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Lachen ist die beste Medizin.“ Davon ist Komödien-Direktor Claus Helmer überzeugt. Das Theater muss aber geschlossen bleiben.
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Lachen ist die beste Medizin.“ Davon ist Komödien-Direktor Claus Helmer überzeugt. Das Theater muss aber geschlossen bleiben.

Kultur

Mit Demut und Bescheidenheit

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Wie sämtliche Kulturstätten leidet auch die Frankfurter Komödie in der Krise. Die Gründung des Boulevard-Theaters vor 70 Jahren konnte daher nicht gebührend gefeiert werden.

Das Bühnenbild ist längst aufgebaut. Ganz in Weiß und Hellblau bildet es einen farblichen Kontrast zum Rot der Wände und Polster im Zuschauersaal. Wehmütig lässt Claus Helmer den Blick über die leeren Sitzreihen schweifen. „Es ist furchtbar, ganz furchtbar“, seufzt der Theaterdirektor. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Bereits dreimal musste die Frankfurter Komödie die Premiere des Stücks „Wochenend-Affären“ verschieben, dreimal wurden die Plakate neu gedruckt. Drei weitere fertige Bühnenbilder warten auf ihren Einsatz. Seit Mitte März 2020 ist das Boulevard-Theater fast durchgehend geschlossen, lediglich 22 Vorstellungen des Stücks „Bleib’ doch zum Frühstück“, mit dem die neue Saison hoffnungsvoll startete, konnten im Herbst gezeigt werden – bis der zweite Lockdown kam. Dass die Komödie einen runden Geburtstag zu feiern hatte, ist in dem Virus-Wirrwarr nahezu komplett untergegangen.

Seit nunmehr 70 Jahren gibt es die Bühne in Frankfurt, am 26. September 1950 wurde sie von Helmut Kollek als „Theater am Roßmarkt“ in einem halb zerbombten Haus gegründet. Auf 132 Stühlen sah das Nachkriegs-Publikum vor allem heitere Stücke. 1953 siedelte die kleine Spielstätte auf die andere Straßenseite um, bis 1963 der Mietvertrag auslief und der Standort erneut gewechselt werden musste. Das Theater zog in die Neue Mainzer Straße 18 und firmiert seitdem unter dem Namen „Die Komödie“.

Claus Helmer ist seit 1972 mit von der Partie, zunächst als mitverantwortlicher Direktor – mit gerade einmal 28 Jahren. „Als Helmut Kollek 1974 einen Nachfolger suchte, hat er mich gefragt“, erzählt Helmer. Der gebürtige Österreicher hatte schon in den 60er Jahren Engagements in Frankfurt, hatte aber vor allem in Düsseldorf gespielt und in Köln fürs Fernsehen vor der Kamera gestanden. „Mir war klar, dass ich mich dann ganz auf Frankfurt konzentrieren musste.“ Und das tat er. Seit 1975 ist er alleiniger Direktor der Komödie, bis heute.

Das Theater

Die Komödie in der Neuen Mainzer Straße 14-18 in Frankfurt ist ein klassisches Boulevard-Theater mit Foyer-Bar und Bistro, das Komödien, Schwänke und Musicals zeigt. Motto: „Hier sitzen Sie zu Ihrem Vergnügen.“

Das Privattheater ist in der Corona-Pandemie wie viele andere Kulturstätten in die Krise geraten und bittet daher um Spenden. myk www.diekomoedie.de

245 Produktionen hat Claus Helmer in dieser Zeit auf die Bühne gebracht, in 49 hat er selbst mitgespielt, 70 hat er inszeniert. Etliche beliebte Stars hat er nach Frankfurt geholt, darunter Walter Giller, Paul Hubschmid, Hannelore Schroth, Anita Kupsch, Heinz Drache, Jutta Speidel oder Hugo Egon Balder, um nur einige zu nennen. Und nie hatte das Theater länger als drei Tage am Stück geschlossen. Nur 1998, als das Haus aus baulichen Gründen abgerissen werden musste, stellte die Komödie ihren Spielbetrieb ein, um ihn 1999 nach 16 Monaten Bauzeit an gleicher Stelle in einem größeren Neubau mit mehr als 1000 Quadratmetern und knapp 400 Plätzen wieder aufzunehmen. „Sonst waren die einzigen Tage ohne Vorstellung die Premierenvorbereitungen und der 24. Dezember“, sagt Helmer.

Doch dann kam das Virus und veränderte alles. Auch Claus Helmers Leben, und zwar nicht nur das auf der Bühne. Im Oktober, als gerade die zweite Corona-Welle anrollte, infizierten sich der 76-jährige Theaterdirektor und seine Gattin, die Schauspielerin Christine Glasner. Die Symptome seien heftig, aber nicht ernst gewesen, Fieber und Husten eben, berichtet Helmer. „Aber wenn Sie das haben und Sie abends im Fernsehen die Intensivstationen sehen, dann denken Sie schon: Hoffentlich ist das nicht das Ende.“ Corona-Leugner und Leute, die die Krankheit verharmlosen, könne er nicht verstehen, jetzt noch weniger. „Die Natur zeigt ihre Pranke“, bezieht er sich auf ein Wort von Voltaire. „Wir Menschen beherrschen nicht alles, wir sollten bescheidener und demütiger werden.“

Claus Helmer hat die Komödie in fünf Jahrzehnten durch einige Krisen manövriert, die ihm „viele schlaflose Nächte“ bereiteten. Als er das Theater übernahm, lasteten fast 500 000 DM Schulden darauf, die er nach einigen Jahren tilgen konnte. 1998 steckte er in den Neubau 1,5 Millionen Mark aus eigener Tasche, die Einrichtung entwarf er selber. Über Stuhl-Patenschaften wurden sämtliche 380 Theatersitze finanziert. 1995 hatte Helmer zudem die Leitung des Fritz-Rémond-Theaters am Zoo übernommen und es so vor der Schließung gerettet.

„In meinem ganzen Leben war mir nie langweilig“, sagt Helmer. „Ich habe so viel geschafft, ich werde auch diese Krise schaffen.“ Seit zehn Monaten sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit, normalerweise belaufen sich die Einnahmen des Hauses auf 90 000 bis 100 000 Euro pro Monat. „Dieses Geld fehlt natürlich.“ Aus den Hilfstöpfen von Bund und Land hat das private Theater außer 12 000 Euro nichts erhalten. Immerhin sei ihm der Vermieter etwas entgegengekommen. „Ich habe seriös gewirtschaftet“, erklärt Helmer. „Aber jetzt brauche ich allmählich Hilfe.“ Vor allem im Herbst müsse ein Theater Einnahmen machen, um die Spielpause im Sommer zu überbrücken. „Ich brauche das Publikum wie das Eichhörnchen Nüsse.“ Und dabei geht es nicht nur um die monetäre Tragödie der Komödie. „Das Theater lebt vom Publikum, von den Menschen“, sagt der Direktor. „Nichts ist so tot wie ein Theater, in dem nicht gespielt wird.“

Am 13. März gäbe es wieder einen Grund zu feiern, nämlich ein weiteres Jubiläum für Claus Helmer: Seit 65 Jahren steht der Sohn eines Schauspielers dann auf der Bühne. Eigentlich hätte er diesen Tag gern genau dort gefeiert, mit dem zweiten Teil von „Monsieur Claude und seine Töchter“. Aber in dem Stück müssten elf Darsteller auftreten, Helmer hat diese Idee daher schon vor Monaten verworfen. Nun schaut es aus, als könne er sein Bühnenjubiläum ebenfalls nicht gebührend begehen, zumindest nicht vor Publikum.

„Wir können nicht planen“, sagt Helmer. Ein Restaurant oder Café lasse sich innerhalb weniger Tage wieder eröffnen, ein Theater dagegen nicht. Trotzdem hofft er, dass die Komödie bald wieder bessere Zeiten erlebt. „Theaterleute sind optimistische Menschen.“ Und Lachen sei schließlich „die beste Medizin“.

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