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Fast 100 Jahre alt und immer noch zeitlos modern sind diese Häuser in der Römerstadt in Frankfurt. Sie könnten Weltkulturerbe werden.
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Fast 100 Jahre alt und immer noch zeitlos modern sind diese Häuser in der Römerstadt in Frankfurt. Sie könnten Weltkulturerbe werden.

Weltkulturerbe

Interview mit Mike Josef: „Das Neue Frankfurt steht für den Aufbruch in die Moderne“

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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  • Christoph Manus
    Christoph Manus
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Mit zwei Siedlungen der 1920er-Jahre bewirbt sich die Stadt Frankfurt für den Titel Weltkulturerbe. Planungsdezernent Mike Josef (SPD) will stärker an das Erbe Ernst Mays erinnern.

Herr Josef, Stadt und Land wollen erreichen, dass die vor fast 100 Jahren errichteten Frankfurter Siedlungen Römerstadt und Höhenblick als Welterbe anerkannt werden. Wozu eigentlich?

Ich finde es sehr wichtig, dass wir das baukulturelle Erbe der 20er-Jahre wieder stärker in den Fokus nehmen. Das Neue Frankfurt kann für den Aufbruch in die Moderne stehen, für einen neuen Umgang mit der Baulandschaffung, für umfassende Stadtentwicklung: mit dem Ausbau des Zentrums einerseits und neuen Siedlungen mit Grünräumen – angebunden durch neue Straßenbahnlinien, für neue Wohnungstypen. Auch wenn man heute einiges anders machen würde, so wurde alles zusammen gedacht – das war wirklich neu. Es gab große Lust auf Veränderung.

Wie meinen Sie das?

In dieser Zeit wurden wesentliche Weichen für eine wirtschaftlich starke Stadt gelegt, mit der Wiederbelebung der Messe, mit der Großmarkthalle, dem Flughafen am Rebstock, dem Ausbau des Straßenbahnnetzes, neuen Schulen, dem Stadion(bad), den neuen Siedlungen. Unter Stadtbaurat Ernst May, Kämmerer Bruno Asch und Oberbürgermeister Ludwig Landmann sind die Grundlagen für das Frankfurt entstanden, das wir heute kennen. Ohne ihre Arbeit hätte es den Aufschwung Frankfurts nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben.

Wieso setzen Sie gerade auf diese beiden Siedlungen?

Höhenblick und Römerstadt, die nach dem Vorbild der Quartiere englischer Gartenstädte angelegt wurden, bilden mit dem Niddapark eine einzigartige Situation. Die Dimensionen und dieses Zusammenspiel von Stadt und Freiraum, die sehr bewusste Platzierung der Siedlungen an den Hängen des Niddatals – heute ist das ein wichtiger Teil des Grüngürtels – , war damals städtebaulich neu. Ähnliche Pläne gab es auch in anderen Städten. Aber nur hier wurden sie in dieser Konsequenz umgesetzt. Zudem wurden wir auch von nationalen und internationalen Welterbe–Expert:innen dahingehend beraten, eine klaren städtebaulichen Fokus zu setzen.

Zumindest die Römerstadt ist zu einem großen Teil nicht unbedingt in einem guten Zustand ...

In den vergangenen Jahrzehnten wurde nicht immer angemessen mit dem Erbe des Neuen Frankfurts umgegangen. Der zum Teil schlechte Zustand der Siedlungen hat auch eine große Rolle gespielt, als unsere erste Bewerbung scheiterte. In der Römerstadt ist die ABG mit unserer Unterstützung bereits dabei, die Häuser nach und nach instandzusetzen. Neue Fenster werden eingebaut, die Türen werden erneuert, die Häuser bekommen einen neuen Anstrich, zum Teil werden auch die Dächer gemacht. Viel ist etwa schon in der Nähe des Forums Neues Frankfurt an der Hadrianstraße passiert. Sehr wichtig ist es auch, die Freiflächen zu erneuern. Das wird mit Bürgerbeteiligung geschehen.

Noch vor gut zehn Jahren wurde im Höhenblick ein Haus abgerissen und durch eine völlig überdimensionierte Villa ersetzt. Sie werden die Siedlungen auch besser schützen müssen, wenn diese Weltkulturerbe werden sollen.

Wir brauchen einen anderen Umgang mit diesem historischen Erbe als in früheren Zeiten, eine Bewusstseinsveränderung. Es ist Zeit, die Siedlungen besser zu schützen und weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt jährt sich 2025 zum 100.-mal der Beginn des Neuen Frankfurts, was wir groß feiern wollen.

Der Titel Unesco-Welterbe

Aktuell hat die Unesco , die Bildungs- und Kultur-Organisation der Vereinten Nationen, 1154 Welterbestätten in 167 Ländern unter besonderen Schutz gestellt, 51 von ihnen in Deutschland. Ganz oder teilweise in Hessen liegen das Kloster Lorsch an der Bergstraße, die Grube Messel und die Darmstädter Mathildenhöhe, der Limes, das obere Mittelrheintal, der Nationalpark Kellerwald-Edersee und der Bergpark in Kassel-Wilhelmshöhe.

Mit den beiden Mitte/Ende der 1920er Jahre errichteten Siedlungen Römerstadt und Höhenblick unter Stadtbaurat Ernst May (1886-1970) will die Stadt Frankfurt sich für den begehrten Titel bewerben. Planung und Bau dieser „Stadtlandschaft der Moderne“ erregten international große Aufmerksamkeit. In Frankfurt entstanden in dieser Zeit des „Neuen Bauens“ zahlreiche Mammutprojekte wie das IG-Farben-Haus, die Großmarkthalle und Siedlungen mit tausenden Wohnungen. Römerstadt und Höhenblick sollen repräsentativ dafür stehen.

Über neue Welterbestätten entscheidet einmal im Jahr ein zwischenstaatliches Komitee, in dem die Mitgliedsländer vertreten sind. Die einzelnen Mitglieder treffen eine Vorauswahl und reichen diese so genannte Tentativliste dann ein. Frankfurt unternimmt aktuell nach 2012/13 den zweiten Versuch, auf die Liste gesetzt zu werden. Schon eine Nominierung wäre eine große Anerkennung.

Weil bisher sehr viele Welterbe-Titel nach Europa oder Nordamerika vergeben wurden, bemüht sich die Unesco verstärkt um eine größere Vielfalt. Für deutsche Bewerbungen bedeutet das: Es wird immer schwieriger, den begehrten Titel zu erhalten.

Mit der Anerkennung durch die Unesco ist häufig auch eine größere Aufmerksamkeit - sprich mehr und internationale Reisende - verbunden. Das kann bedrohte Welterbestätten besser schützen, aber durch neue Besucherströme auch eine größere Belastung mit sich bringen. aph

Bisher ist es gar nicht so leicht, die Siedlungen und den Park als Ensemble wahrzunehmen. Wer vom Höhenblick in die Römerstadt will, muss sich gut auskennen und braucht einige Zeit ...

Das ist richtig. Es wird Teil unserer Arbeit sein, gerade die Wegeverbindungen für Fußgängerinnen und Fußgänger zu verbessern. Dafür kann etwa ein Zuschuss aus dem Bundesförderprogramm Nationale Projekte des Städtebaus in Höhe von fünf Millionen Euro verwendet werden, den wir um 2,5 Millionen Euro aufgestockt haben.

Wenn die Römerstadt und der Höhenblick Weltkulturerbe würden, kämen auf die Bewohnerinnen und Bewohner massive Änderungen zu. Manche Welterbestätten werden vom Tourismus regelrecht erdrückt. Wie wollen Sie mit dem Ansturm umgehen?

Ich bin mir sicher, dass der Welterbe-Titel für uns gut wäre, und das auch, weil er vielen Frankfurterinnen und Frankfurtern erst deutlich macht, was für ein baukulturelles Erbe wir in unserer Stadt haben. Die Menschen, die in der Römerstadt wohnen, profitieren zudem davon, dass die Häuser saniert und aufgewertet werden, ohne dass sie befürchten müssen, deshalb höhere Mieten zu zahlen. Dass sich das Besucherinteresse zu stark auf Römerstadt und Höhenblick konzentrieren würde, glaube ich nicht. Wir werden den Menschen, die sie besuchen wollen, ja zeigen, was es allein aus der Zeit des Neuen Frankfurts noch alles außer diesen Siedlungen in der Stadt zu entdecken gibt. Schon dadurch wird sich das Touristenaufkommen verteilen.

Auch die Heimatsiedlung in Sachsenhausen und die Siedlung Riederwald-Ost sollen mit Geld von Bund und Stadt saniert werden. Ist das Ziel, nach und nach die Qualitäten aller Ernst-May-Siedlungen wieder herauszuarbeiten?

Ja, wir wollen die Eigentümer:innen auch anderer 20er-Jahre-Siedlungen dabei unterstützen, sinnvoll und denkmalgerecht mit dem kulturellen Erbe umzugehen. Für mich stehen die Siedlungen nicht zuletzt für eine große Nachhaltigkeit. Bäder, Schulen oder auch die Wohngebäude stehen seit mittlerweile einem Jahrhundert und werden gut angenommen. Die Gebäude wurden seriell gebaut. Das war schnell und günstig. Sie haben sehr gute Grundrisse, die sich immer den Bedürfnissen anpassen ließen. Innerhalb weniger Jahre entstanden 12 000 Wohnungen.

Was kann man denn von der Art, wie damals Gebäude errichtet und wie Quartiere geplant wurden, lernen?

Etwa, die Siedlungen und die Anordnung der Häuser sehr stark vom Grün und den Straßenräumen her zu planen. Wenn Sie heute durch die Siedlungen des Neuen Frankfurts laufen, sehen Sie immer noch sehr viele Frei- und Grünflächen und sehr grüne und ästhetische Straßenräume, obwohl ja ganze Straßenzüge aneinandergebaut wurden. Das macht den Wert der Viertel aus. Man hat auch die Infrastruktur gleich mitgedacht, Schulen, die Straßenbahn. Die Stadt, die Vorgänger der ABG, die Genossenschaften, die Architektinnen und Architekten haben gemeinsam eine ganzheitliche Idee verfolgt.

Und die Häuser selbst? Inwiefern lässt sich von diesen etwas für die heutige Architektur lernen?

Die Häuser sind meist klein, haben höchstens 100 Quadratmeter, aber gute Grundrisse mit vielen kleinen Zimmern, was für Familien eher von Vorteil ist. Sie leben stark von einem engen Zusammenspiel zwischen Freiraum und Wohnung. Es gibt eine Terrasse oder einen Balkon, Dachterrassen, Wintergärten. In den Siedlungen ist oft ein Park um die Ecke, ein Spiel- oder Sportplatz. Man spürt noch heute die Idee von Luft, Licht und Sonne.

Interview: Andreas Hartmann und Christoph Manus

Mike Josef (38, SPD) ist seit 2016 Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt.
Große Gärten prägen die Siedlung Höhenblick in Frankfurt. Die meisten Häuser sind heute in Privatbesitz.

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