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Mit links in Frankfurt musizieren

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Von: Anja Laud

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Christine Vogel (links) und Sophia Klinke beim linkshändigen Musizieren auf der Zeil.
Christine Vogel (links) und Sophia Klinke beim linkshändigen Musizieren auf der Zeil. © Michael Schick

Pop-Up-Konzerte in Frankfurt sollen am Linkshändertag mit Vorurteilen aufräumen. Die Musikerinnen Christine Vogel und Sophia Klinke schaffen Plattform fürs linke Musizieren.

Mozart war es wohl, Beethoven wahrscheinlich auch: Die beiden weltberühmten Komponisten und Musiker sollen Linkshänder gewesen sein, die aber rechtshändig spielten. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, wer professionell Musik machen wolle, könne nicht mit links spielen. Sophia Klinke und Christine Vogel wollen mit diesem Vorurteil aufräumen. Zusammen mit fünf weiteren Kolleg:innen, die ebenfalls alle linkshändig spielen, geben sie am Samstag, 13. August, dem internationalen Linkshändertag, unter dem Titel „Straßenmusik mit links“ Pop-up-Konzerte in der Frankfurter Innenstadt.

Sophia Klinke ist ein Beispiel dafür, wie lange es manchmal braucht, bis Musiker:innen im speziellen oder Menschen überhaupt ihre wahre Seitigkeit erkennen. Die 28-Jährige begann im Alter von fünf Jahren Violine zu lernen. Mit rechts, aber nicht, weil sie dazu gezwungen wurde. „Ich habe den Bogen mit rechts geführt, weil das alle so machten“, erzählt sie. „Rechtsrum“ spielte sie ihre Geige auch während ihres Studiums in Hannover und Paris und auch noch, als sie in Leipzig im MDR-Sinfonieorchester tätig war. Und das, obwohl sie merkte, dass es ihr schwerfiel, mit der nicht-dominanten rechten Hand einen satten Ton zu erzeugen.

Vor vier Jahren, an einem Wendepunkt in ihrem Leben, erkannte Klinke, dass sie eine „verkappte“, also unerkannte, Linkshänderin war und entschied sich, künftig konsequent ihre richtige Händigkeit zu leben. Nach gründlicher Überlegung entschied sie sich, auch ihr Geigenspiel umzustellen. Seit zwei Jahren arbeitet sie daran.

„Für professionelle Musikerinnen und Musiker ist das keine einfache Entscheidung, denn sie haben ja jahrelang alles mit rechts eingeübt“, sagt Christine Vogel (31). Die Gambistin und Kontrabassistin stellte während ihres Bachelorstudiums der Viola da Gamba in Leipzig und Frankfurt auf das Linksspielen um, weil eine Bewegungseinschränkung im rechten Arm einen entspannten Bogenstrich nicht mehr zuließ.

Linkshändertag

Das Konzert zum Internationalen Linkshändertag 2022 am Samstag, 13. August, beginnt um 19 Uhr im Gemeindesaal der Andreaskirche, Kirchhainer Straße 2, in Frankfurt. Zu hören ist Solo- und Kammermusik verschiedener Epochen, linkshändig musiziert. Der Eintritt ist frei.

Die Pop-up-Konzerte unter dem Motto „Straßenmusik mit links“ geben die Musiker:innen, vorausgesetzt es regnet nicht, am Vormittag des Linkshändertags von 10 bis 12 Uhr in der Frankfurter Innenstadt.

Wer sich für das linkshändige Musizieren interessiert, findet auf der Webseite www.linksgespielt.de Informationen etwa zur Historie des Linksspielens und zum Thema Rückschulung. Lesenswert sind auch die Interviews mit Musiker:innen, die von ihren Erfahrungen berichten. lad

Die beiden Frankfurter Musikerinnen lernten sich durch Zufall in einem Café kennen und stellten fest, dass sie beide mit links musizieren. Der Erfahrungsaustausch brachte sie auf die Idee, eine Plattform für das linke Musizieren zu schaffen, denn vielen Musiker:innen, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Seitigkeit umzustellen, fehlt es an Unterstützung.

Am internationalen Linkshändertag im vorigen Jahr ging www.linksgespielt.de online, die weltweit einzige Plattform, auf der professionell Linksspielende sich informieren und in Interviews lesen können, wie andere Kolleg:innen mit ihrer Linkshändigkeit umgehen und welche Erfahrungen sie mit einer Rückschulung gemacht haben.

Der Cellist Hans-Ludwig Becker beispielsweise verlor bei einem Fahrradunfall einen Finger an der linken Hand und muss seitdem den Bogen mit dieser Hand führen und mit der rechten greifen. Er ist seit 1998 zweiter Solist des Opera Ballet Vlaanderen und damit ein Beispiel dafür, das linkshändige Musiker:innen, im Gegensatz zu einem weiteren hartnäckig sich haltenden Vorurteil, sehr wohl in einem Orchester mitwirken können.

Wie selbstverständlich linkshändiges Musizieren geht, wollen Sophia Klinke und Christine Vogel am 13. August zusammen mit ihren Kolleg:innen, dem Mexikaner Abner Jairo Ortiz García, der Landauerin Silke Becker, der Neustädterin Renata Soraya Schoepflin, der Bochumerin Laila Kirchner und der Hamburgerin Ursula Ros bei Pop-up-Konzerten in der Innenstadt beweisen. Sie spielen zwischen 10 und 12 Uhr etwa am Dom oder auf dem Römer. Am Abend geben sie im Dornbusch in der Andreaskirche ein Konzert. Sie hoffen, dass sie bei der Gelegenheit, mit anderen Menschen ins Gespräch kommen können.

Über eines müssen sich Linkshänder, die daran denken, ein Musikinstrument zu erlernen, keine Gedanken machen, auch wenn Christine Vogel ihre Gamba weitgehend selbstgebaut hat: Hersteller:innen bieten heute Streich- und Zupfinstrumente und auch Klaviere für das linkshändige Spielen an.

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