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Auch über die A661 kamen die Fahrradfahrer und -fahrerinnen.
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Auch über die A661 kamen die Fahrradfahrer und -fahrerinnen.

Frankfurt

Mit dem Fahrrad auf die Autobahn

  • Clemens Dörrenberg
    VonClemens Dörrenberg
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3500 Menschen demonstrieren per Sternfahrt für eine Verkehrswende, eine nachhaltigere Mobilität und den Klimaschutz.

An der Auffahrt zur Autobahn 661, Offenbach-Taunusring, holen einige Radler und Radlerinnen am Sonntag zur Mittagszeit erstmal Tupperdosen aus ihren Taschen. Bei der Fahrradsternfahrt zum Frankfurter Mainkai unter dem Motto „KlimaGerechtUnterwegs“ heißt es für mehrere hundert Teilnehmende, die da in der Schlange stehen, erstmal warten, ehe die Polizei die vielspurige Schnellstraße in nördlicher Fahrtrichtung abgeriegelt hat. 20 lokale und überregionale Initiativen, darunter der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), Greenpeace, People for Future, Mainkai für alle und die Bürgerinitiative Riederwald hatten zu der Sternfahrt für eine zügige Mobilitätswende und konsequenteren Klimaschutz aufgerufen.

Neben einer Route aus Mainz-Kastel im Westen, die über ein Stück der A 648 führt, und Startpunkten mit Hanau im Osten sowie Friedberg im Norden haben sich aus südlicher Richtung rund 200 Menschen aus Darmstadt und Umgebung auf dem Parkplatz eines Offenbacher Supermarktes mit weiteren Radelnden zusammen geschlossen – lautes Klingeln zur Begrüßung inklusive. Ordnerin Inga und Ordner Marc aus Darmstadt zählen an der Offenbacher Autobahnauffahrt dann 900 Personen. Am Mainkai werden es insgesamt rund 3500 sein.

Die Pause vor der Autobahn nutzt auch Jonko Paetzold, um in ein belegtes Brot zu beißen. Der Darmstädter Maschinenbaustudent schaut auf seine Armband-Uhr und sagt: „32,5 Kilometer haben wir hinter uns“.

„Es macht Impact, dass ein Haufen Leute Fahrrad fahren, um auf die Probleme aufmerksam zu machen“, sagt Paetzold. Fahrradwege müssten weiter ausgebaut werden, findet der 23-Jährige. Sein Kommilitone Christoph Schöffel fügt hinzu: „In Darmstadt ist schon was passiert, aber es wird noch eine Zeitlang dauern, bis Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt sind“. Auch Anita Grünewald und Wolf-Richard Weigelt aus Obertshausen, beide im ADFC aktiv, fordern einen „Ausbau der Rad-Infrastruktur“.

Als der Tross auf die Autobahn rollt, gibt es den einen oder anderen Schulterblick. Doch es kommt kein Auto von hinten angerauscht. Der dreijährige Yorik sitzt fest im Sattel und wedelt wie wild mit den Beinen Richtung Kaiserleibrücke. Er ist wohl der einzige Teilnehmer mit Laufrad. Ein Ordner, im roten Leibchen, ruft seiner Mutter, Ragna Körby, zu, der Junge könne im „Besenwagen“, einem Kleinbus, mitfahren. Das sei nicht nötig, entgegnet die. Am Fahrrad von Vater Tobias sei ein Hänger für den Junior reserviert. Einige Augenblicke später sitzt Yorik samt Gefährt drin.

Trotz der zehn Kilometer, die er sonst auf dem Laufrad zurücklege, war die wellige Strecke und der Anstieg hoch zur Friedberger Warte doch noch zu viel für einen der jüngsten Teilnehmer. Seine sechsjährige Schwester Torid strampelt dagegen weiter fröhlich mit. Mutter Ragna sagt: „Es ist ein Erlebnis für die Kinder, mal Vorrang vor den Autos zu haben und den Raum zu bekommen, den sie als Radfahrer in der Stadt so selten haben“. Die Familie wohne direkt unterhalb der Autobahn an der Offenbacher Stadtgrenze und leide unter dem Verkehrslärm.

Währenddessen warten an der nächsten Auffahrt Radelnde aus Richtung Hanau, um sich anzuschließen. „Coronatechnisch hintereinander“ kommen die einzelnen Gruppen zusammen, wie der ehrenamtliche Chef-Organisator Werner Buthe später am Mainkai berichten wird. Buthe, der auch die Sternfahrt zur IAA vor eineinhalb Jahren mit rund 25 000 Teilnehmenden organisiert und ein eigenes Computerprogramm für solche Fahrten entwickelt hat, wird „trotz zwei, drei Wochen Vorbereitungszeit“ ein positives Fazit ziehen. „Kein einziger Unfall und etwa 60 Sekunden Zeitunterschied“ bei Ankunft der Gruppen am Mainkai. 100 bis 150 ehrenamtliche Helfer und Helferinnen hätten die Veranstaltung unterstützt.

Ehe das Ziel erreicht ist, geht es für die Teilnehmenden aus Nord, Süd und Ost noch auf die Friedberger Landstraße. Dort staut es sich erneut. Johanna Fay (18) aus Sossenheim und ihre Freundin Mia Dogan (16), die von Hanau aus geradelt sind, haben sich kurz zum Ausruhen auf die Straße gesetzt. „Ich fahre ungern in der Stadt Fahrrad“, sagt Fay. Dabei habe es eigentlich nur Vorteile, zählt Dogan auf: „Fahrrad fahren ist umweltfreundlicher, man macht Sport und ist unabhängiger“. Der achtjährige Moritz Nitschke, der mit einer kleinen Gruppe aus Bergen-Enkheim herüber geradelt ist, drückt es noch etwas drastischer aus: „In 80 Jahren bin ich 88, dann kann ich hier auf der Erde fast nicht mehr leben, durch den ganzen Dreck, den die Autos machen“. Seine Mutter Stefanie Freitag, die erstmals mit ihren Kindern demonstriere, räumt ein, dass die Familie zwar ein Auto besitze, jedoch häufig stehen lasse. Das würde sich die 42-Jährige auch von anderen wünschen.

Am Mainkai, wo die Gruppen – aus allen Himmelsrichtungen herbei geradelt – ein eindrucksvolles Bild abgeben, sprechen sich Rednerinnen und Redner bei einer kurzen Kundgebung für einen Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) aus. „Wir wissen, dass wir eine Verantwortung für nachfolgende Generationen haben“, sagt die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Tabea Rösner, die für den ÖPNV ein „flächendeckendes 365-Euro-Ticket für alle“ fordert. Matthias Biemann vom Verkehrsclub Deutschland, der den Bau des Riederwald-Tunnels sowie einen fünfspurigen Ausbau der A 3 kritisiert, spricht von einer „fantastischen Zahl“ an Teilnehmenden. Gerechnet wurde lediglich mit 500 bis 1500.

Die Autobahn gehörte vorübergehend den Fahrrädern.
Die Abschlussveranstaltung fand am Mainkai statt.
Auch die Jüngsten demonstrierten am Sonntag mit.

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