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Frankfurt. 12.03.2021. Claus-Juergen Goepfert im Gespraech mit der Vorsteherin des Boersenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. Im Haus des Buches.
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Frankfurt. 12.03.2021. Claus-Juergen Goepfert im Gespraech mit der Vorsteherin des Boersenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. Im Haus des Buches.

Göpferts Runde

„Mir ist überhaupt nicht bange“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bleibt trotz der Corona-Pandemie optimistisch, auch was ihre Branche angeht.

Sie hat ihr Büro im Haus des Buches schon lange nicht mehr betreten. Doch für die FR verlässt Karin Schmidt-Friderichs ihr Homeoffice in Mainz und fährt in die Frankfurter Innenstadt. Ein negativer Corona-Schnelltest öffnet dem FR-Team die Tür. Und die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels empfängt die Gäste trotz der angespannten Situation der Branche mit einem strahlenden Lächeln. Gerade einmal vier Monate war die Verlegerin im Amt, als Anfang 2020 die Corona-Pandemie über Deutschland hereinbrach. Erlebt der Börsenverein jetzt die schlimmste Zeit in seiner bald 200-jährigen Geschichte? Die 60-jährige verneint das ganz entschieden: „Die schlimmste Zeit war, als der Börsenverein sich nicht genügend von Hitler distanziert hat.“

Inmitten heftigster öffentlicher Debatten und Schreckensbeschwörungen zu den Folgen von Corona für das Medium Buch ist das ein klares Wort. Die gebürtige Rheinland-Pfälzerin gehört, wie sie selbst sagt, „nicht zu den Menschen, die an Untergangsszenarien glauben“. Was die Zukunft des Buches angeht, bekennt sie sich zu demonstrativem Optimismus: „Mir ist überhaupt nicht bange.“ Das ist mehr als nur pflichtgemäßes Pfeifen im Walde. Für die studierte Architektin könnte das auch ein Lebensmotto sein. Sie ist gerade erst die zweite Frau an der Spitze in der langen, männerdominierten Geschichte des Börsenvereins. Die Mutter zweier Töchter muss sich in dieser Führungsposition genauso gegen Vorurteile behaupten, wie sie ihr schon mehrfach in den zurückliegenden Jahrzehnten begegnet sind.

Das Haus des Buches an der Braubachstraße liegt fast verlassen, leere Flure und Büros, nur der Empfang ist besetzt. In einem blendend weißen Sitzungssaal mit Blick über die Dächer des Stadtzentrums trinken wir heißen Kaffee und blenden in die Kindheit der Vorsteherin zurück. Ein „klassisches Astrid-Lindgren-Kind“ nennt sie sich selbst lachend. Eine bürgerliche, „behütete Familie“, der Vater Jurist, die Mutter in den frühen 1960er Jahren noch auf die Rolle der Hausfrau begrenzt, die Atmosphäre aber dennoch „eher fortschrittlich als konservativ“. Die Bücher der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren faszinierten die Tochter. Da war nicht nur die Figur der aufmüpfigen Pippi Langstrumpf, die zeigte, wie Kinder gegen Erwachsene aufbegehren können. Da war auch der dunkle Ritter mit der Eisernen Hand aus dem Roman „Mio, mein Mio“, der dem neunjährigen Mädchen Angst einjagte. Erst als Karin die Figur aus Ton töpferte, besiegte sie diese Furcht.

An den Schulen herrschte Anfang der 1970er Jahre gesellschaftliche Aufbruchstimmung, auch in Bingen und Mainz, wo das Mädchen aufwuchs. Die Studentenrevolte brachte die ersten jungen Lehrerinnen und Lehrer hervor, die sich mit „alten Komissköppen“ aus der Nazi-Zeit auseinandersetzten. Schon mit zwölf Jahren nervte die Tochter ihre Eltern durch ihr Interesse für Politik, organisierte bald Demonstrationen für mehr Mitbestimmung, setzte sich als Schulsprecherin an ihrem Gymnasium durch. Das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972, in dem zum ersten Mal die ökologischen Folgen einer Zerstörung des Lebensraums durch die Menschen thematisiert wurden, prägte die Schülerin wie andere ihrer Generation.

Aufbruch, aber wohin? Die Abiturientin erwog verschiedenste Studiengänge, erst Mathematik, dann Jura. Eine Lehre beim Star-Fotografen F. C. Gundlach in Hamburg zeigte ihr die Grenzen des eigenen Talents. Schließlich entschied sie sich für Architektur als Studienfach „in der Mitte“ ihrer Interessen. Damals gab es nur wenige junge Frauen, die sich das zutrauten. Die Studentin sah sich mit rüden Männer-Vorurteilen konfrontiert: „Mein Professor sagte mir, er glaube nicht, dass Frauen Statik können.“ Schmidt-Friderichs rebellierte gegen die damals vorherrschende architektonische Postmoderne: „Die hab ich total blöd gefunden, ich bin kein Mensch für Dekoration und Firlefanz.“ Ihr imponierte die Tessiner Schule der Architektur, Häuser mit einer klaren Formensprache, die sie vor Ort in Augenschein nahm. Aber auch das Museum für Kunsthandwerk des US-Architekten Richard Meier, das 1985 in Frankfurt am Main eröffnet wurde, gefiel ihr.

Als selbstständige Architektin spezialisierte sie sich auf die Sanierung von Altbauten, versuchte, historischen Bauwerken „mit Respekt etwas Neues entgegenzusetzen“. Doch diese Phase währte nur kurz. Es folgte, was Schmidt-Friderichs ganz unverblümt „eine klassische Genderthematik“ nennt. Ihr Ehemann erbte eine mittelständische Druckerei und begann, kunstvoll gestaltete Bücher zu entwerfen, zunächst in kleiner Auflage. Der damalige Direktor des Städel-Kunstmuseums in Frankfurt, Klaus Gallwitz, interessierte sich für diese Arbeiten, bald folgten Aufträge des Museums. Und 1991 trat das Ehepaar zum ersten Mal mit einem kleinen Stand bei der Frankfurter Buchmesse auf, den die Architektin entworfen hatte. Bald widmete sie sich nur noch dem Verlag für Typographie, Graphikdesign und kreative Werbung, der jetzt entstand.

Den Empfang für sie durch die Kolleginnen und Kollegen auf der Frankfurter Buchmesse beschreibt Schmidt-Friderichs heute noch als freundlich und hilfsbereit: „Wenn Du eine Frage hast, nur zu.“ Die Liebe zum kunstvoll und gut gestalteten Buch führte die Verlegerin später geradezu zwangsläufig an die Spitze der Stiftung Buchkunst in Deutschland, die sie von 2011 bis 2016 innehatte. Einmal im Jahr kürt eine Jury die schönsten deutschen Bücher in verschiedenen Kategorien, zunächst waren es noch 50 ausgewählte Werke, heute sind es 25. Es passt ins Bild, dass die Preisverleihung mittlerweile im Museum Angewandte Kunst, dem früheren Haus für Kunsthandwerk, organisiert wird.

Lange schon geht Schmidt-Friderichs in ihrer Rolle als Verlagseigentümerin auf. Das kleine Unternehmen, das im Jahr nicht mehr als 20 Neuerscheinungen vorlegt, hat sich erfolgreich in einer Nische des Buchmarkts etabliert. Sinn sei es, „Anregungen für die Szene“ zu geben, die Buchgestaltung weiter zu entwickeln, sagt sie selbstbewusst. Seit vielen Jahren nun schon erlebt die Verlegerin mit fortschreitender Digitalisierung, dass dem gedruckten Buch das Totenglöcklein geläutet wird. Diese negativen Szenarien schrecken sie nicht. 2018, ein Jahr vor dem Amtsantritt der Vorsteherin, hatte der Börsenverein in der Studie „Buchkäufer quo vadis?“ ermittelt, dass insbesondere Menschen zwischen 20 und 49 Jahren deutlich weniger Bücher kaufen und lesen als früher.

Die Verlegerin hält dem ihr Urteil entgegen, dass sich das gedruckte Buch trotz Digitalisierung noch immer „sehr, sehr tapfer schlägt“. Leserinnen und Leser bildeten noch immer „keine Minderheit“, sondern eine Mehrheit in der Bevölkerung. Und der E-Book-Reader, dem schon vor Jahren ein Siegeszug in Deutschland prophezeit worden war, habe sich nicht durchgesetzt. Tatsächlich nutzen lediglich etwa sechs Prozent der Lesenden in Deutschland E-Books. Die Vorsteherin führt das auf das „wahnsinnig dichte Netz von Buchhandlungen“ in einem „dicht besiedelten Land“ zurück.

Über den langen Tisch, an dem wir sitzen und reden, wandert ein Spiel von Licht und Schatten. Manchmal, das gesteht Karin Schmidt-Friderichs, packt sie in diesen Zeiten der Corona-Pandemie „ein Anflug von Selbstmitleid“. Natürlich hatte sich die Vorsteherin darauf gefreut, in ihrem Amt rund um die Welt zu reisen und an den verschiedensten Orten für die Buchbranche zu werben. Statt dessen sitzt sie in ihrer Wohnung in Mainz im Homeoffice und kommuniziert mittels Videokonferenzen mit der Welt dort draußen. Auch die Optimistin kann nicht leugnen, dass Corona die Buchbranche schwer getroffen hat. Viele Buchhändlerinnen und Buchhändler seien nach einem Jahr Pandemie „körperlich am Ende“. Und dennoch urteilt sie: „Wir zeigen große Kraft, Phantasie und Engagement auf allen Ebenen.“

Tatsächlich lag das Umsatzminus für die gesamte Branche im vergangenen Jahr nur bei 2,3 Prozent, im stationären Buchhandel allerdings bei 8,7 Prozent. Und dass die Buchhandlungen im Januar und Februar 2021 in fast allen Bundesländern für Publikum geschlossen waren, ließ den Umsatz gar um 16,3 Prozent einbrechen. In den Verlagen, so die Vorsteherin, seien in den zurückliegenden zwölf Monaten „viele Bücher verschoben worden“. In schweres Fahrwasser geriet das Aushängeschild des Börsenvereins, die internationale Frankfurter Buchmesse. Durch die Absage der physischen Veranstaltung im Oktober 2020 wegen Corona entstand ein wirtschaftlicher Verlust in zweistelliger Millionenhöhe, etwa 30 Arbeitsplätze mussten abgebaut werden.

Und doch zeigt sich Schmidt-Friderichs „ganz sicher“, dass „wir wieder Buchvorstellungen haben werden, bei denen sich die Menschen drängen“. Jetzt demonstriert die oberste Repräsentantin der Buchbranche wieder ihr strahlendstes Lächeln. „Wir sind Lebenslust-Wesen.“ Allerdings sei eine Rückkehr zur Normalität erst dann möglich, „wenn wir uns wieder sicher fühlen“. Und da spricht die Vorsteherin dann ausdrücklich von der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2022. Bis zu deren Ende, fügt sie lächelnd hinzu, sei sie ja auch gewählt.

Die Verlegerin untermauert ihren Optimismus mit einem geschichtlichen Vergleich. Sie erinnert an das zerstörte Deutschland nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1945. „Wer hätte damals geglaubt, dass die 50er Jahre mit dem Wirtschaftswunder kommen würden, dass die Menschen wieder mit Petticoats tanzen würden?“ Hilfreich sei in jedem Fall, dass das lange geplante zeitliche Nebeneinander von Frankfurter Buchmesse und Musikmesse auf dem gleichen Gelände im Oktober 2021 jetzt vom Tisch sei. „Wir sollten offen sein für Kooperationen, aber sie müssen passen.“ Vor allen Frauen und Männern in der Buchbranche, sagt sie mit ernstem Nachdruck, verneige sie sich angesichts ihres Verhaltens in den Zeiten von Corona: „Das Wort heißt Danke.“

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