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Mit Mist und Jauche gegen die Fusion

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Von: Boris Schlepper

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Protestaktion der Eingemeindungsgegner und -gegnerinnen in Nieder Eschbach 1972.
Protestaktion der Eingemeindungsgegner und -gegnerinnen in Nieder Eschbach 1972. © ISG/Wilhelm Ullrich

Vor 50 Jahren wurden Harheim, Kalbach, Nieder-Erlenbach und Nieder-Eschbach im Rahmen der hessische Gebietsreform nach Frankfurt eingemeindet – unter Protest. Die Ortschaften wollten lieber eigenständig bleiben.

Der neue Herr heißt Frankfurt“ titelt 1972 eine Zeitung. „Der Fuchs hat die Gans geschnappt!“ eine zweite. Die Beute, die die Großstadt gemacht hat, sind die vier Ortschaften Harheim, Kalbach, Nieder-Erlenbach und Nieder-Eschbach. Am 1. August jährt sich deren Eingemeindung zum 50. Mal. Im Zuge der hessischen Gebietsreform wurde die Metropole um die bis dahin noch unabhängigen Gemeinden erweitert. Nicht ohne Proteste.

Die Harheimer setzten viel daran, unabhängig zu bleiben, berichtet Dagmar Wendler vom ortsansässigen Kulturverein. „Die Menschen hier waren traditionsbewusst und gewohnt, sich niemandem zu beugen. Sie wollten Entscheidungen möglichst selbstständig und unabhängig treffen“, sagt die Vorsitzende, die 1977 von Kalbach nach Harheim gezogen ist. „Sie hatten ihren Stolz.“ Und den verteidigten sie energisch. So fuhren Landwirte, die die Eingemeindung ablehnten, einen mit dampfenden Mist und Jauche beladenen Wagen vor das Harheimer Rathaus und drohten, ihre Ladung abzukippen. Im Ort stand ein Traktor mit einer Strohpuppe, die ein Transparent hielt: „Wer Harheim verkauft oder verschenkt, gehört gehenkt!“

Der Umgang Harheims mit der Eingemeindung fand sogar Einzug in die Fernseh-Serie „Die Wilsheimer“, die der HR in den 80ern in dem Stadtteil drehte. Darin droht dem fiktiven Ort ebenfalls die Fusion mit Frankfurt, was die Bewohner:innen um jeden Preis verhindern möchten. Wendler wirkte als Statistin mit.

Hans-Josef Schneider hat die Serie geschaut. Auch wenn die Eingemeindung in seinem Heimatort Kalbach wesentlich friedlicher abgelaufen sei, berichtet der 72-Jährige, der für die CDU mit Pausen von 1973 bis 2021 im Kalbacher Ortsbeirat saß. Der Gemeindevorstand habe eingesehen, dass Kalbach sich einer Eingemeindung nicht würde verschließen können. „Mit rund 3500 Einwohnern war klar, dass eine dauerhafte Selbständigkeit eine Illusion ist“, so Schneider.

Kalbach habe damals geprüft, ob nicht eine Fusion mit Oberursel sinnvoller wäre. Da dieses weniger „molochartig“ war, hätte mehr für die eigene Gemeinde erreicht werden können. Doch Frankfurt habe schnell reagiert und auch für Kalbach einen Grenzänderungsvertrag aufgesetzt. Der Tenor sei klar gewesen, erinnert sich Schneider: „Wenn ihr euch uns anschließt, soll es euer Schaden nicht sein.“ Eine Buslinie etwa wurde zugesagt, eine Bürgerstelle im alten Rathaus, keine Erhöhung der Steuern und Gebühren für fünf Jahre, das Versprechen, dass sich die Stadt beim Land für die Umgehungsstraße einsetzt und ein Hallenbad am Riedberg baut. Letzteres wurde nie eingelöst

Gebietsreform

Die Gebietsreform in Hessen verlief in zwei Phasen. Zunächst förderte das Land von 1969 an den freiwilligen Zusammenschluss von Kommunen. Aus 2642 Gemeinden wurden 1233. Die zweite Phase regelte die Neugliederung zwangsweise. Danach gab es in Hessen noch sechs kreisfreie Städte und 416 kreisangehörige Gemeinden in 20 Landkreisen.

Ziele waren eine Vereinfachung der Verwaltung, Personaleinsparungen und eine höhere Effizienz. Die neuen Kommunen sollten leistungsfähiger sein und wirtschaftlicher arbeiten. Anreize waren höhere finanzielle Zuweisungen des Landes.

Der Kulturverein Harheim beschäftigt sich mit der Eingemeindung in einem Vortrag „Harheims Geschichte bis heute – 50 Jahre bei Frankfurt“ am Freitag, 19. August, 19 Uhr, im Hotel Harheimer Hof, Alt-Harheim 11 – mit anschließendem Gesprächsaustausch im und vor dem Hotel. pgh/bos

Trotz der Angebote habe sich Kalbach im Oktober 1971 zunächst gegen die Eingemeindung ausgesprochen, sagt Schneider. Erst als Frankfurt drohte, dass ohne Unterschrift bis Ende des Jahres die Zwangseingemeindung ohne Vorteile bevorstehe, hätten die Gemeindeväter am 21. Dezember unterschrieben.

Nur wenig Widerstand habe es auch in Nieder-Erlenbach gegeben, berichtet Karl Mehl, der Vorsitzende des dortigen Geschichtsvereins. Vor allem die älteren Menschen hätten sich gesorgt. Schließlich sei damals alles viel persönlicher gewesen. Wer etwa einen neuen Pass oder Führerschein wollte, ging zum Rathaus, wo einen die Sekretärinnen namentlich begrüßten und fragten: „Was brauchst du denn?“ Trauungen nahm der Bürgermeister noch selbst vor.

Nieder-Erlenbach wäre am liebsten eigenständig geblieben, erinnert sich Mehl. Dass sich der kleine Ort auf Dauer alleine nicht vernünftig entwickeln würde können, sei aber allen klar gewesen. Auch habe es ohnehin eine alte Verbindung zur Großstadt gegeben: Von 1376 bis 1866 gehörte der Ort bereits zu Frankfurt, wodurch rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen im Besitz von Frankfurter Stiftungen waren. „Und 90 Prozent der Arbeitsplätze lagen in Frankfurt.“

Mit Bad Vilbel zu fusionieren, sei alternativ diskutiert worden, sagt der 81-jährige Mehl. Doch gab es Bedenken, dass die Quellenstadt später zu Frankfurt eingemeindet werde, wodurch sich alles nur verzögert hätte. Auch gab es die Idee, sich mit Harheim, Kalbach, Nieder-Erlenbach, Ober-Erlenbach und Ober-Eschbach zur Gemeinde Eschbachtal zusammenzuschließen. Sogar eine Ringbuslinie zwischen den Ortsteilen war schon geplant. Doch Harheim und Nieder-Eschbach hätten sich dagegen entschieden.

Wie in Harheim hätten sich die Menschen in Nieder-Eschbach bis zum Schluss vehement gegen die Eingemeindung gewehrt, erinnert sich Wolfram Reuter vom Heimat- und Geschichtsverein, der damals 22 Jahre alt war. Einige seien regelrecht „militant“ gewesen. Die Straßen zum Ortseingang hätten sie damals etwa mit Traktoren blockiert. Ein Teil der Proteste ging vom Vereinsring aus, der etwa Unterschriftenlisten verteilte und Protestplakate aufhängte. Mehr als 100 Autos waren – zum Teil mit Lautsprechern – bei einer Demo unterwegs und machten Stimmung gegen die Eingemeindung.

Etliche Zeitungsberichte und Dokumente hat der Verein gesammelt und vor zehn Jahren ein eigenes Heft dazu herausgebracht. Darin ist auch ein Brief der Gemeindevertretung an den Landtag zu finden, die damals eine Petition auf den Weg brachte. Sie war überzeugt, dass der Ort ohne Frankfurt besser aufgestellt wäre, etwa, um die Infrastruktur auszubauen. Der Großstadt trauten sie das weniger zu, da diese in erheblicher Finanznot steckte. Sie befürchteten, dass die Fusion keine Vorteile brächte, sondern gar Nachteile.

50 Jahre später sind Wolfram Reuter, Dagmar Wendler, Hans-Josef Schneider und Karl Mehl indes überzeugt, dass die Eingemeindung sinnvoll gewesen ist. Die meisten der Versprechen der Stadt seien umgesetzt worden, sagen sie. Doch schwingt bei allen mit, dass sie noch immer selbstbewusst sind und sich nicht zuerst als Frankfurter:innen sehen.

Der Nieder-Erlenbacher Karl Mehl hat heute noch einen Traktor mit Friedberger Nummerschild aus der Zeit vor der Eingemeindung.
Der Nieder-Erlenbacher Karl Mehl hat heute noch einen Traktor mit Friedberger Nummerschild aus der Zeit vor der Eingemeindung. © Monika Müller
Dagmar Wendler, Vorsitzende des Harheimer Kulturvereins, hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Stadtteils befasst.
Dagmar Wendler, Vorsitzende des Harheimer Kulturvereins, hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Stadtteils befasst. © Monika Müller
Der Kalbacher Hans-Josef Schneider war vor 50 Jahren noch Student.
Der Kalbacher Hans-Josef Schneider war vor 50 Jahren noch Student. © ROLF OESER
Der Nieder-Eschbacher Wolfram Reuter hat sich an den Protesten gegen die Eingemeindung nicht beteiligt. Er sei lieber in die Kneipen nach Sachsenhausen gefahren, sagt er.
Der Nieder-Eschbacher Wolfram Reuter hat sich an den Protesten gegen die Eingemeindung nicht beteiligt. Er sei lieber in die Kneipen nach Sachsenhausen gefahren, sagt er. © Privat

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