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Mittagessen und ein offenes Ohr

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Mittagessen im Tagestreff.
Mittagessen im Tagestreff. Bild: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Im Tagestreff Avetorstubb in Frankfurt-Sachsenhausen können wohnungslose Menschen Kraft tanken.

Die Tür der Avetorstubb in Sachsenhausen steht auch bei winterlichen Temperaturen auf. Trotzdem empfängt einen der grün gestrichene Raum am Ende des kurzen Flurs warm und einladend, fast wie ein Wohnzimmer. Menschen, die obdachlos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, können in der Einrichtung der Caritas am Affentorplatz an fünf Tagen die Woche einen Kaffee für 30 Cent trinken, essen, Wäsche waschen und ein offenes Ohr finden. Franziska Schäfer, die Leiterin des Tagestreffs, erzählt, die Gäste zögen die Jalousien der zur Straße hinausgehenden Fenster gerne zu, für ein bisschen Privatsphäre und Gemütlichkeit.

Hinter der Theke bereiten vier Ehrenamtliche das Mittagessen aus hauptsächlich gespendeten Lebensmitteln vor, es duftet nach Fischfilet. Rund 50 Gäste kommen normalerweise zum Mittagessen. Zum Frühstück seien es vor allem diejenigen, die „Platte machen“, also auf der Straße schlafen und dann zum Aufwärmen eine warme Suppe bestellen. Es kämen aber auch viele, ohne etwas zu konsumieren. Schäfer könne die Uhr danach stellen, wer wann kommt. Um 13 Uhr sei oft eine 92-Jährige da, die zwar eine Wohnung habe, aber wie viele andere Rentner:innen ein günstiges Mahl und die Gemeinschaftlichkeit schätze. Sie hat ihren Stammplatz, der von anderen Gästen akzeptiert wird. Nur manchmal erlaubten sich die Herren, die um einen Tisch in der Ecke sitzen, einen Spaß. Dann besetzten sie ihren Platz, bis die Dame ihn penetrant einfordere.

Wegen der Pandemie mussten die Sitzplätze im Treff auf 17 reduziert werden, seitdem seien es weniger feste Gruppen, die sich hier zum Kartenspielen oder um gemeinsam Zeit zu verbringen zusammenfänden. Auch Einzelgänger:innen, die allein sitzen wollen, würden akzeptiert. Das sei wichtig für Menschen, denen es zum Beispiel aufgrund von psychischen Erkrankungen in großen, mehr auf Funktionalität ausgerichteten Einrichtungen nicht so gut gehe.

Menschen kämen zu ihnen, wenn sie eine neue Zahnbürste bräuchten, aber auch mit großen Problemen. In einer Erstberatung wird dann geprüft, welche Unterstützung gebraucht wird, ob persönliche Netzwerke vorhanden sind und welche Stelle am besten weiterhelfen kann. Sie verweisen an Notschlafunterkünfte, arbeiten eng mit anderen Einrichtungen wie der Wohnraumhilfe oder der Elisabeth-Straßenambulanz zusammen. Manche ihrer Gäste gäben kaum etwas über sich preis, andere erzählten ihre ganze Lebensgeschichte, auch mehrmals.

Gerade jetzt im Winter merke Schäfer, dass die Kälte den Menschen in den Knochen sitze und sich das auch auf deren Psyche auswirke. Im Treff gehe es auch darum, Menschen dazu zu motivieren, sich um ihre Gesundheit zu kümmern und mehr auf sich selbst zu achten. In Gesprächen könne man dann zum Beispiel spiegeln, wenn die Person einen sichtbar schlechteren Eindruck mache und fragen, welche Sorgen gerade plagen.

Während der Pandemie sei es wichtiger geworden, einen Zugang zum digitalen Raum zu schaffen, deswegen gibt es WLAN, PCs und auch die Möglichkeit, sich beispielsweise bei der Einrichtung einer E-Mail-Adresse Unterstützung zu holen.

Frau Schäfer arbeitet seit bald zehn Jahren in der Einrichtung mit, seit 2019 ist sie Leiterin. Sie koordiniert die Ehrenamtsarbeit, ist Ansprechpartnerin für Gäste, kümmert sich um die Budgetplanung oder auch, wenn mal ein Licht kaputtgeht. Manche der Stammgäste kenne sie nun schon seit zwanzig Jahren. Andere zögen schon nach einem Jahr weiter. Sie erzählt von einem langjährigen ehrenamtlichen Mitarbeiter, der früher selbst auf der Straße lebte und lange mit Drogenabhängigkeit zu kämpfen hatte. Der Treff habe ihm Tagesstruktur und einen sozialen Anlaufpunkt gegeben, nun wolle er etwas zurückgeben.

Im Lisbethtreff gegenüber, der Frauen einen gesonderten Schutzraum bietet, gibt es ein wöchentliches Achtsamkeitstraining. „Eines unserer Ziele ist Selbsthilfekräfte zu aktivieren und Erfolgserlebnisse zu schaffen, auf die dann im harten Alltag zurückgegriffen werden kann.“ An einem richtig schlechten Tag erinnere man sich vielleicht an die gelernten Methoden. Das helfe, in schwierigen Situationen das Gute zu sehen.

Hier geht es hinein, in die warme Avetorstubb. Bild: Christoph Boeckheler
Hier geht es hinein, in die warme Avetorstubb. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

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