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Mit den Händen atmen

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Jazzlegende Bob Degen am Klavier in seiner Wohnung in Seckbach.
Jazzlegende Bob Degen am Klavier in seiner Wohnung in Seckbach. © Christoph Boeckheler

Der Pianist Bob Degen ist ein prägender Musiker, seit Frankfurt am Main in den 70er Jahren die Hauptstadt des deutschen Jazz wurde.

Es ist sofort wieder vertraut, das leichte, perlende, lyrische Spiel. Sein Markenzeichen. Noch immer übt Bob Degen täglich. „Ich versuche, mindestens eine Stunde zu spielen, früher waren es drei bis vier Stunden.“ Heute ist der Pianist, eine Legende des deutschen Jazz, 78 Jahre alt, tritt nur noch selten auf, lebt zurückgezogen auf einem idyllischen Grundstück am östlichen Rand Frankfurts. Hier stört kein Stadtlärm die Konzentration.

„Ich muss üben jeden Tag“, sagt er knapp in seinem Deutsch mit englischer Klangfarbe. Denn sonst geht die Entspannung verloren, die so wichtig ist. „Das A und O ist, entspannt zu spielen“, sich nicht zu verkrampfen am Klavier. „Mit den Händen atmen“, das hat seine Lehrerin Margaret Chaloff an der Berklee School of Music in Boston einst von ihm verlangt. In seinem kurzärmligen blauen Hemd schüttelt Degen die Unterarme, um zu demonstrieren, was er meint.

Als der deutsche Jazz in den 70er Jahren zur Weltgeltung aufbrach, war er dabei, mit Albert und Emil Mangelsdorff (Posaune und Tenorsaxofon), Günter Lenz (Bass), Heinz Sauer (Saxofon, Flöte) und anderen. Aber er spielte auch mit den internationalen Stars, Art Farmer, Dexter Gordon, Attila Zoller, tourte mit dem Glen Miller Orchestra durch Japan und die USA. Ein rastloses, ruheloses Leben über Jahrzehnte, im Bus, im Flugzeug. „Music comes first“, sagt er und lächelt vergnügt.

Anderes blieb lange auf der Strecke, eine Familie zum Beispiel. „Ich war jung und naiv“, lacht der Komponist und zuckt mit den Schultern. Die Gigs dauerten bis in den Morgen. „Ich war oft so müde, ich bin fast auf der Straße zusammengebrochen vor Müdigkeit.“ Mit dem Glenn Miller Orchestra trat er anderthalb Jahre am Stück auf, manchmal mit zwei Shows am Tag, bei zwei Wochen Urlaub ging es durch 43 Städte.

In Scranton im US-Staat Pennsylvania geboren, saß Bob mit vier Jahren schon am Klavier. Sein Vater war ein berühmter Country- and-Western-Gitarrist, seine Mutter Steptänzerin. Als Junge lag Bob stundenlang vor dem Radio im Wohnzimmer und hörte, wie die Welt des Jazz aus den New Yorker Clubs in die Provinz übertragen wurde. Atemlos saugte er in sich auf, was Erroll Garner und Art Tatum am Klavier vollbrachten, aber auch ein junger Mann namens Thelonius Monk.

Sein Vater nahm den Halbwüchsigen bald mit in die New Yorker Jazzszene. Der Modern Jazz war die Musik der Stunde. 1965, mit 21 Jahren, begann er das Studium in Boston. Um Geld zu verdienen, saß Bob in Striptease-Shows am Klavier. „Das Licht war so schlecht, dass man kaum etwas sah, die Sängerinnen waren schlecht, es war unerträglich.“ Er lacht in der Erinnerung. Noch 1965 erzählte ihm ein Kommilitone vom Jazz-Paradies Westdeutschland. Er pumpte sich Geld von den Eltern und flog nach Westberlin. Er landete im Travestie-Club „Eldorado“, ganz in der Nähe vom Kaufhaus des Westens. Seine Ernüchterung war groß. „Die Musik war sehr schlecht, nach zwei Wochen wollte ich wieder nach Hause zurück.“

Doch er blieb anderthalb Jahre, lernte in Berlin Musiker wie Albert Mangelsdorff, Art Farmer und Dexter Gordon kennen. Er spielte in Clubs, in denen viele US-amerikanische und britische Soldaten abhingen. „Immer zwei Sets, zwischen 22 Uhr und drei Uhr morgens.“ Dann taumelten sie auf die Straße, nur um in einer Bar noch weiterzutrinken. Zu Hause in den USA zog die Army die jungen Männer seiner Generation ein, nur um sie bald darauf in den blutigen Vietnam-Krieg zu schicken, der immer weiter eskalierte. „Ich war gemustert worden, aber ich hatte Glück, wurde wegen Gleichgewichtsstörungen aussortiert.“ Der junge Mann nahm an vielen Protestmärschen gegen den Krieg teil: „Wir hatten keinen Grund, nach Vietnam zu gehen.“

In Deutschland war der Krieg weit weg. 1972, vor einem halben Jahrhundert, ließ sich Degen endgültig im Rhein-Main-Gebiet nieder, zunächst in Sulzbach. Die Frankfurter Jazz-Szene pulsierte und lockte viele an. Die musikalische Heimat des Pianisten wurde das Jazz-Ensemble des Hessischen Rundfunks. Sechsundzwanzig Jahre, von 1973 bis 1999, gehörte er dem Klangkörper an. „Ich habe viel gelernt“: In diesen kurzen Satz fasst der Musiker dieses Vierteljahrhundert. Die Band musste oft in nur dreieinhalb Stunden drei Titel proben und aufnehmen, das verlangte Disziplin und äußerste Konzentration. Bis zu seinem Tod 2005 führte der Posaunist Albert Mangelsdorff das Ensemble. Es geriet zum Anziehungspunkt für viele namhafte Jazzmusiker aus aller Welt, auch für US-Stars wie Sonny Rollins und Lee Konitz.

Das Jazz-Ensemble traf sich im Studio 2 des Hessischen Rundfunks am Dornbusch. Doch die Musiker traten an vielen Orten der Stadt Frankfurt auf, die damals zur Hauptstadt des deutschen Jazz wurde: Im Jazzkeller an der Kleinen Bockenheimer Straße, im Palmengarten, sonntags bei den legendären morgendlichen Konzerten im Hof des Historischen Museums am Römerberg. Und Bob Degen war überall präsent. „Die Atmosphäre im Jazzkeller war so heiß, das war unvorstellbar.“

In seinem Wohnzimmer am Rande der Stadt versinkt Degen in seinem Spiel. Er lässt ganz bewusst Leerstellen in seinen musikalischen Assoziationen. „Die Pausen sind der Schlüssel für das Spiel.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Weniger ist mehr.“ Der 78-Jährige spricht nicht viel über seine Musik. Er ist überhaupt kein Freund großer Worte, kein überschäumender Erzähler. Umso mehr fallen seine Sätze ins Gewicht. Er hat sein Leben lang komponiert und tut es noch immer. „Ich liebe das Komponieren.“ Täglich sammelt er kleine Fragmente neuer Stücke, fügt sie zusammen, nur um das Puzzle dann wieder aufzubrechen.

Die Jazz-Szene in Frankfurt, das lässt sich nicht leugnen, hat an Bedeutung verloren. Viele namhafte Weggefährten Degens sind gestorben, vor kurzem erst Emil Mangelsdorff im Alter von 96 Jahren. Der Saxofonist Heinz Sauer, zu dem er noch Kontakt hält und der auch im HR-Jazzensemble spielte, wird in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiern. „Das Publikum für Jazz ist kleiner geworden“, analysiert Bob Degen ganz sachlich und gelassen. Und doch ist ihm nicht bange. „Es gibt einige sehr gute junge Musiker.“ Sofort nennt er den Pianisten Michael Wollny, der aber leider nicht mehr in Frankfurt lebe, sondern nach Leipzig umgezogen sei.

Wie viele Konzerte er gespielt hat in seinem Leben, wie viele Platten er aufnahm: Der Musiker kann es einfach nicht sagen, er hat sie nie gezählt. Er hat einfach gelebt und gespielt. Alles andere war nicht so wichtig. Im Untergeschoss gibt es eine riesige Sammlung von Tonträgern. Im Wohnzimmer finden sich ikonenhafte Alben, etwa „A Love Supreme“ vom Saxofonisten John Coltrane. An die Aufnahme seiner ersten eigenen Platte kann sich der Pianist noch erinnern. Das war 1965 in einem Studio in Berlin, dessen Namen ihm entfallen ist. „Es war um 4 Uhr morgens, wir kamen gerade von der Arbeit im Club.“ Die Sängerin, Degen lächelt, sei „nicht schlecht“ gewesen.

Heute wohnt er mit seiner Lebensgefährtin und der Katze, das Leben ist geregelter, beim Frühstück studieren alle drei die Frankfurter Rundschau. Der Pianist ist nicht mehr so gut zu Fuß wie früher, aber seine Hände gehorchen ihm noch. Er kann weiter spielen und Menschen in seinen Bann schlagen.

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