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Auf den Weg zum Frankfurter Römerberg.
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Auf den Weg zum Frankfurter Römerberg.

Christopher Street Day

„Mit dieser Welle der Solidarität haben wir überhaupt nicht gerechnet“

Andreas Gerlach vom CSD über den Lockdown, die Community in Frankfurt und das Waldstadion in Regenbogenfarben. Für die Community ist die Feier ein Zeichen der Sichtbarkeit.

Was ist das Besondere an dem CSD in diesem Jahr?

Der CSD findet zum zweiten Mal in Frankfurt unter Pandemiebedingungen statt. Das bedeutet, dass wir mit einer kleineren Veranstaltung geplant haben und uns dennoch auch in diesem Jahr dafür entschieden haben, den dritten Samstag im Juli zu nutzen, um zumindest die Regenbogenflagge auf dem Römerbalkon zu hissen. Wir müssen auch darüber sprechen, was sich im letzten Jahr in Frankfurt und in Hessen in Sachen LGBTIQ-Community getan hat. Und natürlich wollten wir uns es nicht nehmen lassen, die queere Sichtbarkeit durch eine Fußdemo zu gewährleisten, die rund um die Innenstadt stattgefunden hat.

Kleiner als sonst – wird es irgendwann auch wieder einen „normalen“ CSD mit Fest und Infoständen geben?

Das können wir natürlich nicht vorhersagen. Die Zahlen gehen ja gerade wieder hoch. In der Tat überlegen wir aktuell, im September einen kleinen CSD zu veranstalten, der über zweieinhalb Tage gehen soll und natürlich in deutlich kleinerem Rahmen als üblich stattfinden kann. Da laufen auch die Planungen, aber immer unter der Prämisse, dass wir reagieren, wenn die Inzidenzen wieder hochgehen. Mehr kann ich dazu im Moment noch nicht sagen, aber es ist in Planung. Es gibt ja schon die ersten Veranstaltungen, die vom Sommer in den September gelegt wurden und nun endgültig abgesagt sind.

Wie wichtig ist der CSD allgemein für die Community?

Das ist einfach das Zeichen der Sichtbarkeit. Der CSD hat 1969 seinen Ursprung in den Protesten am Stonewall Inn. Da ist die Community praktisch das erste Mal nach draußen gegangen, aus den Kellern, aus den dunklen Bars auf die Straßen. Da wurde ganz deutlich gesagt: Wir sind auch da, wir haben auch Rechte und die wollen wir uns nicht nehmen lassen. Und deswegen ist es wichtig, diesen CSD zu begehen. Wenn auch nur im kleinen Rahmen.

Wie hat die Community den Lockdown erlebt?

Es ist nicht besonders gut gelaufen, denn es waren ja sehr viele Einrichtungen geschlossen, die für viele in der Community auch ein Anlaufpunkt sind. Dazu gehören das Switchboard oder das Jugendzentrum Kuss41. Das sind Orte, an denen man Menschen treffen kann, die genauso denken und fühlen wie ich selbst. Es geht darum, im Austausch zu sein. Da hat man eben gemerkt, dass Whatsapp, Signal oder Facebook einfach nicht reichen. Man braucht den persönlichen Kontakt, wenn man ein Problem hat oder einfach eine Einschätzung aus der Community haben will.

Wie schätzen Sie die bleibenden psychischen Folgen ein?

Da ist die LGBTIQ-Community nicht anders als der Rest in der Gesellschaft. Natürlich ist unsere Gruppe noch mal zusätzlich betroffen, weil Diskriminierung immer noch stattfindet. Wenn man schon in einer schwierigen Situation ist, fehlen einem auch noch die Anlaufpunkte, bei denen man relativ schnell Hilfe bekommen könnte. Das macht schon was mit der Psyche. Ich kann keine konkreten Zahlen nennen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das für einige zu einem sehr großen Problem geworden ist.

Wie ist denn Situation allgemein für queere Menschen in Frankfurt?

Die Angebote in Frankfurt sind sehr vielfältig. Es gibt genügend Anlaufstellen, die müssen halt nur offen sein. Dennoch ist überall zu beobachten, dass Angriffe auf queere Menschen zugenommen haben. Ich kann da auch aus eigener Erfahrung sprechen, mir ist selbst in Frankfurt schon einiges passiert. Die Zahlen zeigen eine leichte Tendenz nach oben. Ich hätte gedacht, dass Angriffe und Diskriminierungen in den Achtzigern oder Neunzigern passieren. Aber wir leben im Jahr 2021.

Mit der Debatte rund um das Olympiastadion in München, das anlässlich des EM-Spiels gegen Ungarn eigentlich mit einer Regenbogenflagge angeleuchtet werden sollte, hat das Thema kurzen Auftrieb bekommen. Sogar das Waldstadion hat geleuchtet. Wie wurde die Debatte aufgenommen und wurde darüber auch in der Frankfurter Community gesprochen?

Für uns war das etwas ganz Besonderes, dass diese Solidarität plötzlich aufgeflammt ist. Gerade im Fußball ist das ein wichtiges Zeichen. Der DFB hat zwar einen Beauftragten für queere Menschen, aber das erste Coming-out fehlt im Profimännerfußball. Bei den Frauen ist das offenbar kein Problem. Es ist vollkommen egal, ob eine Fußballspielerin in der Bundesliga lesbisch, nonbinär oder hetero ist. Die spielen einfach Fußball. Im Männerfußball ist das ein Problem. Wir waren deswegen total begeistert, dass sich da viele solidarisch erklärt haben. Nicht nur das Waldstadion war bunt, sondern auch der Ginnheimer Spargel hat in Regenbogenfarben geleuchtet, sogar Banken waren dabei. Mit dieser Welle der Solidarität haben wir überhaupt nicht gerechnet. Die Frage ist jetzt, wie nachhaltig das sein wird. Das wird man beobachten müssen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mehr Normalität. Ich wünsche mir, dass queere Menschen als völlig normal gelten und nicht als Randgruppe angesehen werden.

Was wünschen Sie sich für die LGBTIQ-Community in Frankfurt?

Wir haben in Frankfurt schon sehr viel erreicht. Vor allem weil wir mit Frau Sylvia Weber eine sehr umtriebige Integrationsdezernentin hatten, die die Szene wirklich gut unterstützt hat. Das wünschen wir uns natürlich auch vom zukünftigen Magistrat. Sylvia Weber ist ja bei diesem CSD das letzte Mal in ihrer Funktion als Integrationsdezernentin mitgelaufen. Wir gehen davon aus, dass Frau Eskandari-Grünberg den CSD und den Rest der Szene genauso intensiv unterstützen wird.

Interview: Alina Hanss

Andreas Gerlach ist Vorstandsmitglied und Pressesprecher des Frankfurter CSD-Vereins.

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