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Mike Josef: Erfolgsgeschichte mit Pausenmodus

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Von: Georg Leppert

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Laute Reden sind sein Markenzeichen: Mike Josef beim Parteitag der SPD.
Laute Reden sind sein Markenzeichen: Mike Josef beim Parteitag der SPD. © Monika Müller

Mike Josef kam als Kind aus Syrien. Heute ist er in Frankfurt Planungsdezernent, Sportdezernent und SPD-Chef – und er muss harte Entscheidungen treffen. Ein Porträt.

An einem Tag im Sommer 2006, als fast das ganze Land über die Fußballweltmeisterschaft spricht, während die hessischen Studierenden mit aller Macht gegen die bevorstehende Einführung von Studiengebühren demonstrieren, an diesem Tag also zeigt Mike Josef, was in ihm steckt. Josef ist damals 23 Jahre alt, studiert Politik, Geschichte und Jura an der Frankfurter Goethe-Universität und ist bei den Jusos aktiv. Die Jugendorganisation der SPD liebt sein freches und entschlossenes Auftreten und schickt ihn in den Asta-Vorstand.

Als sich die Frankfurter Studierenden wieder zu einer ihrer zahlreichen Demos treffen, steht Mike Josef auf dem Campus Bockenheim und brüllt in ein Mikro, dass es eine Art hat. Er wettert gegen Studiengebühren und die CDU-Landesregierung im Allgemeinen und ist dabei doppelt so laut wie knapp zehn Jahre später bei seinen Reden als SPD-Fraktionschef im Römer. Und das will etwas heißen. Jedenfalls brüllt er am Ende seiner Rede, „Roland Koch darf nicht Bundeskanzler werden. Niemals!“. Und 5000 Menschen auf dem Campus jubeln.

16 Jahre später lässt sich sagen: Roland Koch, einst hessischer Ministerpräsident, ist nicht Bundeskanzler geworden. Niemals. Dafür ist Mike Josef mittlerweile der wichtigste SPD-Politiker in Frankfurt. Das hat er sich verdient, das hat er sich hart erarbeitet. Doch Vergnügen bereitet diese Rolle derzeit nicht unbedingt, wie gerade diese Woche zeigen wird.

Mike Josef ist Planungsdezernent. Am Mittwoch wird er in dieser Rolle bei der Jahresbilanz der Bauaufsicht vor die Presse treten. Mit Sicherheit wird wieder die Frage kommen, wie viele Sozialwohnungen geschaffen wurden. Im Jahr 2020 waren es 41. Einundvierzig. Im Jahr zuvor war es eine mehr. Das ist grotesk wenig. Ein Planungsdezernent, noch dazu ein Sozialdemokrat aus der linken Ecke der Partei, kann damit nicht zufrieden sein.

Mike Josef ist Sportdezernent. Zumindest in dieser Rolle kann er sich etwas entspannen. Am Mittwoch gibt es nach zwei Jahren Pause wieder den JP-Morgan-Lauf. Mehr als 20000 Menschen werden bei dem Firmenlauf durch Frankfurt rennen. Das sind zwar viel weniger als vor der Corona-Pause, aber es wird trotzdem schöne Bilder geben, die zeigen sollen, dass Frankfurt eine Sportstadt ist. In der vorigen Woche hat Josef auch eine Pressemitteilung veröffentlicht, die inhaltlich ziemlich belanglos war. Letztlich zählte der 39-Jährige darin nur auf, wie gut die Frankfurter Sportvereine seien: Die Fußballer der Eintracht spielen in der kommenden Saison Champions League, die Fußballerinnen ebenso, die Basketballer der Skyliners dürfen in der Bundesliga antreten … alles hinlänglich bekannt, aber so etwas erwähnt man natürlich gerne als Sportdezernent. Alles ist gut in der Sportstadt.

Alles? Wenn nur diese verdammte Multifunktionshalle nicht wäre, die irgendwo gebaut werden muss. Josef präferiert mittlerweile einen Standort am Stadion, die meisten anderen in der Koalition signalisieren, dass sie das Thema ziemlich leid sind.

Und dann ist Mike Josef auch noch seit zehn Jahren SPD-Chef in Frankfurt. Sein Aufstieg in der Partei hing auch mit Oberbürgermeister Peter Feldmann zusammen. Josef stritt an Feldmanns Seite, er unterstützte ihn schon im parteiinternen Duell gegen Michael Paris, er machte Wahlkampf für ihn, er war lange der Mann direkt neben Feldmann. Und der Oberbürgermeister sprach nur in den höchsten Tönen von Josef, es schien, als baue Feldmann seinen eigenen Nachfolger auf.

Am Donnerstag wird das Stadtparlament dem Oberbürgermeister sein Misstrauen aussprechen. In einem Monat soll es zur Abwahl kommen. Koalitionsintern wurde heftig um diesen Schritt gerungen. Möglich wurde er letztlich erst, als der SPD-Vorstand unter Mike Josef von Feldmann abrückte und ihn wegen der Korruptionsanklage zum Rücktritt aufforderte. Josef geht es nicht gut dabei. Er weiß, was er und was die SPD Peter Feldmann zu verdanken haben. „Es ging nicht anders“, sagte er zuletzt.

Wer über Mike Josef schreibt, muss über seine Herkunft schreiben – auch wenn diese für den Politiker in der Öffentlichkeit kaum ein Thema ist. Geboren wurde er in Kameshly, einer Stadt in Syrien. Die Eltern waren Christen und wurden verfolgt. Mit vier Jahren kommt er nach Deutschland, wird als Asylbewerber registriert. Die Familie zieht in die Nähe von Ulm.

Mike erlebt auf der Schule Ausgrenzung, für die Lehrkräfte ist er der Junge aus Syrien. Er spielt sehr gut Fußball, wechselt später zum SSV Ulm. Zeitweise sieht es so aus, als könne er Profi werden. Das klappt nicht. In der Schule bekommen alle Migranten einen handwerklichen Beruf empfohlen. Josef soll Vulkaniseur werden. Er weiß nicht, was das ist.

Mike Josef wird keine Fachkraft für Autoreifen – das sind Vulkaniseure nämlich –, sondern legt das Fachabitur ab. Er lernt viel, er hängt sich rein, er arbeitet mehr als andere, das tat er immer schon. Schließlich schafft er es nach Frankfurt an die Uni. Der Kampf gegen Studiengebühren wird sein politischer Durchbruch. Die Einführung der Campus-Maut kann er nicht verhindern. Er verliert auch eine Klage vor dem Staatsgerichtshof, die er mit einem breiten Bündnis eingereicht hatte. Aber das gesellschaftliche Klima kippt, das ist auch der Verdienst von Menschen wie ihm. Ein Jahr und eine Landtagswahl später ist Mike Josef am Ziel. Die Studiengebühren werden wieder abgeschafft.

Diese Geschichte könnte Josef wieder und wieder erzählen. Das Flüchtlingskind, der Junge aus Syrien, dem niemand etwas zugetraut hat, der es geschafft hat, was für eine Story, so jemand muss doch irgendwann Oberbürgermeister werden. Doch Josef geht sehr sparsam mit Erzählungen über seine Herkunft um. In einem Interview mit der FR sagte er einst: „Ich wehre mich dagegen zu sagen: Weil ich einen Migrationshintergrund habe, will ich daraus einen Vorteil ziehen.“

Josef ist schon über 30 Jahre alt und Familienvater, als er erlebt, wie sich politische Niederlagen anfühlen. Als Planungsdezernent lernt er bittere Realitäten kennen. Die Pläne für das Baugebiet im Nordwesten der Stadt – von manchen hämisch „Josefstadt“ genannt – kommen kaum voran. Der Widerstand vor Ort ist stark, die Macht der regionalen Institutionen viel größer als gedacht. Und in den Günthersburghöfen werden keine Wohnungen gebaut, das haben die Grünen durchgesetzt. Klimaschutz hat ab jetzt immer Vorrang.

Doch zuletzt vermeldete Josef vermehrt Erfolge. Innerhalb von fünf Wochen feierte er den Baubeginn im Schönhofviertel (2000 Wohnungen), auf dem früheren Avaya-Areal im Gallus (1300 Wohnungen) und in einem neuen Viertel am Rebstock (880 Wohnungen). Dank Regelungen, die nicht zuletzt Mike Josef durchboxte, werden viele der Wohnungen gefördert sein. Auch Sozialwohnungen werden in den nächsten Jahren entstehen. Viel mehr als 41.

Wie geht es weiter mit Mike Josef? Dass er nicht bis zum Renteneintritt Dezernent bleiben wird und will, ist klar. Aber tritt er wirklich bei der nächsten OB-Wahl in Frankfurt an, wie oft spekuliert wird? Und wäre das klug? Wie wahrscheinlich ist es, dass die SPD diese Wahl gewinnt – nach dem Ärger mit Feldmann und vielen Wahlsiegen der Grünen? Eine Niederlage würde seine Karriere ins Stocken bringen, müsste aber nicht das Ende sein, wie der 2012 unterlegene OB-Bewerber Boris Rhein (CDU) als frisch gewählter Ministerpräsident gerade beweist. Oder liegt Josefs Zukunft im Landtag oder gar in der Bundespolitik?

Josef äußert sich zu diesen Themen selten. Derzeit stellten sich diese Fragen doch gar nicht, sagt er meistens. Gerade jetzt hat er ohnehin andere Aufgaben. Vor allem in dieser Woche.

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