. Damals wie heute nicht gar so aufregend: die große Distanz wegen des acht Meter breiten Wassergrabens. Aber die fällt ja nun weg, und die Fläche des Grabens kommt den Löwen als Bewegungsfreiraum zugute.

Hintendran wird es eine Sperrzone geben, um künftige Jungtiere abzuteilen. Denn die Geburtenkontrolle, die zurzeit für das Frankfurter Löwenpaar gilt, wegen des Umbaus, aber auch weil das Zuchtbuch den hiesigen Genmix gerade nicht anfordert, dieser Zuchtstopp soll ja nicht ewig dauern. Für zwei bis sechs Löwen wird die Anlage nach dem Umbau locker Platz haben. Und es gibt ja noch den Innenbereich im Gebäude des Katzendschungels, der bleibt, wie er ist.

Was werden Löwenfans künftig erleben? Von einem Holzpodest überblicken sie die gesamte Anlage. Ebenerdig schauen sie dem König durch eine Glasscheibe ins Gesicht (wenn der König auch gerade guckt), genau wie in der dritten Ebene, einer tiefer gelegenen Grotte, dem ehemaligen Wassergraben.

„Die Begegnung mit dem Tier ist unersetzbar, um Menschen für den Artenschutz zu begeistern“, sagt Ina Hartwig. Generationen hätten erlebt, wie der Löwe mit seiner Mähne oben auf dem Felsen thronte. „Wenn der Löwe brüllt, das geht einem durch Mark und Bein.“ Und der Artenschutz, der Einsatz für die Biodiversität, sei nun mal ein Hauptanliegen des Zoos, daher lasse sich die Stadt den Umbau etwas kosten. Hartwig: „Artgerechte Tieranlagen gibt es nicht von der Stange, schon gar nicht für Löwen. Aber die beiden können sich freuen auf eine strahlende Zukunft im Frankfurter Zoo.“

Kulturdezernentin Ina Hartwig baggert, Zoodirektorin Christina Geiger sichert.
Kulturdezernentin Ina Hartwig baggert, Zoodirektorin Christina Geiger sichert. © ROLF OESER
Löwen anschauen auf drei Ebenen.
Löwen schauen auf drei Ebenen. © Röntz Landschaftsarchitektur

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