+
Justitia.

Frankfurter Anwaltsverein

Ohne Rat muss niemand gehen

  • schließen

Die soziale Rechtsberatung des Frankfurter Anwaltsvereins hilft seit 100 Jahren. Die Anliegen der Menschen sind unterschiedlich. Oft geht es um Zivilrecht, etwa um Handyverträge, aber auch um Arbeits-, und Mietrecht.

Die Stühle vor Zimmer 108 im ersten Stock des Frankfurter Amtsgericht sind voll besetzt. Ein junger Mann wartet mit seiner Mutter, dass er hereingerufen wird. „Es gibt Probleme mit meinem Stiefvater“, sagt er. Nun wollen sie sich in der sozialen Rechtsberatung des Frankfurter Anwaltsvereins erkundigen, wie man gegen den Mann vorgehen kann, der nicht aus der Wohnung ausziehen will. Die Frau neben ihnen möchte erfragen, ob zu ihrer Miete ein Zuschuss möglich ist. „Ich bin Frührentnerin, mir bleiben nur 170 Euro im Monat zum Leben, wie soll ich das machen?“ Ein paar Sitze weiter will eine Frau wissen, ob ihre Kündigung rechtens ist.

Hinter der Tür warten zwei Anwälte auf die Ratsuchenden. Erich Hünlein ist einer von rund 45 Ehrenamtlichen. Der Experte für Arbeitsrecht hilft wegen der sozialen Komponente. „Für viele ist der Gang zum Anwalt eine schwer überwindbare Hürde“, sagt er. Die meisten würden ihre Möglichkeiten nicht kennen, dächten, es koste viel Geld und seien unsicher, ob es Sinn habe. 
Seit 100 Jahren gibt es die Rechtsberatungsstelle. Unterbrochen wurde die Arbeit nur während des Dritten Reichs, 1948 rief man sie erneut ins Leben. Rund 4000 Beratungen nehmen die Anwälte im Jahr vor. Die meisten helfen einmal im Monat in der vormittäglichen Sprechstunde aus. „Probleme, Freiwillige zu finden haben wir nicht“, sagt Siegfried Neufert. Der Vorsitzende des Anwaltsvereins hilft selbst seit 30 Jahren, und findet „das immer wieder spannend“. 10 bis 15 Minuten seien für eine Beratung veranschlagt, oft werde die Zeit jedoch überzogen. Die Anwälte schauten zuerst, ob überhaupt ein juristisches Problem vorliege. 

Die Anliegen der Menschen sind unterschiedlich. Oft gehe es um Zivilrecht, etwa um Handyverträge, aber auch um Arbeits-, und Mietrecht. Familienrechtsfragen, wenn also um Unterhalt oder Sorgerecht gestritten wird, seien ebenfalls an der Tagesordnung, sagt Geschäftsführerin Bianca Reuter. Jeder, der nicht schon von einer Kanzlei vertreten wird, bekommt eine Antwort. Es kommen Menschen aller Schichten und Hintergründe, nicht nur aus Frankfurt. Sofern es sich aus den Erzählungen oder Unterlagen ergibt, dass der Rechtssuchende bedürftig ist, wird die Beratung kostenlos gewährt. Ansonsten wird eine Gebühr von zehn Euro erhoben. 

Die meisten Menschen kommen aus prekären Verhältnissen. „Da muss man manchmal auch Sozialarbeit leisten“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Waltraut Verleih, die seit 20 Jahren dabei ist. Und wer aufgebracht auftrete, den versuche man erst mal zu beruhigen. „Das Bitterste ist, wenn Betroffenen zu lange warten und sich nicht trauen, sich zu wehren“ – und dann beispielsweise ihre Lohnansprüche so spät stellten, dass ihnen nichts mehr zustehe.

Auch wenn die Anwälte ein Problem nicht lösen können: Wichtig sei, dass die Ratsuchenden wüssten, wie der nächste Schritt aussehe. Das kann sein: „Schreiben Sie einen Brief, gehen Sie zur Beratungshilfeabteilung und beantragen einen Berechtigungsschein, gehen Sie zu einem Anwalt und lassen sich vertreten.“ Oder auch: „Lassen Sie es sein, das kostet nur Geld.“ Ohne Rat abgefertigt werde hier niemand.

In den vergangenen Jahren sei der Ansturm auf die Beratung ein wenig zurückgegangen, sagt Verleih. Möglicherweise, weil es mehr Hilfestellen gebe. Denn in Zeiten der Gründung habe noch nicht mal eine Rechtsberatung für Arbeitssuchende existiert. Und erst in den 1970er Jahren gründeten sich etwa Mieterschutzverbände. Vielleicht liege es auch am Internet. Das ersetze aber nicht die Arbeit der ehrenamtlichen Anwälte, denn die schauen sich die Papiere und jedes Problem ganz individuell an.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare