1. Startseite
  2. Frankfurt

Mit der Biodiversität ist noch nicht Sense

Erstellt:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Kursleiter Markus Kunkel und ein Sensenblatt.
Kursleiter Markus Kunkel und ein Sensenblatt. © Michael Schick

In Frankfurt und Rhein-Main lässt sich in dieser Aktionswoche biologische Vielfalt erleben. Wir haben schon mal zugeschaut.

Frühling. Raus, Augen und Ohren aufmachen und wahrnehmen, was für wunderbare Pflanzen, Tiere, Düfte und Farben wir um uns herum haben – noch. Damit möglichst viel davon erhalten bleibt, gibt es jedes Jahr die Aktionswoche „Biologische Vielfalt erleben“. Na, fast jedes Jahr. Corona hat die Woche zweimal ausfallen lassen. Aber auch gegen Pandemien hilft die Biodiversität. Was gedengelte Sensen und Mikroskope damit zu tun haben, lesen Sie hier. Bleiben Sie dran.

Samstagfrüh, Lohrberg, Mainäppelhaus: Sensenfrauen und Sensenmänner haben sich getroffen, um zu lernen. Anika Hensel und Markus Kunkel werden ihnen gleich was vordengeln. Unter den etwa 15 Wissbegierigen ist Sibylla Niemann, aus Limburg angereist. „Ich habe ein Grundstück mit Hühnern und Gemüse“, erzählt sie. Da muss ja auch das Gras gemäht werden. „Die Nachbarin hat mir ihre Sense geliehen, ich habe es mal probiert“, sagt Niemann, „aber ich bin ja völlig ahnungslos.“ Das soll sich in den nächsten Stunden ändern, denn das Sensen, sagt sie, sei schöner als Rasenmähen mit Motor, „friedlicher, leiser und ohne Gestank“. Doch wer sensen will, muss erst mal dengeln. Markus Kunkel, ehrenamtlicher Mainäppelhaus-Mitarbeiter, hat sich vor langer Zeit beibringen lassen, wie das geht, Spaß dran gefunden – „und mittlerweile mähe ich alle meine Streuobstwiesen selbst mit der Sense“. Damit das klappt, wird gedengelt. Gleich.

Wir hätten am Wochenende auch zur Krautschau gehen können, einem herrlich stimmungsvollen Spaziergang, bei dem stadtnaturverliebte Menschen die winzigsten Pflänzchen mit den verrücktesten Namen in den kleinsten Ritzen und Spalten finden. Oder im Opel-Zoo was lernen übers Auswildern bedrohter Tierarten. Oder in Hochheim Vogelstimmen lauschen. Oder in Kelkheim nachhaltig landwirtschaften. Oder im Palmengarten pflanzliche Vielfalt erkunden … oder in Dorheim … oder im Fechenheimer Mainbogen … oder im Bioversum Kranichstein. Die Angebote sind zahlreich, das Interesse ist groß, der Sonntag war ja der Internationale Tag der biologischen Vielfalt, um den herum das Netzwerk „BioFrankfurt“ immer seine Aktionswoche legt.

Was hat das mit dem Sensen zu tun? Und mit dem Dengeln? „Sensen ist der Artenvielfalt sehr zuträglich“, sagt Markus Kunkel im Mainäppelhaus. Wir erfahren gleich, wieso. Erst mal lernen wir etwas über das Sensenblatt und wie die einzelnen Teile heißen. „Das ist der Rücken, der Kragen, die Spitze, der Bart.“ Angenehm. Kurze Zwischeninfo: „Die Bezeichnung ,mir platzt der Kragen‘ kommt daher“, sagt Teilnehmer Edgar Richter aus Schlüchtern. „Das ist mir passiert.“ – „Wusste ich gar nicht“, sagt Dozent Kunkel. „Das wollen wir aber heute nicht machen.“ Den Kragen platzen lassen. Lieber dengeln.

BIO-WOCHE

Die Veranstaltungen der Aktionswoche „Biologische Vielfalt erleben“ bis zum 29. Mai gibt es im Internet unter www.biofrankfurt.de – auch als Flugblatt zum Herunterladen.

Das Netzwerk „BioFrankfurt“, gegründet 2004, hat das Ziel, die Bedeutung der Biodiversität bekanntzumachen. Seit 2013 ist es als Verein eingetragen und hat ein Dutzend Mitgliedsorganisationen, darunter das Frankfurter Umweltamt, Goethe-Uni, Zoo, Senckenberg, Palmengarten, HGON und Mainäppelhaus.

Aber auch zwischendurch einen Blick ins Senckenberg-Museum werfen. Da wirft gerade Janosch (5) einen Blick durchs Mikroskop. Der Auftrag: eine Stinkwanze von einem Laufkäfer unterscheiden. Gar nicht so leicht, aber ein cooler Zufall – gestern erst habe Janosch den Wunsch nach einem Mikroskop geäußert, erzählen die Eltern, und zack, stehen welche im Museum. Was könnte mit einem Mikroskop alles untersucht werden? „So Sachen“, fängt Janosch vielsagend an, um die Spannung zu erhöhen, und konkretisiert dann: „Zecken zum Beispiel. Die trinken Blut von Menschen.“

Da ist viel Wahres dran. Und die Unterschiede zwischen Wanze und Käfer? Pascal Lüder, freier Senckenberg-Mitarbeiter, löst auf: „Bei der Wanze ist das erste Flügelpaar nur zum Teil verhärtet.“ Na klar! Warum sind wir da nicht drauf gekommen? Der Blick durchs Mikroskop lässt schillernde Käfer und als gaukelnde Kunstwerke entpuppte Schmetterlinge wie Wunder erscheinen. Etwa 50 Kinder hätten es sich bis zum Samstagnachmittag schon angesehen, berichtet Lüder und nennt das Ziel der Übung: „Hier können sie aus der Nähe sehen, dass Insekten keine ekligen Krabbeltiere sind, sondern sehr interessante Lebewesen.“

Das könnte fürs künftige Zusammenleben ganz sinnvoll sein, wenn die junge Generation Insekten als Lebewesen schätzt. Ist das Insekt gesund, überlebt auch der Mensch. „Ich finde die Facettenaugen nicht“, sagt derweil Aaron (7) und meint die Facettenaugen des Schmetterlings, den er gerade unter dem Objektiv hat. Er möchte sie mit den Augen der Hornisse vergleichen, die, wie sich herausstellt, unter anderem drei (!) Augen auf der Stirn und zwei weitere rechts und links hat. Ist da ein grundsätzliches Interesse Aarons für Insekten? Jawohl, bejaht er, und das Herausragende an dieser Mikroskopiererei im Museum sei: „Es gibt hier viel spannendere Tiere. Zu Hause findet man höchstens mal ’ne Ameise.“

Die Insekten unterm Mikroskop, das muss man vielleicht dazusagen, sind tot und präpariert. Damit das den freilebenden Insekten nicht passiert, kann man beispielsweise – richtig: sensen und dengeln. Edgar Richter, dem vorhin schon mal der Kragen geplatzt war, schätzt am Sensen seiner 3000 Quadratmeter Wiese unter anderem, dass dabei kein CO2 ausgestoßen wird, sieht man mal davon ab, dass der Mensch, der arbeitende zumal, gelegentlich ein- und insbesondere ausatmet.

Wo wir gerade beim Dengeln waren: Es handelt sich dabei um eine Art, die Sense scharf zu klopfen, ohne zu schleifen. Markus Kunkel erklärt es unterhaltsam unter Verwendung des einen oder anderen Fachbegriffs („Dengelhammer“, „bombiert“, „Vordengler“, „Quetschdengler“), bis ein Kursteilnehmer launig fragt: „Können Sie das wiederholen?“ und Kunkel launig antwortet: „Ich muss das jetzt mal hier durchpauken, sonst kommen wir gar nicht mehr zum Arbeiten.“ Alles lacht. Von wegen im Theorieunterricht ist Sense mit lustig.

„Immer vom Bart zur Spitze dengeln“, sagt Kunkel. Und als die Blätter schön scharf sind, geht’s raus auf die Wiese, sensen. Da geht der FR-Fotograf gern mit. Der FR-Reporter nicht. Der hat Heuschnupfen. Es lebe die Biodiversität, aber der Frühling hat auch seine Schattenseiten.

Kursteilnehmer Michael Schüler wetzt.
Kursteilnehmer Michael Schüler wetzt. © Michael Schick
Insekten mikroskopieren bei Senckenberg. Wie die Forscher.
Insekten mikroskopieren bei Senckenberg. Wie die Forscher. © Michael Schick

Auch interessant

Kommentare