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Mit Solarenergie in die Champions League

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Von: Thomas Stillbauer

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„Wir schaffen etwas ganz Neues.“ Hans-Georg Dannert.
„Wir schaffen etwas ganz Neues.“ Hans-Georg Dannert. © christoph boeckheler*

Hans-Georg Dannert im Interview über die Ziele des jüngst gestarteten Frankfurter Klimareferats.

Zum Jahresbeginn hat das neu gegründete Frankfurter Klimareferat unter Leitung von Hans-Georg Dannert die Arbeit aufgenommen. Ein Gespräch über die Pläne und Ziele – aber nicht über den Konflikt im Fechenheimer Wald. Fragen dazu blieben nach Rücksprache mit dem Klima- und Umweltdezernat der Stadt unbeantwortet.

Herr Dannert, was haben Sie vor?

Wir schaffen mit dem Klimareferat etwas ganz Neues in der Stadt: Ein Team von Fachleuten, das sich ausschließlich darauf konzentriert, die Stadt widerstandsfähig gegen die Folgen des Klimawandels zu machen und dafür die Bevölkerung und die Verwaltung zu unterstützen und zu beraten. Ein Signal, das auch weit über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen werden wird. Wir haben die Auswirkungen der letzten heißen Sommer auch hier in Frankfurt hautnah miterlebt. Der Klimawandel ist in vollem Gange. Hinzu kommen die einschneidenden Probleme mit der Energieversorgung, die wir seit Kriegsbeginn in der Ukraine sehr deutlich wahrnehmen und die die Notwendigkeit zum Klimaschutz noch deutlicher machen.

Worin besteht der Unterschied zum bisherigen Energiereferat, das ja seit vielen Jahren an ähnlichen Themen arbeitet?

Das Energiereferat hatte die Energieeffizienz und CO2-Einsparung im Auge. Das wollen wir jetzt mit Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel kombinieren. Das heißt, Klimaschutz und Klimaanpassung werden gemeinsam gedacht und umgesetzt. Ein Beispiel: Dachbegrünung und Solaranlagen auf dem Dach schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern können gemeinsam realisiert werden. Mit der Begrünung tun wir was fürs Mikroklima und halten Regenwasser zurück. Die kühlende Wirkung der Dachbegrünung erhöht nebenbei den Wirkungsgrad der darüberliegenden PV-Anlage.

Und was wird aus den Angeboten des Energiereferats, etwa dem Klimagourmet-Festival?

Das Klimagourmet-Festival ist ein kleiner Baustein einer ganzen Reihe von wichtigen Aufgaben des ehemaligen Energiereferates, mit denen es als Impulsgeber viel bewirkt hat. Ähnlich sieht es im Bereich der Klimaanpassung aus. Die Stadt hat zum Beispiel eine Solaroffensive beschlossen, darauf müssen wir uns fokussieren mit Förderung und Beratung. Aber auch der mikroklimatische Umbau unserer Innenstadt, der Stadtviertel, Plätze, Straßenzüge und Gebäude fordert uns, genauso wie der Überflutungsschutz bei Starkregen. Wasser muss gespeichert und für unser innerstädtisches Grün zur Verfügung gestellt werden. Es braucht weitere Trinkbrunnen und kühle Orte in den Hitzeperioden. Unsere Aufgabe ist es, dazu beizutragen, dass wir die Ziele erreichen, die die Stadtverordnetenversammlung beschlossen hat. Hierzu zählen die Themen der Klimaanpassung genauso wie das Ziel der Klimaneutralität bis 2035, das unter anderem mit einer klimaneutralen Energieversorgung dank Photovoltaik erreicht werden kann. Solarthermie, Windenergie, Fernwärmeausbau, Wärmepumpen, Abwärmenutzung, Energieeinsparung, grüner Wasserstoff und gegebenenfalls Erdwärme – die testen wir gerade am Rebstockbad – sind weitere Themen.

Sie wollen fürs Klima in der Stadt auf ein konstruktives „Wir“ setzen. Eine FR-Leserin hat vorgeschlagen, das mit einem Böllerverbot an Silvester zu verbinden. Wie stehen Sie dazu?

Das Silvesterfeuerwerk bringt vor Ort eine hohe Feinstaubbelastung und viel Lärm. Da ist der Immissionsschutz gefragt, nicht wir als Klimareferat.

Und was denken Sie persönlich?

Persönlich halte ich nicht viel von privatem Silvesterfeuerwerk. Ich würde es begrüßen, wenn die Stadt an zentraler Stelle ein Feuerwerk veranstalten würde oder auch eine Laserinstallation mit Musik, zu der die Menschen kommen können. Aber mir tun alle leid, die unter dem privaten Feuerwerk leiden, Menschen wie Tiere. Da sind wir übrigens wieder beim Thema, das auch beim Klimaschutz am wichtigsten ist: Verhaltensänderung. Wenn wir bereit sind, unser persönliches Verhalten im Sinne der Gemeinschaft zu ändern, kommen wir gemeinsam einen großen Schritt weiter.

Eine weitere Idee aus der Bevölkerung: großflächig Solarenergie auf der ehemaligen VDM-Deponie in Heddernheim.

ZUR PERSON

Hans-Georg Dannert, 60, Chef im Frankfurter Klimareferat, war bisher Sachgebietsleiter Stadtklima/Klimawandel im Frankfurter Umweltamt, betreute das Klimaförderprogramm „Frankfurt frischt auf“, kümmerte sich um die Anpassung der Stadt an die Folgen des Klimawandels und leitete bereits seit 2008 dezernatsübergreifend die Koordinierungsgruppe Klimawandel.

Das neue Klimareferat umfasst 15 Stellen des bisherigen Energiereferats und sieben aus dem Umweltamt, also insgesamt 22. Die Einrichtung geht zurück auf eine Initiative der Frankfurter Klimaallianz.

Ein spannendes Thema, warum nicht. Ich werde immer wieder gefragt: Wie viel Zeit haben wir im Kampf mit dem Klimawandel? Ich sage dann: Es ist wie ein Wettlauf und wir sind mittendrin, liegen bei manchen Themen vielleicht auch ein bisschen zurück. Aber wenn wir das Tempo verschärfen, können wir noch gewinnen.

Zu der Tempoverschärfung zählt die Frankfurter Solaroffensive?

Ja, 2022 war das sonnenreichste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, und Frankfurt wird als im Durchschnitt heißeste Stadt Deutschlands geführt. Das bereitet uns große Probleme, aber darin liegt auch ein riesiges Potenzial für unsere Stadt. Die Solarenergie ist das zentrale Thema und ich möchte, dass dies auch sichtbar wird. Dass man auf den Autobahnen rings um Frankfurt von Solaranlagen begleitet wird, vielleicht auch gut sichtbar auf dem Monte Scherbelino oder an der Fassade von Hochhäusern – alle, die nach Frankfurt kommen, sollen das sehen, es soll ein Markenzeichen für die Stadt werden und uns unabhängiger von Energielieferanten machen.

Wie wollen Sie das Tempo beschleunigen?

Wir sind in der Verwaltung die Klammer, der Anlasser, wir entwickeln Prototypen, wenn Sie so wollen, wie den Entwurf einer städtischen Gestaltungssatzung Freiraum und Klima, den wir gemeinsam mit der Bauaufsicht, der Stadtplanung und dem Grünflächenamt dann weiterentwickelt haben. Wir beraten zu unseren Klimathemen, wir fördern die Begrünung und Entsiegelung auf Grundstücken oder Energieeinsparungsmaßnahmen am Gebäude und zukünftig auch Photovoltaikanlagen. Entscheidend ist dabei das Gemeinsame von öffentlichen und privaten Beiträgen.

Das setzt einen Zuwachs an Motivation voraus.

Richtig. Mich fragte kürzlich jemand: Herr Dannert, was bringt uns das denn, Begrünung am Hochhaus? Das wird man in der Tat am Boden oftmals gar nicht spüren – aber es wird gesehen und es steckt bei den Green-Towers viel Innovation im Gebäude selbst. An der Weinstraße gibt es viel Fassadenbegrünung an den Häusern in Form von Weinstöcken. Das ist in der Ortsgemeinschaft eine lebendige Kultur. Der Klimawandel sollte solch eine gelebte Kultur auch in Frankfurt zutage fördern, so etwas muss auch aus der Bevölkerung kommen, vielleicht auch in Klimavereinen in den Stadtteilen gelebt werden. Wir werden dies unterstützen, damit wir zu einer Stadt werden, die dieses Thema gemeinsam lebt und von den positiven Veränderungen profitiert.

Sind wir damit nicht schon zu spät dran, weltweit und auch in Frankfurt?

Wir alle haben weltweit Fehler gemacht. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine Auswirkungen haben uns nun gezeigt, dass wir am Ende selbst auf dem berühmten Schlauch stehen, wenn wir keine Energie haben. Wir dürfen diesen Fehler nicht noch einmal machen, sondern müssen konsequent auf Einsparung und auf die erneuerbaren Energien setzen. Es gibt immer Möglichkeiten, Solarpanels so unterzubringen, dass es auch ästhetisch in Ordnung ist.

Welche Ziele haben Sie für dieses Jahr?

Das werden wir im Detail bis März beraten, es orientiert sich aber an den Klimabeschlüssen der Stadt. Im „Wattbewerb“, einem überregionalen Netzwerk zur Förderung der Solarenergie, rangieren wir bei der Photovoltaikleistung pro Einwohner:in zurzeit an vorletzter Stelle, da haben wir noch viel Luft nach oben. Ich schätze den Wettbewerbsgedanken, die Frankfurter Eintracht hat es aus der Zweiten Liga bis in die Champions League geschafft. Ich wünsche mir, dass wir das gemeinsam auch bei der Solarenergie hinkriegen.

Interview: Thomas Stillbauer

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